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Lehrermangel:Die Kunst des Seiteneinstiegs

Seiteneinsteiger als Lehrer

Seit drei Monaten unterrichtet die Malerin Brigitte Jung an einer Realschule Kunst, das Fortbildungsprogramm empfindet sie als wertvoll.

(Foto: Stefan Puchner)

Besonders an Privatschulen mangelt es an Lehrkräften. Das katholische Schulwerk Augsburg stellt deshalb immer mehr Berufswechsler ein - und macht damit gute Erfahrungen

Ein kleiner Kunstsaal unterm Dach, 32 Kinder und 45 Minuten Zeit für Kreativität, davor Mathe, danach Englisch. Entspannung mit Kunst zwischen Prüfungsfächern, man erinnert sich zurück, das kann auch mal unruhig werden. Brigitte Jung steht davon unbeeindruckt zwischen quirligen Achtklässlern und erklärt Bleistift-Stärken. "Wofür stehen die Buchstaben auf dem Stift?", fragt Jung und schaut sich um. Ein Mädchen meldet sich und sagt: "B steht für butterweich." Die Lehrerin lobt diese "super Eselsbrücke". Die Mädchen und Buben der Augsburger Maria-Ward-Realschule sollen an diesem Morgen Schraffuren üben, mit Bleistiftstrichen Hell und Dunkel kreieren. Das weiche Schrappschrappschrapp des Grafits auf Papier wird rasch übertönt von Geplauder und Albereien. Unruhestifter hat Jung auseinandergesetzt. Ein Bub zischt dennoch demonstrativ den Namen seines Freundes quer durchs Zimmer, schreibt Zettelchen, fläzt betont lustlos auf seinem Stuhl. Die Mädchen neben ihm zeichnen konzentriert - und ignorieren ihn demonstrativ. Eine ganz normale Stunde?

Nicht ganz. Brigitte Jung hat nie ein Referendariat absolviert. Sie ist Grafikerin und Malerin, eine von vielen Quereinsteigern, die seit Schuljahresbeginn an den 42 katholischen Schulen der Diözese Augsburg arbeiten. Im Schulwerk sehen sie Jung und die anderen als fachlich hochkompetente Kollegen, als Bereicherung. Aber diese Chance ist aus der Not geboren: Der Lehrermangel ist an den Privatschulen bereits voll angekommen, während der Freistaat bei den eigenen Schulen noch versucht, gegenzusteuern.

Solange kaum junge Lehrer Jobs beim Staat bekamen, konnten Privatschulen auswählen, obwohl sie keine Beamtenstellen bieten. "Der Lehrermangel trifft die Privatschulen früher und härter", sagt Andreas Walch, im Augsburger Schulwerk für Schulentwicklung zuständig. An den Grundschulen sei die Lage bereits "prekär", an Realschulen übel und an Gymnasien sei die Not absehbar. Derzeit sind auf der Homepage des Katholischen Schulwerks in Bayern, dem Dachverband von 178 kirchlichen Privatschulen, 88 Stellen ausgeschrieben. Eine kirchliche Realschule in Mittelfranken suchte sogar mit einem Youtube-Video nach einer Schulleitung, weil sich zuvor niemand beworben hatte.

Um die neuen Kollegen nicht unvorbereitet in den Unterricht zu schicken und die Abbruchquote zu senken, bietet das Augsburger Schulwerk ein neues Fortbildungsprogramm an. Derzeit bleibe etwa die Hälfte der Quereinsteiger im Schuldienst, sagt Walch. Durch die Fortbildung sollen es zwei Drittel werden. Ein Jahr lang werden Neulinge eng von einem Kollegen und von einem Mentor begleitet. Die Mentoren, zwei ehemalige Schulleiter, sollen neutrale Ratgeber sein, regelmäßig den Unterricht begutachten und Feedback geben. Die pädagogische Grundlage legt eine Seminarwoche, an der zu Schuljahresbeginn erstmals neun Quereinsteiger teilgenommen haben. Die Idee und das Konzept für die Initiative "Lehrwerk" entwickelte der Augsburger Bildungsforscher Klaus Zierer mit seinem australischen Kollegen John Hattie. Beide untersuchen seit Jahren, welche pädagogischen Methoden wirklich wirken.

Zierer nennt die Qualifizierung von Quereinsteigern eine "zentrale Herausforderung". Weil Lehrer fehlen, müssen viele Bundesländer längst im großen Stil Quereinsteiger einsetzen. Noch lehnt man das im bayerischen Kultusministerium entschieden ab. "Wir dürfen uns nicht in die Tasche lügen", sagt Zierer, auch in Bayern werde das Thema bald virulent. Er sieht darin eine Chance: Alle Quereinsteiger, die er kenne, seien "ausgesprochen offen" und gingen oft mit einer neu entdeckten Berufung an die Schulen. "Je früher wir sie mitnehmen und fortbilden, desto besser."

Eine Woche lang lernten neun Quereinsteiger in Wallerstein, der Akademie des Augsburger Schulwerks, wie sie ihren Unterricht planen, das Niveau der Schüler analysieren, mit Eltern oder Kollegen sprechen, aber auch pädagogische Kniffe der Profis im Umgang mit zu braven oder zu aufmüpfigen Kindern. Wichtig sind für Zierer regelmäßiges Feedback, eine positive Fehlerkultur und Haltungsarbeit, also die innere Einstellung der Quereinsteiger zu ihrer Aufgabe sowie ihr pädagogisches Ziel. Nach der Theorie mussten die Neu-Lehrer das Erlernte gleich an Kindern üben. Zur Akademie gehört auch eine Realschule. Die Stunden wurden zudem gefilmt, analysiert und gleich besprochen.

Die Tipps hätten sehr gut getan, sagt Brigitte Jung dazu. Sie habe gelernt, wie sie eine Stunde konzipiere. Und eine Klasse beruhigt: leise sprechen, durchlaufen, Einzelne aufrufen. Wichtig sei zudem, dass jede Stunde ein Ziel habe und sie das den Kindern auch mitteile. "Mit so vielen kleinen Menschen in einem kleinen Raum ist es schon etwas anderes als mit zehn lernwilligen Erwachsenen in der Hochschule. Die Kleinen können den Schnabel nicht halten", sagt Jung. Sie entdeckte im Studium ihre Passion fürs Vermitteln. Als ihre Kinder aus dem Gröbsten raus waren, schrieb sie sich mit 47 Jahren für Kunstpädagogik ein. "Die letzte Chance für die Kunst", sagt Jung und lacht. Sie habe im Lauf ihres Berufslebens so viel Wissen angesammelt, das sie es nun weitergeben wolle. Aber die Schule sei eine andere Nummer als Tutorien an der Uni. "Ich hätte nie gedacht, dass der Schulalltag so hektisch ist", sagt sie. An der Augsburger Maria-Ward-Realschule lernen derzeit 698 Mädchen und Buben. Brigitte Jung ist die einzige Kunstlehrerin.

Schulleiterin Rosa Müller beschreibt Jung als jemanden, der "sehr diszipliniert arbeitet", nennt sie eine "Bereicherung". Quereinsteiger brächten eine andere Perspektive an die Schule, das schätze sie, sagt Müller. Eine andere Kollegin hatte Müller noch selbst ausgebildet. Niemand merke, dass sie nie Lehramt studiert habe. Auf die Kunstlehrerstelle hatten sich viele beworben, aber Jung habe überzeugt, sagt Müller, weil "viel Motivation, Engagement und Lebenserfahrung" in ihr steckten.

In der Stunde lässt Jung die quirligen Achtklässler Papier zu Ziehharmonikas falten und abzeichnen, mit Licht und Schatten. Sie geht durch die Reihen, gibt Tipps. Es klingelt, 32 Kinder stürmen raus. Jung wirkt erschöpft. Dann holt sie eine Mappe, zieht Wasserfarbenbilder der Fünftklässler heraus und breitet sie aus. "Der eigene schöpferische Ausdruck ist so toll, keines der Kinder malt wie das andere. Deshalb mache ich das hier", sagt sie und strahlt.