Kinderbetreuung Das Coburger Kinderhaus Leo ist für den Deutschen Kita-Preis nominiert

Kreativität spielt eine große Rolle im Kinderhaus Leo in Coburg. Alltagsdinge sollen die Kinder inspirieren.

(Foto: Nicolas Armer)

Und das als einzige Einrichtung in Bayern. Die Leiterin traut den Kleinen viel zu und setzt auf deren Stärken.

Von Anna Günther

Zoe stürmt über den Flur des Coburger Kinderhauses Leo, ruft laut: "Schau mal!" Sie streckt ihre rechte Hand aus, darin ein braunes, gefaltetes Papier. "Das ist der Mama-Hund!" Die linke Hand saust hoch. "Das ist der Baby-Hund - und ich bin der Papa-Hund." Und wie heißt der Baby-Hund? "Welpe natürlich", sagt die Vierjährige und schaut irritiert. Welch' Frage. Lebhaft, denkt man. Sie stürmt in den Werkraum, der im Kinderhaus "Atelier" heißt. Neben dem Basteltisch steht ein Töpfertisch, die Wand ist voll mit Farbklecksen. An der Werkbank sägen zwei Buben mit Fuchsschwänzen an Holzstücken. Mit roten Wangen hält Luca inne, zeigt auf das Sägeblatt und sagt: "Da darfst du nicht anfassen, das ist am schärfsten." Zoe stellt sich neben ihn, deutet aufs Holz: "Du musst das weiter hinten machen!" Er gehorcht. Zoe ist zufrieden. Die Erzieherin lässt die Kinder machen.

Von betreutem Basteln hält Stephy Beck so wenig wie von Schablonen oder Malkitteln. Im Kinderhaus der Coburger Caritas machen die Jüngsten "Kunst" und sollen sich sogar bekleckern. 74 Mädchen und Buben werden betreut, die Jüngsten in der Krippe, die Älteren im Kindergarten. "Ich sage interessierten Eltern schon bei der Anmeldung, dass ich mich nicht für schmutzige Kleidung entschuldigen werde", sagt die Kinderhausleiterin. Kreativität laufe über sinnliche Wahrnehmung, das Gefühl für Ton ist ihr wichtiger als ein Endprodukt.

Kinder können auch chinesische Schriftzeichen üben.

(Foto: Nicolas Armer)

Kunst, Theater und Musik gehören genauso zu Becks Philosophie wie der Ansatz, Kindern viel zuzutrauen. Schrammen seien sehr selten, höchstens brauche mal jemand ein Pflaster, beteuert Beck, 47. Die Kinder essen von Porzellan, lernen den Umgang mit brennenden Kerzen, sägen, schnitzen. Krippenkinder dürfen sich selbst Tee einschenken. "Das wird eine Überschwemmung geben, aber ist das schlimm? Sie sollen entspannten Umgang mit Missgeschicken lernen", sagt Beck. Geschimpft wird deshalb nicht. Auch darin unterscheiden sich Beck und ihre zwölf Kolleginnen von vielen Kitas.

Die Belohnung kommt nun aus Berlin: Das Kinderhaus Leo ist mit neun Kitas aus ganz Deutschland im Finale des Deutschen Kita-Preises, den das Bundesfamilienministerium mit Partnern im Mai zum zweiten Mal vergibt. 1600 Kitas haben sich beworben, davon 225 aus Bayern. Nur die Coburger schafften es ins Finale. Das allein sei eine Auszeichnung, sagt Beck. "Der Preis ist unheimlich hochkarätig." Die Sozialpädagogin ist seit acht Jahren Chefin des Kinderhauses; sie brachte die Reggio-Pädagogik mit. Entstanden ist diese nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Frauen in Reggio nell'Emilia in der Emilia-Romagna gingen arbeiten, die Kinder mussten versorgt werden. Kommunale Kitas entstanden, Erziehung galt als Aufgabe der Gemeinschaft. In den Siebzigerjahren folgte die Philosophie: Statt Erziehung der Gruppe liegt der Fokus auf den Stärken jedes Kindes. Dessen Bedürfnisse stehen im Vordergrund. Es lernt aus Spaß und durch Projekte, die Erzieher anbieten.

Wer die Kita am Rande des Hofgartens besucht, bemerkt gleich, wie ruhig es ist. Die Kleinen plaudern, spielen, rufen. Kreischen oder Weinen hört man nicht. "Wir machen halt keine Herdenerziehung. Wenn 24 Kinder in einem Raum sind mit zwei Erziehern und alle müssen das Gleiche machen, kommen sie sich in die Quere", sagt Stephy Beck. Im Coburger Kinderhaus betreut eine Erzieherin pro Projekt sieben Kindergartenkinder. Geschlossene Türen und starre Tagespläne gibt es nicht. "Wer bin ich, diesen Menschen einen Takt vorzuschreiben?", sagt Beck. Wenn sie in Ruhe spielen und nicht rausgerissen werden, gebe es keine Ursache für Frust oder Verweigerung. Allein die Mahlzeiten im Kita-"Restaurant" gliedern den Tag.

Deutscher Kita-Preis

Der Deutsche Kita-Preis wurde 2018 erstmals vom Bundesfamilienministerium und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung sowie weiteren Partnern vergeben. Der Kita-Preis soll Qualität und Vielfalt der Betreuungsmöglichkeiten in Deutschland würdigen. Gesucht sind Einrichtungen, die Kinder in den Mittelpunkt der Pädagogik stellen und die Region sowie die Nachbarn miteinbeziehen. Ausgelobt sind zwei Kategorien: die Kita des Jahres und das beste Bündnis. 1600 Kitas haben sich beworben, zehn Finalisten gibt es pro Kategorie. In den vergangenen Wochen besuchten Gutachter die Finalisten und beobachteten mehrere Tage den Alltag. 18 Juroren küren anhand dieser Berichte und der Selbstauskünfte der Kitas die Sieger. 25 000 Euro bekommen die besten Kitas, je 10 000 Euro die vier Zweitplatzierten. angu

Die Reggio-Philosophie sieht das Kind als Forscher, das alles über seine Umwelt wissen will und dabei lernt. Im "Atelier del Gusto" testen die Coburger, ob pürierte Gurken anders schmecken als geschnittene und erforschen Aggregatzustände von Eiern. Inklusive Ausflug zum Bio-Bauern. Beim Thema Ostern kam die Frage auf, was mit Toten passiert. Also besuchten die Kindergartenkinder Friedhof und Bestatter. Als Monate später die Kita-Kaninchen gerissen wurden, waren besonders Eltern und Erzieher froh, dass die Kinder sich mit dem Sterben schon beschäftigt hatten. Ein Tier war sofort tot, das andere starb beim Tierarzt, wurde mit dem Bollerwagen abgeholt und begraben. An diesem Tag kauft die Hunde-Projektgruppe Fachmagazine am Bahnhof, die Mount-Everest-Projektgruppe besucht den höchsten Berg im Umkreis. Mittwochs geht's zum Apfel-Händler auf den Markt. Nachbarn und Eltern sollen zur Bildung der Kinder beitragen. "Der beste Bildungsort liegt außerhalb unseres Grundstücks", sagt Beck.