Familienpolitik Würzburg will Kinderbetreuung rund um die Uhr einrichten

Viele Kitas schließen spätestens um 18 Uhr. Das passt nicht immer zu den Arbeitszeiten der Eltern.

(Foto: dpa)
  • Um Menschen, die im Schichtdienst arbeiten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern, will die Stadt Würzburg in den nächsten Monaten ein Modellprojekt zur flexiblen Kinderbetreuung starten.
  • Sie setzt dabei auf private Kinderbetreuer, die die Lücke zwischen Betreuungsbedarf und Kita-Angebot schließen sollen.
  • Gegenüber einer Kita mit 24-Stunden-Betrieb setzt dieses Modell auf eine flexiblere Betreuung zu Hause.
Von Claudia Henzler, Würzburg

Wer als Krankenschwester arbeitet und Kinder hat, kommt bei normalen Kindertagesstätten schnell an Grenzen. Der Wechsel aus Früh- und Spätschichten stellt gerade alleinerziehende Frauen vor Probleme. Um ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern, will die Stadt Würzburg in den nächsten Monaten ein Modellprojekt zur flexiblen Kinderbetreuung starten. Sie setzt dabei auf private Kinderbetreuer, die vom Rathaus vermittelt werden. Selbständige Helfer, die als Kinderfrauen und -männer die Lücke zwischen Betreuungsbedarf und Kita-Angebot schließen.

Monika Kraft, die in der Würzburger Stadtverwaltung für die Fachabteilung Kinderbetreuung zuständig ist, erläutert das für den Fall einer Krankenschwester. Da könnte die Betreuungsperson morgens vor der Frühschicht in die Wohnung der Familie kommen, Frühstück machen und das Kind in die Kita bringen. In Spätdienstwochen würde sie das Kind von der Kita abholen, ins Zuhause der Familie begleiten und dort so lange betreuen, bis die Mutter zurück ist. Insgesamt wäre sie pro Tag vielleicht zwei Stunden im Einsatz, plus ein Wochenende pro Monat.

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Gegenüber einer Kita mit 24-Stunden-Betrieb hat dieses Modell, das ähnlich schon vor zwei Jahren in Berlin gestartet wurde, aus Sicht von Monika Kraft mehrere Vorteile: Kinder müssen nicht aus ganz Würzburg zu einer einzigen Tagesstätte gebracht werden, die Stadt kann arbeitsrechtlichen Problemen aus dem Weg gehen, die sich aus durchgehenden Öffnungszeiten ergeben würden, und die Kinder werden zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung betreut und müssen abends nicht aus dem Schlaf gerissen werden, wenn ihre Eltern sie abholen.

Als das Bundesfamilienministerium vor drei Jahren das Fördergramm "KitaPlus" gestartet hat, wurde viel über die zu erwartende Zunahme an Kitas spekuliert, die rund um die Uhr geöffnet haben würden. Tatsächlich sind solche Betreuungseinrichtungen noch immer äußerst selten und vorwiegend in Ostdeutschland zu finden. Der Fördertopf des Familienministeriums, der noch Ende 2019 besteht, war jedoch nicht nur für 24-Stunden-Betreuung vorgesehen, sondern auch für Kitas, die ihre Öffnungszeiten über die Kernzeit von 8 bis 16 Uhr hinaus erweitern wollten. In Bayern haben laut Bundesfamilienministerium gerade mal zehn Kinderbetreuungseinrichtungen und etwa 70 Tagesmütter und -väter solch eine Förderung bezogen.

Dennoch hat sich in den vergangenen Jahren einiges beim Betreuungsangebot in Bayern getan. Immer mehr Kitas sind länger am Tag im Betrieb, einige öffnen schon um 5 Uhr oder schließen erst um 21 Uhr, wie zum Beispiel das BRK-Kinderhaus in der Stadt Bayreuth. Sogar manch kleine Kommune wie die Gemeinde Bad Alexandersbad im Fichtelgebirge setzt auf längere Betriebszeiten, weil sie dies beim Werben um neue Einwohner als Standortvorteil sieht. Das Kinderhaus in Bad Alexandersbad ist von 6 bis 18 geöffnet und vermittelt zusätzlich Tagesmütter, wenn außerhalb der Öffnungszeiten Betreuungsbedarf entsteht. Das war bisher aber offenbar nur selten der Fall. Ein Sonderfall sind Betriebs-Kitas, wie die einer Käserei in der oberbayerischen Gemeinde Waging, die passend zum Schichtbetrieb sogar eine Betreuung bis 22.30 Uhr anbietet.

Zunächst muss die Stadt einen Betreuerpool aufbauen

Die Stadt Würzburg wendet sich mit ihrem neues Betreuungsmodell "Flexi 24" vorrangig an Alleinerziehende und Eltern im Schichtdienst - als Babysitterdienst für Mütter und Väter, die sich ab und zu einen schönen Abend im Kino gönnen wollen, ist das Angebot ausdrücklich nicht gedacht. Interessenten können ihren Bedarf im Fachbereich für Familie anmelden und bekommen dann eine feste Betreuungsperson vermittelt. Die Stadt wird die Familienhelfer bezahlen und die Eltern einkommensabhängig an den Kosten beteiligen. 60 000 Euro sind im diesjährigen Haushalt der Stadt eingeplant.

Doch noch ist es nicht so weit. Zunächst muss die Stadt einen Betreuerpool aufbauen. Dazu hat die Verwaltung am Montag gemeinsam mit Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CDU) einen Aufruf gestartet. Gesucht werden Menschen mit pädagogischem Hintergrund, die sich morgens und abends auf selbständiger Basis um ein oder mehrere Kinder kümmern wollen und sich dafür mit einem Stundenlohn von zehn Euro (für ein Kind) zufrieden geben. Monika Kraft hofft unter anderem auf "fitte Senioren" und speziell auf Erzieherinnen im Ruhestand, die Lust haben, noch ein paar Stunden pro Woche zu arbeiten.

Eine Erzieherinnenausbildung ist keine Voraussetzung für die Tätigkeit, auch eine Ausbildung zur Tagesmutter wird die Stadt nicht verlangen. Pflicht sind ein Einführungsseminar und ein Erste-Hilfe-Kurs. Außerdem wollen die Mitarbeiter des Fachbereichs für Jugend und Familie in einem Bewerbungsgespräch die Eignung der Interessenten prüfen. "Die Eltern können davon ausgehen, dass die Betreuer geeignet sind", versichert Kraft.

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