Landschaftsschutz Wenn ein Dorf zum Parkplatz wird

Das Sondergebiet Winkeltrumm am Dorfrand von Praßreut.

(Foto: Peter Mayer/oh)
  • Jeden Tag wird in Bayern eine Fläche in der Größe von 18 Fußballfeldern in Bauland für Wohnungen, Gewerbegebiete und Straßen umgewandelt.
  • Dieser Flächenfraß zählt zu den größten Umweltproblemen im Freistaat.
  • Eine Gemeinde im Bayerischen Wald wehrt sich gegen den Bau eines riesigen Logistikzentrums - doch der Bürgermeister befürwortet das Projekt.
Von Christian Sebald

In Bayern werden jeden Tag 13,1 Hektar freie Landschaft in Bauland für Wohnungen, Gewerbegebiete und Straßen umgewandelt. Das entspricht der Fläche von 18 Fußballfeldern. Damit zählt der Flächenfraß zu den größten Umweltproblemen im Freistaat.

Denn Grund und Boden sind endlich. Was bebaut ist, ist als freie Landschaft verloren. Von den Bauern, Bürgermeistern und Landräten über die Heimatpfleger und Naturschützer bis zu den Fachbeamten und der Staatsregierung sind sich alle einig, dass etwas gegen den Flächenfraß geschehen muss. Warum er dennoch ungehindert fortschreitet, zeigt das Beispiel in Röhrnbach (Kreis Freyung-Grafenau) im Bayerischen Wald.

Fotografie "Der bayerische Boden ist, aus der Luft betrachtet, ein Spiegel der Gesellschaft"
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"Der bayerische Boden ist, aus der Luft betrachtet, ein Spiegel der Gesellschaft"

Klaus Leidorf ist Luftbildarchäologe. Seit Jahrzehnten dokumentiert er, wie die Menschen die Schönheit ihrer Heimat mit Gewerbegebieten und Logistikzentren zerstören.   Von Hans Kratzer

Das Projekt: Am Ortsrand des kleinen Röhrnbacher Ortsteils Praßreut will ein junger einheimischer Unternehmer auf vier Hektar Weideland ein Logistikzentrum für die Zwischenlagerung und Aufbereitung gebrauchter Leasingautos errichten. Das Projekt ist fast so groß wie Praßreut. Geplant sind ein Bürogebäude, eine Werkstatt und 850 Stellplätze für die Autos. Von den vier Hektar Grund werden etwa 3,2 Hektar zubetoniert.

Der Bürgermeister: "Wir haben alle Möglichkeiten untersucht", sagt der Röhrnbacher Rathauschef Josef Gutsmiedl. "Das Projekt geht nur an dieser Stelle, die Alternative wäre, darauf zu verzichten." Das will Gutsmiedl nicht. Er will etwas für die Unternehmer in seinem Ort tun. In der 4300-Einwohner-Gemeinde gibt es etliche attraktive Arbeitgeber, eine renommierte Baufirma etwa und einen Kunststoffverarbeiter.

Die Zahl der Arbeitsplätze in Röhrnbach summiert sich auf 1700. "Das ist keine Selbstverständlichkeit in unserer Region", sagt Gutsmiedl. "Damit das so bleibt, müssen wir uns anstrengen. Außerdem brauchen wir immer wieder neue Arbeitsplätze." Wie so viele Bayerwald-Orte leidet Röhrnbach unter dem demografischen Wandel. Vor allem junge Leute kehren der Gemeinde den Rücken.

Die Praßreuter: Unter den Bewohnern des Dorfes ist das Projekt umstritten. Die Gegner sagen, der Betrieb sei viel zu groß für ihren kleinen Ort. Außerdem fürchten sie den zusätzlichen Verkehr und Lärm, den das neue Logistikzentrum nach Praßreut ziehen wird. Und sie beklagen, dass das gewohnte Landschaftsbild dadurch zerstört werde.

Der Bund Naturschutz: Als anerkannter Naturschutzverband hat er ein Mitspracherecht bei dem Projekt und lehnt es kategorisch ab. Der BN teilt nicht nur die Kritik der einheimischen Bevölkerung. Sondern führt auch übergeordnete Aspekte an. Röhrnbach gehöre zum Naturpark Bayerischer Wald. "In ihm hat laut Regionalplan die Erholungslandschaft Priorität", sagt der BN-Mann Peter Mayer. Hinzukomme, dass Röhrnbach bereits sechs Gewerbegebiete habe und im Landkreis Freyung-Grafenau Gewerbeflächen von 40 Hektar Größe frei seien. In Praßreut müsse ein naturbelassener Bach geschützt werden, der Lebensraum für Krebse und Libellen sei.