Ein Jahr nach Unwetter:Bobbahn am Königsee noch immer unter Schutt begraben

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Ein Jahr nach Unwetter: Der obere Teil der Bobbahn am Königssee liegt auch über ein Jahr nach dem Unwetter noch in Schutt und Trümmern.

Der obere Teil der Bobbahn am Königssee liegt auch über ein Jahr nach dem Unwetter noch in Schutt und Trümmern.

(Foto: Matthias Köpf)

Im vergangenen Jahr wurde die älteste Kunsteisbahn der Welt bei einem Starkregen teilweise zerstört. 53 Millionen Euro stehen für den Aufbau bereit. Das wird wohl nicht reichen - und es gibt Zweifel, ob man die Anlage überhaupt erneuern sollte.

Von Matthias Köpf, Schönau am Königssee

Fast hätte es auch den Kreisel erwischt. Dort wo die Zuschauer die Rodler und die Bobs früher um sich herumrasen lassen konnten, hat ein aus dickem Drahtseil geflochtener Zaun das Geröll zurückgehalten. Seine stählernen Stützen liegen hier eher, als dass sie aufrecht stünden. Aber sie und der ganze Zaun widerstehen immer noch dem Druck der angespülten Steine und Stämme, das Wasser hat nur den Asphalt des Wegs angenagt. Der raue, schon so lange eislose Beton der Bahn blieb hier unversehrt, nur da und dort wächst Löwenzahn aus den Fugen. Der Schutt kommt erst weiter oben, bei Kurve sechs. Ganz oben, wo die Bahn nach einer ersten Rechtskurve einen befestigten Graben überquert hat, ist von ihr gar nichts mehr übrig.

Dort ist die älteste Kunsteisbahn der Welt, der Eiskanal am Königssee, vor über einem Jahr zur Beute der Wasser- und Geröllmassen geworden, die der Klingerbach nach einem Starkregen vom Grünstein gespült hat. Wann sie wieder aufgebaut wird, ist immer noch offen.

Dass sie überhaupt wieder aufgebaut werden soll, darin waren sich die meisten Menschen hier im Talkessel, die Kreisräte des Berchtesgadener Landes und die eilig angereisten Politiker aus Land und Bund schnell einig nach jener Nacht auf den 18. Juli 2021, als der obere Teil der Bobbahn unter Schutt, Felsblöcken, Holz und Wurzelstöcken begraben worden war. Erst vor ein paar Tagen hat der örtliche CSU-Bundestagsabgeordnete und Ex-Minister Peter Ramsauer wieder mal betont, wie wichtig die Bahn für die Region sei, in wirtschaftlicher, sportlicher und touristischer Hinsicht. Die 53 Millionen Euro vom Bund für den Wiederaufbau stünden bereit. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) war gerade wieder da. Man sei da auf einem gutem Weg, sagte er hinterher - doch dass es wirklich der richtige ist, daran gibt es auch Zweifel.

Die ÖDP zum Beispiel hält die ganze Bahn angesichts von Klimawandel, Rohstoffmangel und Energiekrise für "aus der Zeit gefallen". Sie diene nur einem Nischensport, hieß es bei der jüngsten Kreisversammlung der Partei. All die Ideen, den wegen der Kühlung recht energieintensiven Eiskanal künftig klimaneutral mit Ökostrom vom neuen Energieunternehmen der fünf Talkessel-Gemeinden zu betreiben, sieht die ÖDP als "Greenwashing" an.

Auch die Kreisgruppe des Bundes Naturschutz hat sich längst gegen den Aufbau ausgesprochen und daran erinnert, dass der Klingerbach schon 1975 größere Schäden verursacht hat und die Flanke des Grünsteins schon als geologische Risikozone galt, als die Bahn 2010 letztmals ausgebaut wurde. Aus dem unversehrten Teil könne man ein "Denkmal für die Wirkung von Naturgewalten" machen, lautete ein provokanter Vorschlag.

Im Winter könnte ein notdürftiger Trainingsbetrieb starten

Wie groß diese Gewalten sein können, kann erahnen, wer dem Klingerbach noch ein Stück bergauf folgt und dort auf Betontrümmer und zerknüllte Wände aus Drahtgittern und Steinen stößt. Ob der Grünstein und der Klingerbach in Zukunft wirksamer zu bändigen sein könnten, untersucht gerade ein Geologe. Schon jetzt zeichnet sich laut Bürgermeister Hannes Rasp (CSU) ab, dass eine erneuerte Bahn den Bach nicht mehr überqueren wird. Die männlichen Rodler sollen demnach auf der gleichen Bachseite starten wie schon bisher die Damen und alle Bobs.

Vize-Landrat Michael Koller (FW) äußert für den Kreis als Eigentümer der Bahn die Hoffnung, dass zum Winter ein notdürftiger Trainingsbetrieb für die Jugend möglich wird. Denn der erfolgsverwöhnte deutsche Bob- und Schlittenverband mit Sitz in Berchtesgaden befürchtet, dass ihm der Nachwuchs ohne Bahn ganz wegbricht. Mit Rennen rechnet er kaum vor 2024. Ob das so kommt, ist offen. Dass 53 Millionen Euro für eine Sanierung ausreichen, gilt schon jetzt als unwahrscheinlich.

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