Landgericht Kempten Drogenfahnder gesteht Kokainbesitz

Die Kriminalpolizeiinspektion Kempten: Hier leitete der 53-jährige Armin N. die Drogenfahndung.

(Foto: dpa)
  • In Kempten steht der ehemalige Leiter der Drogenfahndung vor Gericht, weil in seinem Dienstschrank 1,8 Kilo Kokain gefunden wurden.
  • Die Anklage wirft ihm außerdem vor, seine Ehefrau vergewaltigt zu haben.
  • Die Staatsanwaltschaft fordert mindestens sechs Jahre und sechs Monate Haft.
Von Anne Kostrzewa, Kempten

Wie der Angeklagte auftritt

Vor dem Landgericht Kempten drängen an diesem Morgen erwartungsgemäß viele Zuschauer in der Schlange und warten auf Einlass. Verhandelt wird der Fall des ehemaligen Leiters der Drogenfahndung - 1,8 Kilo Kokain waren vor knapp einem Jahr bei ihm gefunden worden, im Dienstschrank. 90 Plätze gibt es, davon 40 für die Presse. Kurz nach Einlass sind nur noch wenige Plätze im Saal frei.

Um Punkt neun Uhr wird Armin N. in Handschellen in den Saal geführt. Grauer Anzug, grau-weiß gestreifte Krawatte, schmale schwarze Brille. Den Blick hält der 53-Jährige er mit leicht vorgeschobener Unterlippe standhaft in die Kameras gerichtet. Er hält einen schwarzen Mantel, die Hände darin vor dem Bauch verschränkt. Leise tauscht er einzelne Sätze mit seinem Verteidiger, der eine Reihe vor ihm sitzt.

Was dem Kriminalbeamten vorgeworfen wird

Zuerst wird die Anklageschrift verlesen. Sie umfasst in der vorliegenden Version 22 Seiten, es kann also dauern. Armin N. werden unter anderem Drogenbesitz, gefährliche Körperverletzung und Vergewaltigung seiner Ehefrau vorgeworfen. Seine Frau hatte im vergangenen Februar die Polizei alarmiert, weil ihr Mann sie gewürgt und vergewaltigt haben soll. Dabei soll er sie mit einem Messer bedroht haben. In seinem Büro war danach das Rauschgift gefunden worden. In der Anklage geht es auch um vorsätzliche Trunkenheit im Verkehr: N. soll mit 1,49 Promille Alkohol im Blut und unter Einfluss anderer berauschender Mittel Auto gefahren sein.

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Während die Anklage verlesen wird, zieht N. immer wieder die Wangen ein, als würde er sehr kräftig an einem Bonbon lutschen. Mit den Augen folgt er der Anklageschrift. Bereits nach wenigen Minuten wird er unruhig, lässt den Blick in den Zuschauerraum schweifen.

Wie Armin N. seine Entgleisungen erklärt

Die Verhandlung dreht sich in erster Linie um den Kokainbesitz des Chef-Drogenfahnders. Armin N. verliest ein ausführliches Geständnis, in dem er zu erklären versucht, wie es zu jenen Entgleisungen kommen konnte, für die er sich nun vor Gericht verantworten muss. Bis er 1993 zur Kripo kam, habe er keinerlei Erfahrung mit Drogen gehabt. Durch seine Arbeit im Drogenmilieu habe er die gesunde Distanz dazu verloren, habe Ecstasy, Cannabis und schließlich auch Kokain probiert. Die in seinem Dienstschrank gelagerten 1,8 Kilo Kokain, die ihm nach eigenen Aussagen zu Schulungszwecken überlassen worden waren, habe er zunehmend selbst konsumiert. Kontakte in Mafiakreise habe er aber zu keiner Zeit unterhalten.

Sein Alkoholkonsum sei in dieser Zeit erheblich gestiegen, er begann, Medikamente zu nehmen, "in ganz erheblichem Umfang". Gegenüber seinen Kollegen habe er seinen Drogenkonsum verheimlicht, süchtig gefühlt habe er sich damals nicht.

Für seine Taten schäme er sich, werde aber dafür gerade stehen, "wie ich das immer in meinem Leben getan habe". Er habe "schwere, für mich selbst nicht zu rechtfertigende" Fehler gemacht. Ganz besonders entschuldigte er sich bei seinen Kindern und Eltern, aber auch bei seinen ehemaligen Kollegen. Ihm sei bewusst, dass er den Ruf der Polizei geschädigt habe, so N.

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Den massiven Mix aus Alkohol, Drogen und Medikamenten macht N. für seine Erinnerungslücken zum Tatzeitpunkt verantwortlich. Er habe einen "Filmriss", was Übergriffe gegen seine Frau angehe, bestreite aber nicht, dass es sich so zugetragen habe, wie von seiner Frau im Verhör geschildert. "Es tut mir aufrichtig leid", sagt er abschließend. Und erklärt, zunächst keine weiteren Fragen zu den in der Anklageschrift erhobenen Vorwürfen zu beantworten.

Welche Strafe Armin N. droht

Die Staatsanwaltschaft fordert mindestens sechseinhalb Jahre Haft. Das reiche "gerade noch" aus, auch auf Grund der Position N.s als oberster Drogenfahnder. Die Verteidiger Wilhelm Seitz und Alexander Chasklowicz halten das für eine "taugliche Diskussionsgrundlage".

Anfang Januar gab es einen Opfer-Täter-Ausgleich zwischen N. und seiner Frau. Der Angeklagte übernimmt darin die volle Verantwortung und erklärte, er bedauere die Taten zutiefst. Er entschuldigte sich ausdrücklich für sein Verhalten. Seine Frau hat eine Entschädigung in Höhe von 35.000 Euro überwiesen bekommen und akzeptiert seine Entschuldigung. Schmerzensgeldforderungen ihrerseits sind damit abgegolten. Vor wenigen Tagen haben beide den Ausgleich unterschrieben. Durch eine solche Absprache könnte der Ehefrau eine Aussage erspart werden.

Weil der Angeklagte dabei bleibt, dass er sich an Details der Tat nicht erinnern kann, kündigt die Staatsanwaltschaft an, sich auf die Aussagen der Geschädigten zu stützen. Für den Prozess sind zunächst fünf Verhandlungstage angesetzt.

Mit Material von dpa.