Langengeisling:Irgendwann sollen 3D-Drucker in den Einsatzgebieten stehen

Er geht in ein flaches Nebengebäude, Geschäftsfeld 220, 3D-Druckzentrum. Hier stehen Drucker, groß wie Tiefkühltruhen, darin Plastikwürfel und Kraken in Knallfarben. Im Airbus sind bereits gedruckte Teile verbaut, sagt der Experte, der schon gewartet hat. Durchsichtige Helmvisiere könnten folgen. Und an den Soldatenfuß angepasste Schuhsohlen - digital gescannt statt vom Orthopäden vermessen. Und irgendwann sollen 3D-Drucker in Containern in den Einsatzgebieten stehen und Ersatzteile herstellen, wenn was kaputtgeht.

Der nächste Experte steht bereit, Geschäftsfeld 330, Bekleidung und Textilien. Auf dem Tisch liegt eine Flecktarn-Tischdecke, in den Vitrinen lange Unterhosen, Unterhemden, Socken. Sie sehen aus wie gewöhnliche Funktionsunterwäsche. Doch es sind sogenannte Smart Textiles, heizbar, kühlbar und wasserfest. Sensoren an Handgelenken und Brust sollen Körpertemperatur, Puls, Atemfrequenz und EKG-Werte aufnehmen und per Funk an Mediziner senden, Kilometer entfernt. Noch ist man in der Forschungsphase. Aber irgendwann soll der Rucksack, in dem die Technik untergebracht ist - Akkupads, Kabel, Datalogger - auf ein flaches Gerät in der Größe einer Packung Zahnseide geschrumpft werden. Statt Kabel leiten ins Textil eingewebte Kupferlitzen die Daten und den Strom. "Auch bei Durchschuss."

Alle Experten sind Männer. Dabei ist das Wiweb das Institut der technischen und wissenschaftlichen Dienststellen der Bundeswehr mit dem höchsten Frauenanteil: mehr als 40 Prozent. Doch man sieht sie nicht. Viele seien in der Verwaltung, sagt Maier. Er geht durch eine Werkshalle mit massigen Stahlträgern, überdimensionierten Haken, einem vier Meter langen Schraubstock. Hunderte Kilogramm Gewicht ziehen an Hubschrauberteilen, um zu testen, ob sie den Kräften der Rotorblätter standhalten würden.

Im nächsten Raum steht ein retrofuturistisches Monstrum von Maschine, das so lächerlich spektakulär aussieht, als sei es einer Zukunftskomödie von Woody Allen aus den Siebzigerjahren entsprungen: Überall wachsen Rohre, Schläuche, Gewinde, Schrauben, Auswölbungen und Guckfenster heraus. Eine Photoelektronenspektroskopie. Sie untersucht zu verklebende Oberflächen in den äußersten Atomschichten. Ein Experte greift über fest angebrachte Gummihandschuhe in die Maschine, auf einem Bildschirm sind zackige Kurven zu sehen. "Schon ein Fingerabdruck kann verhindern, dass zwei Oberflächen aneinander kleben", sagt Maier.

Der größte Teil der Forschung des Wiweb ist nicht geheim

Und dann, Maiers Spezialgebiet: Karbon. So fest wie Stahl, aber nur ein Drittel so schwer. Deshalb werden Flugzeuge daraus gebaut, Autofelgen, Geigenkästen, alles, was stabil aber leicht sein soll. Aber es hat auch einen Nachteil: Es brennt leicht. An der Wand lehnt ein verkohlter, bröseliger Teil eines Hubschraubers, den die Wissenschaftler testweise mit einem Molotow-Cocktail in Brand gesetzt hatten. Der größere Nachteil: Bei etwa 650 Grad entstehen Partikel, die, wenn sie eingeatmet werden, so krebserregend sind wie Asbest. Wenn also ein Eurofighter abstürzt und der Treibstoff Feuer fängt, sollte man sich fern halten, fand das Wiweb 2014 heraus. Das verpasste dem Karbon-Hype einen Dämpfer. Das Wiweb hat eine Art Haarspray entwickelt, das die giftigen Partikel bindet, die Flughäfen wurden mit Schutzeinrichtungen ausgestattet.

Die Arbeit des Wiwebs sei übrigens nicht geheim, sagt Maier. Das meiste zumindest. Etwa 90 Prozent der Forschungsergebnisse werden veröffentlicht. Das mache die Industrie auch so. "Aber es liegt auch ein bisschen an unserer Geschichte", sagt Maier. "Man will zeigen, dass man nichts Verbotenes macht."

Ende dieses Jahres wird Georg Maier in den Ruhestand gehen, zwei Jahre später, als gedacht, weil sich kein Nachfolger mit wissenschaftlicher Erfahrung fand. "Man muss wissen, wie Wissenschaftler ticken", sagt Maier. Vom Forschen wird er auch im Ruhestand nicht die Finger lassen. "Ich hab da noch ein paar Ideen", sagt er.

© SZ vom 25.10.2017/axi
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