SZ-Serie: Vogelwuid:Wally legt sich mit Steinadler an

SZ-Serie: Vogelwuid: Inzwischen hat sich Wally zu einem imposanten Bartgeier entwickelt.

Inzwischen hat sich Wally zu einem imposanten Bartgeier entwickelt.

(Foto: Richard Straub/LBV)

Die zwei ausgewilderten Bartgeier-Weibchen am Knittelhorn erleben allerhand Abenteuer in der freien Wildbahn. Vor allem der SZ-Vogel erweist sich als tollkühn und provoziert die Nachbarn. Die lassen sich nicht alles gefallen.

Von Christian Sebald, Ramsau

Es ist keine drei Wochen her, dass Wally zu ihrem ersten Flug abgehoben hat. Inzwischen hat das Bartgeier-Weibchen nicht nur die heftigen Unwetter und Gewitter gut überstanden, die dieser Tage über dem Nationalpark Berchtesgaden getobt haben. Sondern es hat sich zu einer sehr routinierten Fliegerin entwickelt. Wenn die Thermik am Knittelhorn gut ist, lassen sich Wally und Bavaria inzwischen schon mal in Höhen von 2000 Metern und mehr hinauftragen und segeln dann über den Felsgipfeln herum. So berichtet es Toni Wegscheider. Der Biologe leitet die Wiederansiedlung von Bartgeiern im Nationalpark Berchtesgaden, die von der SZ begleitet wird. Wally - den Namen wählten SZ-Leser aus - und Bavaria sind die ersten beiden, die in dem Projekt ausgewildert worden sind. Sie erlernen nun das Leben in freier Wildbahn.

Dieses Lernen ist voller Abenteuer. Vor allem Wally ist ein sehr agiler und neugieriger Jungvogel, sie erkundet voller Tatendrang das Gebiet am Knittelhorn. Neulich hat sie sich sogar über ein paar Tage hinweg regelrechte Luftkämpfe mit den Steinadlern geliefert, die ihren Horst am nahen Hochkalter haben. Beim vorläufig letzten hat das Paar Wally so heftig attackiert, dass sie panisch Fersengeld gegeben hat. "Und zwar aus der Halsgrube raus, über das Knittelhorn richtig weit weg", berichtet Wegscheider. "Wally war komplett außer Sichtweite, erst am nächsten Mittag ist sie wieder aufgetaucht."

Der Reihe nach. Das Steinadler-Paar ist alt und sehr erfahren, es hat seit elf Jahren seinen Horst am Hochkalter. Aktuell zieht es dort ein Junges auf. Die beiden Elterntiere sind mächtige Greifvögel. "Das Weibchen hat eine Spannweite von 2,30 Meter", sagt Wegscheider. "Das Männchen ist etwas kleiner und jünger. Aber es kommt auch auf gut zwei Meter Spannweite." Steinadler und Bartgeier tun sich für gewöhnlich nichts. Sie sind keine Konkurrenten, schon allein weil Bartgeier hauptsächlich Knochen von abgestürzten Gämsen und anderem Fallwild fressen. Steinadler interessieren sich nicht für Knochen.

Die Steinadler am Hochkalter sind es allerdings gewohnt, dass sie die Alleinherrschaft über den Luftraum in der Region haben. Denn sie sind bisher die einzigen mächtigen Greifvögel dort. Zwar waren Bartgeier Jahrhunderte lang auch in den Berchtesgadener Bergen heimisch. Dann wurde Gypaetus barbatus, wie die Art auf Lateinisch heißt, alpenweit ausgerottet. Bartgeier sind mit 2,90 Metern Flügelspannweite noch mächtiger als Steinadler. In den Achtzigerjahren begann man mit der Wiederansiedlung der Aasfresser. Aktuell leben etwa 300 Bartgeier in den Alpen. Das Projekt in Berchtesgaden, das der Landesbund für Vogelschutz betreibt, soll die Lücke zum Balkan schließen.

SZ-Serie: Vogelwuid: Biologe Toni Wegscheider bringt seit der Auswilderung Futter in Form von Gamsläufen und Schädeln den beiden Bartgeier-Weibchen zum Fressen.

Biologe Toni Wegscheider bringt seit der Auswilderung Futter in Form von Gamsläufen und Schädeln den beiden Bartgeier-Weibchen zum Fressen.

(Foto: Richard Straub/LBV)

"Mit den beiden sind auf einmal noch größere Greifvögel in den Berchtesgadener Bergen unterwegs, als es die Steinadler sind", berichtet Wegscheider. "Das hat da Paar natürlich sehr neugierig gemacht, das Knittelhorn gehört zu ihrem Revier, sie sind da immer präsent." So auch in den vergangenen Wochen. Mindestens ein Steinadler ist immer wieder vom Hochkalter herüber geflogen und hat erkundet, was da los ist. Das Ganze war kein Problem, so lange Wally und Bavaria dem Steinadler nicht wirklich nahe kamen. Erst, weil die beiden noch nicht fliegen konnten und den ganzen Tag in ihrer Felsnische verbrachten. Später, weil ihre Flüge noch sehr bodennah waren, wie Wegscheider sagt.

Vor gut einer Woche hatten Wally und Bavaria dann aber den Kniff mit der Thermik raus. "Auf einmal konnten sie sich von den warmen Luftströmen weit nach oben tragen lassen und haben die Flughöhe des Steinadlers erreicht, der da gerade unterwegs war", berichtet Wegscheider. Und was hat Wally gemacht? "Sie hat sich gleichsam auf den Steinadler gestürzt", sagt Wegscheider. "So als wollte sie ihm klar machen, dass der Luftraum am Knittelhorn jetzt ihr Revier ist." Natürlich hat Wally den Steinadler nicht ernsthaft angegriffen. "Das waren spielerische Attacken", sagt Wegscheider, "sie hatten etwas Rabaukenhaftes, Ungestümes, Halbwüchsiges."

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Für den Steinadler hat es gereicht. Er war von Wallys Treiben offenkundig so verblüfft, dass er es sich ohne Gegenwehr hat bieten lassen. "Das eine Mal hat Wally ihn über die Halsalm vertrieben", sagt Wegscheider. "Das andere Mal hat sie ihn bis zum Hochkalter verfolgt und ist erst nach ein paar Stunden zurückgekehrt." Vom Knittelhorn zum Hochkalter und zurück sind es etwa sieben Kilometer Luftlinie. Das ist richtig weit. Bis dahin ist Wally auf ihren Übungsflügen vielleicht einen Kilometer am Stück geflogen.

Dann kam der Sonntag. In der Mittagszeit sind die Steinadler vom Hochkalter ans Knittelhorn geflogen und haben gemeinsam zurückgeschlagen. "Sie haben nicht abgewartet. Als Wally auf sie los ist, haben sie angegriffen", sagt Wegscheider, "und zwar richtig heftig, von oben, von hinten, alles was Vögel überhaupt nicht abkönnen." Wally, die nicht mit einer solchen Gegenwehr gerechnet hat, ist auf und davon. Über das Knittelhorn hinweg in Richtung bayerisches-salzburgerisches Grenzland zu den Mühlsturzhörnern. Dort hat sie sich irgendwo unter einem Felsüberhang oder in einer schmalen Nische verkrochen und nicht mehr wegbewegt.

Wegscheider und sein Team haben die Luftkämpfe nicht nur live beobachtet. Sondern sie auch anhand der Daten nachvollzogen, die das GPS-Gerät, das Wally auf ihrem Rücken trägt, auf ihre Computer überspielt. Wegscheider wusste die ganze Zeit, dass Wally nicht verloren war. Sondern, dass sie die folgende Nacht etwa 2,5 Kilometer Luftlinie entfernt an den Mühlsturzhörnern verbringt. Dank dem GPS-Gerät hat Wegscheider das Bartgeier-Weibchen auch dann im Blick, wenn er in seinem Büro am Schreibtisch sitzt.

Gleichwohl war Wegscheider erleichtert, als Wally am Montagmittag in die Felsnische am Knittelhorn eingeflogen ist. Der Rest ist rasch erzählt. "Sie war erschöpft und ausgehungert", sagt Wegscheider. "Sie hat sich schnurstracks auf das Futter gestürzt, das wir ausgelegt hatten." Seither ruhen sich Wally und Bavaria in der Felsnische aus. Wallys Abenteuer hat auch Bavaria mitgenommen. "Bavaria hat Wally sehr vermisst", berichtet Wegscheider. "Sie hat stundenlang laut nach ihr gerufen."

© SZ vom 28.07.2021
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