Jubiläum Das Herz von BMW schlägt in Niederbayern

In den BMW-Werken in Dingolfing (im Bild) und Landshut arbeiten knapp 22 000 Menschen.

(Foto: Guenter Schmied)
  • Als ein niederbayerischer Autobauer in finanzielle Not geriet, sprang BMW 1967 ein und übernahm das Werk in Dingolfing.
  • Nun feiert der Konzern 50-jähriges Jubiläum für sein erstes Werk außerhalb Münchens.
  • Für das ehemals strukturschwache Niederbayern war das ein Glücksfall. Etwa 22 000 Menschen arbeiten heute in der Region für BMW.
Von Maximilian Gerl

Dort, wo das Herz der bayerischen Automobilbranche schlägt, ist es überraschend still. Vorhin schweißten Roboterarme Türen an Karosserien, zischen, rumpeln, schwenken, nächstes Teil. Jetzt ruht die Arbeit für den Moment. Mitten in dieser stillen Fertigungshalle gibt sich Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) staatsmännisch. "Wer die Zukunft sehen will, muss nach Niederbayern kommen", sagt er.

1967 übernahm BMW ein Autowerk in Dingolfing, es war sein erstes außerhalb Münchens - der Aufstieg zum internationalen Konzern war eingeleitet. An diesem Donnerstag, genau 50 Jahre später, feiert BMW das ausgiebig. Eine Werkhalle wurde zur Bühne umfunktioniert, es werden Reden gehalten, Filme gezeigt, Autos und Teile vorgeführt. Vertreter aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sind gekommen, fast alle niederbayerischen Bürgermeister zum Beispiel oder das CSU-Urgestein Erwin Huber. Und natürlich Seehofer. Bevor BMW kam, sei Niederbayern ein Armenhaus gewesen, sagt er. "Heute ist es Tabellenführer."

Autos

BMW - Produktion gestern und heute

Wer wissen will, wie die bayerische Automobilindustrie tickt, wer wissen will, wie die Bayerischen Motorenwerke ticken, der muss nach Dingolfing gehen. Pläne werden anderswo gemacht. In Dingolfing werden sie Realität, wird geschraubt, produziert. Lange war das Werk das größte von BMW. Inzwischen ist jenes im US-amerikanischen Spartanburg größer, aber das Herz ist in Dingolfing geblieben. Hier produziert der Autobauer seine Dreier, Vierer-, Fünfer-, Sechser- und Siebener-Reihe, das Kerngeschäft.

BMW war und ist ein Wachstumsmotor für die Region, das, was man gern Erfolgsgeschichte nennt. Rund 22 000 Menschen arbeiten in Dingolfing und im kleineren Werk in Landshut. Das macht Löhne und Gehälter in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro pro Jahr. Allein die Gewerbesteuern liegen im dreistelligen Millionenbereich. Pendlerbusse fahren täglich Tausende Kilometer durch Niederbayern, um Arbeiter ins Werk und wieder nach Hause zu bringen.

Ohnehin hängt von Autos einiges ab im Freistaat. Etwa eine halbe Million Bayern arbeiten in der Fahrzeugbranche, bei BMW, MAN oder Audi, bei Zulieferern und in Werkstätten. Die Branche stellt fast die Hälfte aller Industriearbeitsplätze. Geht es ihr gut, geht es auch Bayern gut. Der Herzschlag beider hat sich sozusagen synchronisiert. Der BMW-Vorstandsvorsitzende Harald Krüger sagt: "Automobilbau in Niederbayern hat Tradition." Wo heute in Dingolfing BMW draufsteht, residierte früher Glas. Die Firma ist vor allem für sein Goggomobil bekannt, ein Kleinwagen, der 1955 das erste Mal vom Band lief. Damals florierte die Hans Glas GmbH, während BMW mehr und mehr in finanzielle Not geriet. Die Münchner standen sogar kurz davor, von Daimler-Benz gekauft zu werden.

Bald kehrten sich die Verhältnisse um. Mit der steigenden Kaufkraft der Deutschen schwand die Lust am Kleinwagen, nun geriet Glas in Not. Als 1966 das Wirtschaftswunder stockte und der Automarkt um elf Prozent einbrach, ließ sich ein Verkauf nicht mehr vermeiden: BMW übernahm die Glas-Standorte Dingolfing und Landshut. Für Glas bedeutete das faktisch das Ende. Für BMW war es der Auftakt zu einer weltweiten Expansion. Seitdem schlägt das Herz der Münchner in Niederbayern.

Rund 2600 Mitarbeiter beschäftigte die Hans Glas GmbH zum Zeitpunkt der Übernahme. BMW baute ein neues Fahrzeugwerk, die Produktion stieg und mit ihr der Personalbedarf. 1977 wurde der zehntausendste Mitarbeiter in Dingolfing eingestellt. Heute laufen täglich rund 1600 BMW vom Band, alle 36 Sekunden einer. 80 Prozent davon gehen in den Export, hinaus in die weite Welt. Wie gesagt: eine Erfolgsgeschichte.

McKinsey glaubt: 100 000 Jobs in Bayern könnten gefährdet sein

Doch ein Herz kann aus dem Rhythmus geraten. BMW hat in Dingolfing und Landshut Hunderte Millionen investiert, zuletzt etwa ein Kompetenzzentrum für innovativen Leichtbau eröffnet. Manchen geht das nicht weit genug. Gewerkschaftler schlugen im November Alarm, die bayerische Auto- und Elektrobranche sei für künftige Herausforderungen schlecht gewappnet. Ob Elektromobilität, Digitalisierung oder autonomes Fahren - die wegweisenden Entwicklungen würden woanders gemacht. Nicht in Niederbayern, der Herzkammer. Schon vor knapp zwei Jahren rechnete die Unternehmensberatung McKinsey vor, dass deshalb rund 100 000 Jobs gefährdet seien. Brechen sie weg, geht es dem Freistaat nicht mehr gut.

Bei BMW blicken sie trotzdem optimistisch in die Zukunft. Auf der Feier sagt Krüger: "In den nächsten zehn Jahren wird sich die Automobilindustrie radikal verändern, stärker als in den letzten 50 Jahren zusammen." Am Schluss übergeben ihm Mitarbeiter den Schlüssel zum zehnmillionsten BMW made in Dingolfing. Das Herz, es schlägt noch.

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