Eugen-Biser-Stiftung Islamberatung will zwischen Muslimen und Kommunen vermitteln

In der Eyüp-Sultan-Moschee in Nürnberg treffen sich Muslime zum Nachmittagsgebet. Moscheen sind für viele Bayern unbekanntes Gebiet.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
  • Eine neue Islamberatung soll von Januar 2019 an bei Konflikten zwischen Kommunen und muslimischen Gemeinschaften helfen.
  • Welche Probleme und Missverständnisse zwischen der Kommune und "muslimischen Lebenswelten" entstehen können, zeigte die Bedarfsanalyse.
  • Kommunen und Muslime wüssten voneinander recht wenig, so ein Fazit der Wissenschaftler.
Von Lisa Schnell

Eine neue Islamberatung soll von Januar 2019 an bei Konflikten zwischen Kommunen und muslimischen Gemeinschaften helfen. Hauptinitiator ist die christlich geprägte Eugen-Biser-Stiftung, die sich für interreligiöse Verständigung einsetzt. Sie untersuchte in einer Studie, wie der Austausch zwischen bayerischen Kommunen und ihren muslimischen Bewohnern funktioniert. Es stellte sich heraus: Nicht allzu gut. Insgesamt drei Berater sollen bei Missverständnissen und Konflikten helfen.

Sie verstehen sich als Brückenbauer und Mediatoren, die Lösungen nicht machen, sondern herbeiführen. So sagte es Stefan Zinsmeister von der Stiftung am Donnerstag, als sie ihr Projekt in München vorstellte. Zinsmeister berät selbst per Telefon, Mail oder bei einem Ortsbesuch. Da sich die Mitarbeiter wirklich Zeit nehmen wollen, rechnet er mit etwa 40 Beratungen pro Jahr. Insgesamt stehen die drei 40 Stunden die Woche zur Verfügung. Welche Probleme und Missverständnisse zwischen der Kommune und "muslimischen Lebenswelten" entstehen können, zeigte die Bedarfsanalyse.

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Dafür wurden 2018 insgesamt 16 Männer und Frauen aus allen bayerischen Regierungsbezirken interviewt - Politiker, kommunale Mitarbeiter, Vertreter von christlichen Wohlfahrtsverbänden und muslimischen Gemeinden. Ein Mitarbeiter bei einer Kommune wird in der Studie etwa mit folgender Geschichte wiedergegeben. Am Anfang habe in der Kommune der Glaube geherrscht, alle muslimischen Gemeinschaften seien irgendwie ähnlich. Schließlich hätten sie ja dieselbe Religion. Dann aber sprachen sie mit den einen und genehmigten ihnen etwas und die anderen sagten: "Warum zieht ihr die vor?". So ging das hin und her. Es muss recht kompliziert gewesen sein. Am Ende kamen sie beim Amt zu dem Schluss: "Dann machen wir halt mit keinem von denen mehr was, wenn die sich nur streiten."

Kommunen und Muslime wüssten voneinander recht wenig, so ein Fazit der Wissenschaftler. Ein Interviewpartner etwa zeigte sich erschrocken über einen Drittklässler, den er bei einem kommunalen Schulprojekt erlebte. Mit leuchtenden Augen habe der von seinem Cousin erzählt, der den Koran auswendig könne. So schwärmte der eine und löste beim anderen Entsetzen aus: Was ist das für eine Religion, in der nur das Rezitieren von Worten und nicht deren Verständnis zählt? Über die Bedeutung der Koranrezeption wusste er nichts, das negative Urteil über die muslimische Gemeinschaft, der der Junge angehörte, aber war getroffen. Ein Anruf bei der Islamberatung hätte sein Weltbild erweitern können, so die Hoffnung der Initiatoren. Eine unterschwellige Muslimfeindlichkeit auf dem Land stellten sowohl muslimische Befragte, als auch Vertreter der Städte und Kommunen fest.

Es brauche die Erkenntnis, dass auch Einheimische von kulturellen Grundannahmen geleitet sind, sagte Haci-Halil Uslucan, der die Studie mitbetreute. Ein weiteres Ergebnis der Studie sei, dass eine konfliktfreie Gesellschaft nicht existiere. "Ohne die Muslime hätte es keine Konflikte gegeben, das ist eine irrige Vorstellung." Oguz Tasdelen, Geschäftsführer der Ditib-Jugend erzählte, wie viele junge Muslime ihr Leben in Bayern erleben. Seit sich das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland verschlechterte, erlebt er viel Ablehnung. Oft höre er: "Ihr seid alle Agenten Erdogans." Auf einmal habe er seine Jugendarbeit nicht mehr so machen dürfen wie vorher. Es sei gut, dass es jetzt eine Institution gebe, die beide Seiten kenne, die der Muslime und die der Kommunen.

Die Berater der Eugen-Biser-Stiftung gehören entweder dem muslimischen oder dem christlichen Glauben an. Vor allem aber seien sie Experten für beide Lebenswelten, sagte Ayşe Coşkun-Sahin. Sie und ihre Kollegen hätten Islamwissenschaften studiert, Arabistik, katholische Theologie oder Ethnologie. Die Beratung sei "kostenlos, vertraulich und weltanschaulich unabhängig". Die Robert-Bosch-Stiftung unterstützt sie über die nächsten drei Jahre finanziell mit 250 000 Euro und mit Erfahrungen aus Baden-Württemberg, wo es schon seit 2015 eine Islamberatung gibt. Das Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa hilft bei der Analyse und Konzeption der Beratung. Ihr Direktor nannte noch ein Beispiel, wie Kommunen und muslimische Verbände in Zukunft besser zusammen arbeiten könnten. Kommt etwa ein Muslim zum Imam und erzählt von einem Dschinn im Bauch, dann sei das oft seine Art auszudrücken, dass er sehr bedrückt ist. "Dann ist es gut, wenn der Imam die psychologische Beratungsstelle kennt."

Auch Integrationsminister Joachim Herrmann (CSU) begrüßte das Projekt. Es könne bei wütenden Protesten von besorgten Bürgern gegen eine Moschee helfen, aber auch bei ganz einfachen Dingen. Wo etwa erfahre ein unbedarfter Bürgermeister etwas über muslimische Bestattungsriten? Würde so ein Bürgermeister sich an die Islamberatung wenden, dürfte er dort darüber unterrichtet werden, dass ein traditionelles muslimisches Begräbnis ohne Sarg in Bayern gar nicht gestattet ist. Darauf aber ging Herrmann nicht ein, dafür begründete er, warum die Unterstützung des Freistaats wohl ideeller Natur bleiben werde. Die Pflicht zur weltanschaulichen Neutralität lasse nichts anderes zu. Am Ende stand noch der Hinweis, dass die Kooperation offen sei für neue Partner und die Hoffnung, neue Brücken nicht nur zu bauen, sondern dann auch gemeinsam drüber zu gehen.

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