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Bildung:Piazolo kündigt Entlastungen für Lehrer an

400 Lehrerinnen und Lehrer hatten Ende Januar vor dem Karlstor dagegen protestiert, dass sie länger arbeiten sollen.

(Foto: Robert Haas)

Bayerns Grund- und Mittelschullehrer sind frustriert, seitdem der Kultusminister verkündete, dass sie künftig mehr arbeiten sollen. Um ihnen entgegenzukommen, soll es unter anderem 3000 zusätzliche Beförderungen geben.

Der Protest der Lehrer gegen die vom Kultusministerium angekündigte Mehrarbeit hat am Freitag ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Während Pädagogen, vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) mit Plakaten und Postkarten ausgestattet, an Dutzenden Grund-, Mittel- und Förderschulen ihren Frust in Fotos ausdrückten und Hunderte bei einer Kundgebung in Nürnberg protestierten, bemühte sich Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) darum, die Wogen zu glätten. Er versuchte am Vormittag, den Fokus der Lehrer umzulenken von zusätzlichem Unterricht auf geplante Entlastungen, und die Mehrarbeit noch einmal genauer zu erklären. Dass weiterer Kommunikationsbedarf besteht, sah Piazolo ein. Inzwischen sind weitere Informationen auf der Homepage des Ministeriums zu finden.

Von der angeordneten Mehrarbeit rückte Piazolo nicht ab. Anders sei der drohende Lehrermangel nicht aufzufangen, sagte er. 1400 Vollzeitstellen könnten im Herbst unbesetzt bleiben, wenn das Ministerium jetzt nicht reagiere. Entlastungen durch mehr Geld für Verwaltungsangestellte und Hilfskräfte sollen den Pädagogen die Mehrarbeit etwas erleichtern. Schulleiter sollen mehr Zeit für Organisatorisches bekommen, Lehrern soll mit "verschlankten" Grundschulzeugnissen und weniger Proben in der vierten Klasse Arbeit erspart werden. Die externe Evaluation soll nur noch vereinzelt durchgeführt werden.

Alle Grundschullehrer sollen von September an fünf Jahre lang eine Wochenstunde mehr unterrichten, die später über ein Arbeitszeitkonto wieder ausgeglichen wird. Lehrer in Teilzeit an Förderschulen sollen mindestens 23 Stunden, an Grund- und Mittelschulen mindestens 24 Stunden unterrichten. Teilzeit aus familiären Gründen bleibt unberührt. Lehrer dürfen erst mit 65 vorzeitig in den Ruhestand gehen, Sabbatjahre werden nicht genehmigt.

"Die Idee des Beamtentums ist eigentlich, Vollzeit zur Verfügung zu stehen, alles andere sind Ausnahmen", sagte Piazolo. Gerade an den Grundschulen sind diese aber eher die Regel. Etwa ein Drittel der Lehrer arbeitet in Vollzeit, sieben Prozent der 37 000 Grundschullehrer werden im Herbst auf 29 Stunden Unterricht pro Woche kommen, sagte der Minister. Insgesamt seien zunächst 14 Prozent von der Mehrarbeit betroffen, die anderen folgen in "Tranchen". Die meisten Grundschulpädagogen sind Frauen, haben Kinder und arbeiten daher in Teilzeit. Das will die Regierung, die sich als "Familienkoalition" sieht, nicht antasten. Aufstocken müssen alle, die bisher in Teilzeit arbeiteten, aber keine Angehörigen pflegen, keine Kinder erziehen und noch kein Recht auf Altersteilzeit haben. Weil bisher ein Minimum von acht Stunden pro Woche galt, löst die neue 24 Stunden-Untergrenze massive Proteste aus.

Letztlich ging es am Freitag ums Narrativ: Viele Pädagogen beklagen seit Jahren Überlastung und Geringschätzung; für sie ist diese Mehrarbeit noch ein Schlag obendrauf. Zumal Grund-, Mittel- und Förderschulen die Hauptarbeit bei Inklusion, Integration und individueller Förderung von Kindern aller Milieus leisten. Im Ministerium dagegen heißt es, dass es die bayerischen Beamten besser haben als jene in anderen Ländern, dass man sich mit der Mehrarbeit im dienstrechtlichen Rahmen bewege und dass nach Jahren der Großzügigkeit bei Sonderwünschen nun Entgegenkommen angebracht sei. Und die Regierung habe gerade erst 3000 Beförderungsstellen für Grund- und Mittelschullehrer geschaffen, sagte Piazolo. Dass diese Beförderungen nichts mit der Mehrarbeit zu tun haben, gab er zu. Trotzdem profitierten etwa so viele Lehrer davon wie von der Mehrarbeit betroffen sind, entgegnete er.

Die Verbände hatten diese Entlastungen gefordert, zufrieden war BLLV-Chefin Simone Fleischmann nicht: "Zwei Proben weniger werden die Welt nicht retten, wir haben uns mehr erwartet." Auch die Opposition blieb unbeeindruckt: Die Beförderungen reichten nicht, um die "zu Recht" empörten Lehrer zufriedenzustellen, sagte Simone Strohmayr (SPD). "Wir brauchen langfristige und nachhaltige Maßnahmen für alle und keine Zuckerl für wenige." Piazolos Entlastungen seien überfällig, aber bekämpften den Lehrermangel nicht, sagte Thomas Gehring (Grüne). Markus Bayerbach (AfD) forderte als Entlastung mehr Förderlehrer. Matthias Fischbach (FDP) favorisiert eine Sonderprämie für alle, die mehr arbeiten.

© sz.de/dpa/kbl/fema
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