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Kinderbetreuung:Nur der Kindergarten ist sicher

Kindertagesstätte Bundeswehrkrankenhaus Villa SanIgel, 2015

Platz da: Dieses Kind krabbelt durch die Tagesstätte des Bundeswehrkrankenhauses Ulm. Für viele andere Krippenkinder fehlt ein Betreuungsangebot.

(Foto: Natalie Neomi Isser)
  • Allein für Kinder unter drei Jahren sind in den vergangenen zehn Jahren 400 000 Betreuungsplätze entstanden. Dennoch finden viele Familien weder eine Tagesmutter noch eine Kindertagesstätte.
  • Auch zahlreiche Eltern mit Kindern im Grundschulalter finden keine Einrichtung, in der die Kinder in Ruhe essen und Hausaufgaben erledigen können.
  • Eltern, die einen Betreuungsplatz gefunden haben, wünschen sich oft längere Betreuungszeiten.

In den vergangenen zehn Jahren sind mit Hochdruck Betreuungsplätze für Kinder geschaffen worden - trotzdem reicht es hinten und vorne nicht. Die größte Lücke besteht bei Krippenplätzen für Kinder unter drei Jahren: Jede fünfte Familie in Westdeutschland und fast jede achte in Ostdeutschland findet weder eine Tagesmutter noch eine Kindertagesstätte.

Einmal pro Jahr veröffentlicht das Deutsche Jugendinstitut (DJI) eine Kinderbetreuungsstudie, die die Situation von Eltern mit Kindern unter 15 Jahren aufzeigt. Für die aktuellen Zahlen, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, wurden 37 000 Familien befragt, die Daten stammen aus dem Jahr 2017. Allein für Kinder unter drei Jahren haben Bund, Länder und Kommunen in den vergangenen zehn Jahren 400 000 Betreuungsplätze geschaffen, trotzdem ist vor allem in westdeutschen Großstädten die Not groß. Wer für seinen Nachwuchs einen Platz in einer guten Krippe ergattern will, muss oft nervenaufreibende Bewerbungsverfahren durchstehen. Dazu die Unsicherheit, ob es mit dem Platz rechtzeitig zum Wiedereinstieg in den Job klappen wird.

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Wer einen Betreuungsplatz gefunden hat, kommt trotzdem oft nicht über die Runden. "Einige Eltern benötigen deutlich längere Betreuungszeiten, als sie derzeit nutzen", sagt Christian Alt, Leiter der Studie. Dies trifft vor allem auf Eltern zu, die ihre Kinder außerhalb der Zeit von 8 bis 17 Uhr gut aufgehoben wissen wollen. Laut DJI-Studie benötigen 22 Prozent der Eltern von Kindern im Krippenalter und 17 Prozent von Kindergartenkindern einen Betreuungsumfang, der über mehr als fünf Stunden pro Woche außerhalb dieser Kernzeiten liegt.

Während der Fehlbestand an Plätzen für Ein- und Zweijährige im Westen bei 20 Prozent und im Osten bei zwölf Prozent liegt, scheint die Versorgung im Kindergartenalter, also von Drei- bis Sechsjährigen, gut zu sein. "Die Inanspruchnahme einer Betreuung in dieser Altersgruppe ist inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden", sagt Alt. Der Rechtsanspruch auf einen Platz, der seit nunmehr über 20 Jahren gilt, zeige hier wohl Wirkung.

Kommen die Kinder ins Schulalter, sieht es anders aus. Neun Prozent der Eltern von Grundschulkindern in Westdeutschland und drei Prozent in Ostdeutschland wünschen sich dringend eine Nachmittagsbetreuung, in der die Kinder in Ruhe essen und Hausaufgaben erledigen können - sie finden aber keine Einrichtung. Das DJI dringt darauf, vor allem Plätze zu schaffen, die die Zeit bis zum frühen Nachmittag abdecken, sogenannte erweiterte Halbtagsplätze. In Ostdeutschland wird hingegen überwiegend eine Ganztagsbetreuung nachgefragt.

Mit der Qualität der Kitas sind die Eltern recht zufrieden

Die Unterschiede zwischen Ost und West legen sich, sobald das Kind fünf bis sechs Jahre alt ist. Hier fordern die Eltern einheitlich zu 97 Prozent ein Betreuungsangebot. Die DJI-Forscher haben auch nachgefragt bei Eltern, die ihr Kind nicht in eine Kita schicken möchten. Vor dem vierten Geburtstag empfindet ein Großteil das Kind als zu jung dafür. Alt sagt: "Die Eltern wollen ihr Kind selbst erziehen oder geben an, sowieso zu Hause zu sein und daher keinen Betreuungsplatz zu benötigen."

Grundsätzlich sind Eltern mit der Qualität der Kitas recht zufrieden. Kritik üben sie vor allem an den Kosten und an der Gruppengröße. Die Zufriedenheit ist daher dort besonders groß, wo eine weitgehende Kostenbefreiung eingeführt wurde. Das gilt für Eltern in Hamburg, Berlin und Rheinland-Pfalz. Hier herrscht in verschiedenen Ausprägungen Beitragsfreiheit. Auffallend gering ist die Zufriedenheit der Eltern in Brandenburg, Schleswig-Holstein und im Saarland. "Diese drei Bundesländer grenzen direkt an Länder mit sehr weitreichenden Kostenbefreiungen an", so Alt, "dies ist eine aus Sicht der Eltern wahrgenommene Ungerechtigkeit."

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