Karneval Alles, was der Fasching braucht

Politikermasken sind nicht gerade angesagt. Aber es gibt sie noch. So manche wohl schon sehr lange.

(Foto: Matthias Hoch)

Zwischen Einhornkostümen, Genschermasken und Furzkissen: Ein Besuch im Bamberger Kaufhaus der fünf Jahreszeiten ist ein Erlebnis der besonderen Art. Kinder nimmt man aber besser nicht mit.

Von Johann Osel

Das Ersatzteillager fürs Gesicht geht gleich neben der Kasse los - falsche Ohren, Zähne, Nasen, Wimpern, oft in ein paar Dutzend Varianten, mal täuschend echt, mal dämlich. Daneben Narben und Wunden zum Aufkleben. Ein paar Jugendliche haben die simulierten Verletzungen entdeckt, feixen und kichern, spielen Zombie, "uurrghh" und "buuuh". Man kann sich ihre Reaktion vorstellen, wenn sie zwei Gänge weiter die große Horror-Abteilung entdecken: eine Tonne mit abgetrennten blutigen Fußstümpfen, grünliche Masken von Halbtoten, Kettensägen, die man sich so auf den Kopf drapiert, als würden sie drin stecken.

Oder schräg gegenüber das Regal für Möchtegern-Nackedeis: Voluminöse Frauenbrüste zum Umbinden, Aufsteckpopos mit Slip oder ohne. Viel Gelegenheit gibt es im Bamberger Faschingskaufhaus für pubertäres Herumalbern, stundenlang, wenn man mag. Eine Frau ist nur ganz kurz hier, sie kauft ein Marienkäfermäntelchen. Für sich selbst? Nein, für die Tochter natürlich, sagt sie. "Aber die kannst du hierher echt nicht mitnehmen, die würde mir durchdrehen."

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Willkommen im Kaufhaus der fünf Jahreszeiten von Peter und Kunigunde Schauer. In einer früheren Kaserne an den tristen Ausläufern Bambergs, die nicht auf Postkarten gedruckt werden, steht der Gaudi-Tempel. Zu "Süddeutschlands großem Faschingshaus" (Eigenwerbung) kommt ganz Franken, das zeigen die Nummernschilder auf dem Parkplatz; nicht selten auch von weit her. Horcht man sich in Bamberg um, dann ist "der Schauer" ein Begriff. Viele loben die Auswahl, der Laden sei "Kult". Aber man hört auch Worte wie "Ramsch". Beides stimmt wohl.

Punkt Mittag, im Vergleich zum Nachmittag ist eher wenig los. Die Pause bietet beste Gelegenheit, mit Kunigunde Schauer durch ihr Reich zu streifen. Peter Schauer sagt, seine Frau soll das machen, die könne das am besten. Man wird ihm dennoch beim Rundgang begegnen, immer wieder steht er da und erzählt ein paar Schnurren. Hunderttausend verschiedene Verkleidungsartikel haben sie hier, mindestens. So genau können sie es nicht sagen, vielleicht sind es auch ein paar Hunderttausend. Und es gibt kaum etwas, was es nicht gibt: für die Frauen Kleider über Kleider, man spaziert durch Teufel und Engel, Hexen, Zwerge, Ritter, Clowns und Gorillas. Beziehungsweise: ihre Hüllen.

Bestimmt zwanzig Regalmeter Perücken. Auspacken und anprobieren nur mit Personal, besagt ein Schild. "Sonst ist die nach drei Mal verwuzzelt und dann kann man die nicht verkaufen", sagt Frau Schauer streng. Auch ein Ort der Lustigkeit kann sich nicht der Anarchie hingeben. Die Inhaberin fängt bei ihrem Streifzug alle paar Meter an zu räumen - da hat doch einer glatt eine Federboa bei den Perücken liegen lassen. Frau Schauer weiß, wo jedes Ding zu liegen hat, ihr Personal weiß es auch. Anders ginge es gar nicht; wenn ein Kunde etwas gezielt sucht, würde er in dem Tohuwabohu wohl bis Aschermittwoch nicht fündig.

Seit bald hundert Jahren gibt es das Unternehmen. Peter Schauers Vater machte ursprünglich in Süßwaren, der Bonbonkocher und Waffelhersteller fuhr auch viel auf Märkte; und da wurde im Fasching nach Faschingsartikeln gefragt. So begann es allmählich. 1972 haben die Schauers mit Kostümen angefangen, seit 1987 verkauft das Ehepaar - beide "65 plus", genauer darf man es nicht wissen - in der einstigen Kaserne. Fast 5000 Quadratmeter auf vier Etagen, drei für den Verkauf und eine für das Lager, dazu kommt der "Bunker" im Keller, für die Silvesterraketen.

Kunigunde Schauer ist die Chefin im Haus, sie weiß genau, wo auf den vier Etagen was zu finden ist.

(Foto: Matthias Hoch)

Die anderen "Jahreszeiten" - Frühjahr mit Ostern, Sommer mit Gartenfesten, Herbst mit Halloween und Erntedank sowie Weihnachten und Silvester - werden auch angeboten. Also das, was man dazu braucht oder zu brauchen meint. Etwas ist geblieben von der Zuckerbäckerei: die Tochter der Schauers fabriziert nebenan Zuckerwaren und Waffelwerk, ein Geschäft sind essbare Schnapsgläser aus Waffeln, für Likör. Auch im Fasching. Oder zu Weihnachten. "Irgendeine der fünf Jahreszeiten ist immer," sagt Kunigunde Schauer.

Ob Pappnase oder üppiges Outfit: Für die Spielwarenbranche ist die Lust am Verkleiden ein Riesenmarkt. 289 Millionen Euro Jahresumsatz bundesweit registrierte zuletzt die Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie (DVSI) in Nürnberg. Die neuesten Zahlen stammen aus der Saison 2016, inklusive Halloween 2015. 2,3 Millionen Erwachsenen- und 1,9 Millionen Kinderkostüme, eine Million Perücken, zwei Millionen Hüte, viele Dutzend Millionen Schmink-Sets und Accessoires sind in der Zeit über den Ladentisch gegangen. Nur ein kleiner Teil wird hierzulande produziert, so der DVSI. "Der Großteil kommt aus Fernost, Osteuropa und Nordafrika."