Geschichte:Die rätselhafte Herzogin Hedwig

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Die Hochzeit der polnischen Königstochter mit dem bayerischen Herzogssohn Georg ist bis ins Detail überliefert. Danach verliert sich ihre Spur in Burghausen. Die Historikerin Marita Panzer versucht sich der historischen Figur anzunähern.

Von Hans Kratzer

An den Wänden des Prunksaals im Landshuter Rathaus sind Szenen der Fürstenhochzeit von 1475 zu sehen. Hier der Wagen der Braut Hedwig. (Foto: privat)

Es müssen Bilder von epischer Wucht gewesen sein, damals, als der Tross der polnischen Königstochter Hedwig nach einer beschwerlichen und sich über zwei Monate hinziehenden Reise am 14. November 1475 vor den Toren Landshuts angekommen ist. Die junge Frau, das vielköpfige Gefolge und 620 dampfende Pferde wirkten nach der Anstrengung reichlich erschöpft. An jenem Morgen schickte man der Braut, wie ein Schreiber notierte, "etliche Fürsten entgegen, die sie im Felde empfingen". Ein Chronist hielt fest, Hedwig habe einen Überrock in Gold getragen und "sich tief mit einem Tuche unter den Augen verbunden". Sie habe sich vor den Fürsten verneigt, "diese bückten sich gar tief."

Es ist merkwürdig, dass wir über die Ankunft Hedwigs in Landshut und über die folgende Prunkhochzeit mit dem Herzogssohn Georg bis ins kleinste Detail reichende Aufzeichnungen besitzen, über die polnische Braut und ihr Innenleben aber wissen wir kaum etwas. Und das, obwohl die Landshuter Fürstenhochzeit von 1475 ausgeleuchtet ist wie kaum ein anderes Ereignis aus jener Zeit. Bis heute erinnert ein Festspiel mit 2000 Akteuren alle vier Jahre an dieses Ereignis, die modernen Hedwig-Darstellerinnen genießen einige Wochen lang den Status einer Berühmtheit.

Gemälde der Braut um 1530. (Foto: Bayerische Schlösserverwaltung)

Ob Hedwigs so grandios begonnene Ehe letztlich glücklich verlaufen ist, ob sie überhaupt in Bayern heimisch geworden ist? "Wenn wir das wüssten", sagt die Historikerin Marita A. Panzer, die nun die Person Hedwig näher erforscht hat, was ein schwieriges Unterfangen war. Es gibt keine Aufzeichnungen von ihr, sie hat nichts Schriftliches hinterlassen, höchstens dass sie mal eine Bestellung unterzeichnet hat.

Nach der pompösen Hochzeit in Landshut, bei der sie Kaiser Friedrich III. persönlich an den Altar geführt hatte, verlegte Hedwig ihren Wohnsitz alsbald auf die Burg in Burghausen, wo sie bis zu ihrem Tod bleiben sollte. Dass sie dort quasi als Gefangene verweilen musste, wofür auch der Festungscharakter der Burg spricht, davon waren die Historiker lange Zeit überzeugt. Schon der Domherr Ladislaus Suntheim, ein Zeitgenosse Hedwigs, schrieb: "Herzog Georg hielt seine Gemahlin Hedwig gleichsam als eine Gefangene im Schloss Burghausen." Die moderne Forschung ist sich da nicht mehr so sicher, sie sieht in der Burg eher eine Frauenresidenz. Immerhin hatten hier vor Hedwig schon mehrere Ehefrauen und Witwen von Wittelsbacher Fürsten gelebt. Trotzdem: Hedwig begegnet uns nur schemenhaft im ansonsten gut ausgeleuchteten Zeitalter der Reichen Herzöge von Bayern-Landshut. Das karge Wissen über ihre Person hat bedingt, dass bis jetzt keine Biografie über sie erschienen ist. Immerhin kann man jetzt auf die Monografie von Marita A. Panzer zurückgreifen, in der Hedwig, auch durch die Darlegung unterschiedlicher Positionen, klarere Konturen als bisher bekommt.

Das Festspiel-Brautpaar 2017. (Foto: Claus Zettl)

Dass sie in Burghausen weggesperrt wurde, schließt Frau Panzer trotzdem nicht aus. Auch Hedwigs Schwiegermutter, Amalie von Sachsen, wurde nach Burghausen abgeschoben, wo sie, wie Sigmund von Riezler einst in seiner "Geschichte Baierns" schrieb, "so abgeschieden wie eine Witwe lebte." Nach dem Tod ihres Mannes Ludwig verließ sie Burghausen auf der Stelle und kehrte nach Polen zurück. Das spricht laut Panzer dafür, dass Burghausen auch für Hedwig kein angenehmer Ort und für eine polnische Königstochter erst recht nicht standesgemäß war. Der Burghauser Historiker Johann Dorner wertete vor Jahren schon zeitgenössische Rechnungen und Belege des Hofstaats aus, fand aber auch dort keine Hinweise, die Aufschlüsse über die Herzogin ermöglichten.

Nur eine Stelle gebe es, sagt Frau Panzer, aus der man herauslesen könnte, dass sie durchaus wütend war. Laut dem Chronisten Ulrich Füetrer fragte sie damals jemand, warum sie keinen Sohn austrage; daraufhin habe sie geantwortet: "Wer soll mir denn einen in den Backofen schieben?" Eine Redewendung, die man heute noch hört. Sie machte damit ihren Mann und das leere eheliche Bett für die nicht vorhandenen Söhne verantwortlich. Rechnungen lassen zumindest auf eine zeitweilige Anwesenheit Georgs schließen, der sonst seinen Geschäften in Landshut nachkam. Aber sogar wittelsbachische Nachfahren wie Adalbert Prinz von Bayern unterstellten ihm später, er sei kein Mustergatte gewesen und habe seine Frau nach Burghausen abgeschoben, "um ein freies zügelloses Leben führen zu können." Füetrer schilderte ihn als Mann sonderbaren Wesens, der sich "mit schlecht beleumundeten Weibern und Prostituierten herumtrieb und sie mit kostbaren Kleidern beschenkte."

So gestaltete sich ihr Eheleben wie eine moderne Fernbeziehung. Panzer vermutet, dass Georg seine Frau nicht sonderlich mochte und sie ihm in Landshut bei seinen Affären im Weg gestanden wäre. Freilich müsse man einkalkulieren, dass manche Chronik aus dem Einflussbereich des mit Landshut rivalisierenden Hauses Bayern-München wohl schärfer formuliert war, als es die Realität hergab. Sicher ist, dass Hedwig zwei Töchter zur Welt brachte, deren eine, Elisabeth, die Mutter des legendären Kurfürsten Ottheinrich war.

Ein Ritterturnier gehört zu den Höhepunkten der Landshuter Hochzeit. (Foto: Sebastian Beck)

In Burghausen war Hedwigs Leben streng reglementiert. Zu keiner Sekunde war sie allein. Das war der strengen Überwachung durch den Herzog geschuldet, ohne dessen Erlaubnis durfte sie gemäß der gültigen Geschlechtsvormundschaft weder reisen, einkaufen noch Besuche empfangen. "Das war damals Usus", sagt Frau Panzer, die Überwachung sollte sicherstellen, dass keine illegitime Erben gezeugt wurden, die dann Ansprüche anmeldeten.

Als Wohltäterin der Armen und als Stifterin des Birgittenklosters Altomünster trat sie hervor. Im Fasching 1502 erkrankte sie, am 18. Februar starb sie. In der Kirche des Zisterzienserklosters Raitenhaslach fand sie ihre letzte Ruhestätte. Eine Grabplatte erinnert dort an die rätselhafte Frau.

Marita A. Panzer, Hedwig. Die Braut der Landshuter Hochzeit, Verlag Friedrich Pustet, 14,95 Euro.

© SZ vom 17.12.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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