Nach Ansbach-Attentat Wenn der Profiler die Fans beobachtet

Bayreuther Festspiele 2016.

(Foto: dpa)

Wie können Großveranstaltungen wie die Wagner-Festspiele in Bayreuth besser geschützt werden? Personal wäre eine Lösung - aber der Markt ist leergefegt.

Von Maximilian Gerl und Jens-Christian Rabe

Jedes Jahr veranstaltet Neuburg an der Donau ein Volksfest, für viele Einheimische ist es das Großereignis des Sommers. Es gibt Zelte, Buden und Akttraktionen, 100 000 Besucher kommen, am Freitag soll es endlich losgehen. Doch nachdem ein Selbstmordattentäter bei einem Musikfest in Ansbach 15 Menschen verletzt hat, stehen plötzlich auch in Neuburg Sicherheitskonzepte auf den Prüfstand, die sich bislang eigentlich bewährt hatten.

"Das war heute Morgen schon ein etwas anderer Moment", sagt Stadtsprecher Bernhard Mahler. "Wir haben als erstes mit der örtlichen Polizeiinspektion gesprochen." Das Fazit: Mehr Sicherheitsmaßnahmen seien nicht zielführend, weil sie kein Mehr an Sicherheit herstellten. Die Polizei werde mit Streifengängen und am Wochenende mit einer mobilen Wache Präsenz zeigen. "Alles läuft wie bisher", fasst Mahler zusammen.

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Schon seit Längerem steht die Frage im Raum, wie sich Großveranstaltungen besser schützen lassen. Zuletzt sorgte in Bayreuth ein neues Sicherheitskonzept für die Richard-Wagner-Festspiele für Wirbel: Als der Bühnenbereich mit Zäunen abgetrennt werden sollte, protestierten sofort einige Prominente.

Dann kamen der Axt-Angriff in Würzburg am Dienstag, der Münchner Amoklauf am Freitag und das Sprengstoffattentat in Ansbach am Sonntag. Jetzt sind die Sicherheitsvorkehrungen in Bayreuth noch schärfer, am Montag patrouillierten Polizeikräfte rund um den Grünen Hügel. Und Bayern debattiert endgültig darüber, wie sich gerade auf Veranstaltungen mehr Sicherheit herstellen lässt.

Auf 100 Besucher kommt ein Sicherheitsmitarbeiter

Das Problem: Sicherheit hat Grenzen. Das fängt schon beim Personal an. "Der Markt ist wie leer gefegt", sagt Markus Drasch von Bavaria Sicherheitsdienst. Viele Firmen suchten dringend nach neuen Mitarbeitern, er wisse von einem Kollegen, der habe 20 Stellen offen. "Man kann ja nicht jeden nehmen", sagt Drasch über potenzielle Bewerber: Wer eine Vorstrafe habe, komme ohnehin nicht in Frage.

Tatsächlich ist die Nachfrage nach qualifiziertem Sicherheitspersonal zuletzt stark gestiegen. Zum einen, weil die Auflagen für Veranstaltungen strenger wurden, in der Regel kommt auf 100 Besucher ein Sicherheitsmitarbeiter. Zum anderen, weil es mehr Objekte gibt, die bewacht werden, etwa Flüchtlingsunterkünfte. Doch selbst mit mehr Personal lässt sich der öffentliche Raum nur schwer schützen - seien es Züge, Einkaufszentren oder Festivals. Der Münchner Amokläufer bereitete sich wohl ein Jahr lang auf seine Tat vor und folgte einem genauen Plan. Den müssen Sicherheitskräfte und Polizei erst einmal durchschauen, um entsprechend reagieren zu können.

Sicherheitsmann Drasch hat die Berichterstattung über das Attentat in Ansbach genau verfolgt, quasi aus Berufsinteresse. Ein Attentäter sei auch deshalb schwer zu stoppen, sagt Drasch, weil er eben so schwer zu erkennen sei. "Das Personal direkt drauf schulen - das kann, glaub' ich, nur die Polizei", sagt er. Wenn sich jemand auffällig verhalte, dann könne man die Gefahr vielleicht rechtzeitig bemerken. "Aber wenn der sich ruhig verhält, wird es schwierig." Absolute Sicherheit lasse sich auf Veranstaltungen leider nicht herstellen.

Mehr Personal für mehr Sicherheit

Viele Veranstalter wollen trotzdem personell aufrüsten. Marek Lieberberg, Deutschlands führender Musikveranstalter, sagt dazu: "Wir werden etwa im Umkreis der Stadien und Hallen künftig auch Personal zur Beobachtung, also Spotter und Profiler, einsetzen." Alle Mitarbeiter müssten noch genauer kontrolliert und mit Bildausweisen ausgestattet werden.

Bei Körperkontrollen an Eingängen sollen sich künftig keine größeren Menschenaufläufe mehr bilden, Konzertbesucher sollten am besten nur Schlüsselbund, Handy und Portemonnaie dabei haben. "Zudem hoffen wir auf die sichtbare Präsenz der Polizei an den Einlässen", sagt Lieberberg. Auch Kollege Peter Faust von Bavamont in Füssen will der Situation "Rechnung tragen", wie er sagt: Derzeit organisiert Faust ein historisches Festival in Tirol, für das er nun zusätzliches Sicherheitspersonal engagieren will, unter anderem für Streifengänge auf dem Gelände.

In Neuburg an der Donau ist man sich sicher: Die Leute werden auch dieses Jahr wieder aufs Volksfest gehen, gefühlte Bedrohung hin oder her. "Natürlich ist es schwierig" sagt Mahler, "jeder muss das für sich entscheiden." Angesichts der jüngsten Ereignisse komme man schon ins Nachdenken. Trotzdem: Eine Absage des Volksfestes habe nie zur Debatte gestanden. "Wer etwas Schreckliches tun will", sagt Mahler, "wird sich leider nur schwer davon abhalten lassen."

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