Mundart Forscher arbeiten seit 100 Jahren am Bayerischen Wörterbuch

Die Heidelbeere hat in Bayern unterschiedliche Namen. In der Dachauer Gegend wird sie Aiglbia genannt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Doch fertig ist es längst nicht.

Von Hans Kratzer

In Buchhandlungen beschleicht einen aufmerksamen Leser manchmal der Verdacht, es gebe mittlerweile mehr bayerische Wörterbücher als einschlägige Romane. Über allen Werken aber strahlt das Bayerische Wörterbuch, das zu den ältesten Forschungsprojekten an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zählt. Die mit der Herausgabe beauftragte "Kommission für Mundartforschung" wurde bereits 1911 gegründet. Und es werden noch weitere 40 Jahre ins Land gehen, bis das Projekt abgeschlossen wird. Erst im Jahr 2060 soll das Bayerische Wörterbuch komplett vorliegen.

Interessenten können aber jetzt schon von den Forschungsergebnissen profitieren. Seit kurzem glänzt nämlich das Bayerische Wörterbuch mit einem neuen Internetauftritt (www.bwb.badw.de). Für alle, die an der Sprache interessiert sind, öffnet sich hier ein riesiges und höchst spannendes Informationsfeld. Seit den Anfängen des Projekts vor gut hundert Jahren sind beispielsweise gut sieben Millionen Belege zusammengetragen worden, resultierend aus Befragungen, aus der Literatur, aus Urkunden, Koch- und Arzneibüchern sowie aus mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften.

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Die neue Webseite gewährt nun breite Einblicke in die Sammlungen des Bayerischen Wörterbuchs: So sind jetzt mehr als 100 000 Fragebögen, die seit 1958 von Mundartsprecherinnen und -sprechern ausgefüllt wurden, digital einsehbar. Man kann sich zum Beispiel für einen bestimmten Ort alle Mundartbelege anzeigen lassen. Zum Wort Heidelbeere findet sich etwa für Dachau: "morng geh ma zun Aiglbia brocka". Man erfährt, dass ein Bub, der lieber mit Mädchen spielt, in Dietfurt an der Altmühl "Moiladsschmecka" heißt und umgekehrt ein solches Mädchen dort eine "Boumatsschmeckere" ist.

Fast 2000 bisher unpublizierte Sprachkarten aus den 1930er und 40er Jahren sind ebenfalls zugänglich. Die Forscher Eberhard Kranzmayer und Bruno Schweizer haben sie mit der Hand gezeichnet. Die Karten waren für einen Sprachatlas geplant, der aber wegen des Krieges nie gedruckt wurde. Sie belegen, wie in Altbayern vor etwa 80 Jahren gesprochen wurde.

Faszinierend sind auch die ganz alten Belege. Um das Jahr 870 ist in altbairischer Sprache ein Werk verfasst worden, das den schönen Namen Muspilli trägt. Darin ist bereits das Wort Blut dokumentiert, wie im Bayerischen Wörterbuch nachzulesen ist: "so daz Eliases pluot in erda kitriufit" (träufelt). Bis jetzt hat die vierköpfige Redaktion unter der Leitung von Anthony Rowley 28 000 Stichwörter bearbeitet, das Bayerische Wörterbuch ist von den Buchstaben A bis Dam fertiggestellt. "Das sind aber erst fünf Buchstaben vom Ganzen", sagt Andrea Schamberger, die zum Redaktionsteam gehört.

Manches Rätsel ist nur schwer zu knacken

Es kostet viel Zeit und Recherche, die historische Tiefe und die Etymologie eines jeden Worts auszuleuchten und auch noch die Ausspracheformen seit dem 8. Jahrhundert nachzuvollziehen. Trotzdem ist es ein schöner Beruf, daran lässt Andrea Schamberger keinen Zweifel. Momentan beschäftigt sie sich mit dem Wort Taube (Täubling). Zu diesem Zweck setzt sie sich mit Pilznamen auseinander und mit der Frage, was ein Schwammerlsucher unter dem Wort Blaudeiberl versteht. "Einen Tag lang bin ich dann Botanikerin", sagt Frau Schamberger, "am nächsten Tag tauche ich in Kochrezepte ein, dann wieder in den Fluch- und Schimpfwörterkosmos."

Manches Rätsel ist nur schwer zu knacken. Nicht geklärt ist zum Beispiel die Frage, ob der beim Eisstockschießen verwendete Begriff Daubn von der Taube (Vogel) herrührt oder vom Fassbrett? Die Ergebnisse dieser Detektivarbeit werden im Wörterbuch aber nur exemplarisch wiedergegeben. "Wir zitieren drei Belege, althochdeutsch, mittelhochdeutsch und frühes neuhochdeutsch, das reicht", sagt Frau Schamberger.

Das Schwäbische und Fränkische werden im Bayerischen Wörterbuch nur in Übergangsgebieten berührt, etwa am Lechrain. Der Lech bildet die Sprachgrenze zu Schwaben. Im Fränkischen wird der Nürnberger Raum einbezogen, weil es dort noch nordbairische Einflüsse gibt. In Oberfranken reicht das nordbairische Einflussgebiet bis nach Wunsiedel und Selb.

Zurzeit arbeiten etwa 400 ehrenamtliche Mundartsammler am Bayerischen Wörterbuch mit. Interessenten können sich über das Kontaktformular oder direkt unter post@kmf.badw.de registrieren lassen.

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