Bayern:Nach Maskendeals: Steuerrazzia bei Andrea Tandler

Lesezeit: 3 min

Untersuchungsausschuss zu Maskenaffäre

Andrea Tandler vermittelte Millionendeals mit Corona-Schutzmasken.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Die Staatsanwaltschaft München I hat bei der Münchner PR-Unternehmerin durchsucht. Hat Tandler ihre horrenden Millionenprovisionen aus teuren Maskenverkäufen an den Staat korrekt abgewickelt? Die Ermittler glauben, sie habe bei der Gewerbesteuer getrickst.

Von Klaus Ott und Jörg Schmitt

Es war ein unangemeldeter Besuch, der am Dienstag in den Büros von Andrea Tandler auftauchte. Und er brachte, anders als vor Weihnachten gemeinhin üblich, keine Geschenke vorbei. Stattdessen überreichten Ermittler der Münchner PR-Unternehmerin einem Durchsuchungsbeschluss. Die Staatsanwaltschaft München I geht dem Verdacht nach, die Tochter des CSU-Granden Gerold Tandler habe ihre Millionen-Provisionen aus Geschäften mit Corona-Schutzmasken steuerlich womöglich nicht korrekt abgewickelt. Konkret geht es, unter anderem, um die Frage, wo und wie viel Gewerbesteuer die Unternehmerin gezahlt hat.

Andrea Tandler ist nach Maskenverkäufen des Schweizer Unternehmens Emix an die Gesundheitsministerien in Bayern und Nordrhein-Westfalen und vor allem an das Bundesgesundheitsministerium reich geworden, richtig reich. Die Tandler-Tochter hatte nach SZ-Informationen zusammen mit einem Partner über die gemeinsame Firma Little Penguin (Zwergpinguin) Anspruch auf Provisionen in Höhe von 34 bis 51 Millionen Euro. Ein Großteil des Geldes ist offenbar auch geflossen.

Die Firma Little Penguin ist in Grünwald ansässig, einem Münchner Vorort. Bekannt für seine Villen - und seine niedrigen Gewerbesteuersätze. Als Andrea Tandler begonnen hatte, die Masken-Deals zu vermitteln, war das aber ausweislich von E-Mails noch über ihre PR-Agentur Pfennigturm gelaufen, die in München sitzt. Die Stadt München verlangt von dort ansässigen Firmen weit höhere Gewerbesteuersätze als die Gemeinde Grünwald.

Öffentlich wurden die Ermittlungen durch eine Anfrage des Landtagsabgeordneten Florian Siekmann von den Grünen. Siekmann hatte die Staatsregierung gefragt, ob sich bei Tandlers Vermittlertätigkeit "Hinweise auf einen Gewerbesteuerbetrug" ergeben hätten. Und ob einem Anfangsverdacht des Gewerbesteuerbetrugs durch Andrea Tandler im Rahmen polizeilicher oder staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen nachgegangen werde.

Das Justizministerium antwortete: "Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft München I ist der angesprochene Sachverhalt dort Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen. Die Ermittlungen dauern an." Details nannte das Justizministerium wegen des Steuergeheimnisses nicht. Siekmann hatte in seiner Anfrage auf die unterschiedlichen Sitze der Agentur Pfennigturm in München und der Firma Little Penguin in Grünwald verwiesen.

Andrea Tandler hat sich nie geäußert

Nach Berechnungen der SPD-Landtagsfraktion dürften Andrea Tandler und ihr Partner bei mutmaßlichen Provisionserlösen aus den Maskendeals in Höhe von fast 50 Millionen Euro durch den Firmensitz in Grünwald rund vier Millionen Euro Gewerbesteuer gespart haben, im Vergleich zu München. Die SZ bat Andrea Tandler und ihren Anwalt am Dienstag mehrmals um Stellungnahmen. Zu den Ermittlungen, zu der Durchsuchung, und zu der Berechnung der SPD.

Andrea Tandler zog es vor, weiterhin zu schweigen. So wie bislang schon. Bereits auf frühere SZ-Anfragen hin zu anderen Sachverhalten hatte sie sich nicht geäußert. Ob sich der vom Justizministerium bestätigte Verdacht bestätigt oder nicht, bleibt abzuwarten. Ein Ermittlungsverfahren führt nicht automatisch zu einer Anklage oder einem Prozess oder einer Verurteilung. Sollten die Vorwürfe in sich zusammenfallen, dann wird ein solches Verfahren eingestellt.

Die Ermittlungen gegen Andrea Tandler sind insofern ungewöhnlich, als mehrere Tausend Firmen einen offiziellen Firmensitz in Grünwald haben, um von den niedrigen Gewerbesteuersätzen dort zu profitieren. In dem zweistöckigen Bürogebäude unweit des Marktplatzes, in dem Tandlers Little Penguin GmbH ansässig ist, finden sich zahlreiche weitere Firmen. Als ein SZ-Reporter dort vor gut einem halben Jahr nachschaute, gab es eine Klingel mit 61 Namen und einem Briefkasten, den sich die Little Penguin GmbH mit fünf weiteren Unternehmen teilte.

Andere Grünwalder Steuersparfirmen sind bislang offenbar von Ermittlungen verschont geblieben, aber der Fall Tandler ist auch außergewöhnlich. Das Schweizer Unternehmen Emix hatte im Frühjahr 2020 nach Beginn der Corona-Pandemie auf Vermittlung der Tandler-Tochter für fast 700 Millionen Euro Masken und andere Schutzkleidung in Deutschland verkauft, hauptsächlich an das Bundesgesundheitsministerium. Die aktuellen Steuerermittlungen haben mit Emix nichts zu tun.

Andrea Tandler hatte den Kontakt zum bayerischen Gesundheitsministerium und zum Bundesgesundheitsministerium über die CSU-Europaabgeordnete Monika Hohlmeier hergestellt, die Tochter von Franz Josef Strauß. Die jetzigen Ermittlungen haben mit Hohlmeier nichts zu tun. Die CSU-Politikerin hat nach eigenen Angaben für die Kontaktvermittlungen nichts verlangt und auch nichts bekommen. Es gibt auch keinerlei Hinweise darauf, dass Hohlmeier auf andere Weise profitiert hätte. Die CSU-Politikerin hat wiederholt erklärt, sie habe damals wie viele andere Abgeordnete auch, Hinweise auf mögliche Maskenangebote weitergereicht, um beim Besorgen von Schutzkleidung behilflich zu sein.

Von "Profitgier" spricht Florian Siekmann

Nachdem Monika Hohlmeier für Andrea Tandler den Kontakt zum bayerischen Gesundheitsministerium hergestellt hatte, meldete sich die Tandler-Tochter "unter Verwendung von Kontaktdaten" ihrer Münchner Firma Pfennigturm beim Ministerium. Das geht aus einer Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine Landtagsanfrage der Grünen hervor. Die Provisionen in Millionenhöhe für Andrea Tandler und ihren Partner liefen dann aber über die erst später in Handelsregister eingetragene Firma Little Penguin mit Sitz in Grünwald.

Der Grünen-Abgeordnete Siekmann verdächtigt Tandler, sie habe aus den Maskendeals "so viel wie möglich" herausholen und dabei den höheren Münchner Gewerbesteuersatz umgehen wollen. "Mit welcher Profitgier hier in der pandemischen Notlage vorgegangen wurde, lässt mich fassungslos zurück." Siekmann sagt, es sei noch lange nicht alles aufgeklärt. Die Grünen wollten jetzt im zur Aufklärung der Maskenaffären eingesetzten Untersuchungsausschuss im Landtag alles lückenlos ausleuchten. Bei Andrea Tandler werde man "ganz genau hinschauen".

Für die Tandler-Tochter gilt aber ebenso wie für andere Beschuldigte bei Ermittlungsverfahren die Unschuldsvermutung.

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SZ PlusExklusivMaskenaffäre in CSU-Kreisen
:Das dreiste Ultimatum der Andrea Tandler

Als Schutzkleidung rar war, nutzte die Münchner PR-Unternehmerin ihre CSU-Verbindungen und bot dem Staat teure Masken von Schweizer Jungmillionären an. Wie knallhart Tandler und ihre Lieferanten vorgingen.

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