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"Mein Leben in Deutschland":Der Muslim, das unbekannte Wesen

Muslim man stands in Sehitlik Mosque during open house day in Berlin

Der beste Weg den Islam kennenzulernen, ist mit den vielen Muslimen in Deutschland direkt zu sprechen.

(Foto: REUTERS)

Unser syrischer Gastautor wundert sich, dass viele Deutsche ihr Wissen über den Islam nur über Google beziehen. Und so ein komplett falsches Bild von seiner Religion bekommen.

Seit September 2001 schauen viele Menschen auf den Orient. Viele Menschen dort dachten zwar, es sei an der Zeit, um Aufmerksamkeit auf ihre Heimat und den Islam zu lenken - aber doch nicht aus Gründen wie den blutigen Angriffen auf die World Trade Center in New York. Oder wegen Terroristen wie Osama bin Laden.

Aber zumindest ist der arabische Raum seither nicht nur vermehrt im Visier des CIA, sondern auch im Blick vieler Studenten. Seit 2001 boomen im Westen die Universitätsabteilungen, die sich auf Islamwissenschaften und Arabistik spezialisiert haben. Tausende von Studenten aus der westlichen Welt bereisen die arabischen Länder zu Studienzwecken, bevölkern Tunis, Kairo, viele andere orientalische Städte - bis zum Bürgerkrieg auch Damaskus. Mit der sogenannten Flüchtlingskrise wurde das Interesse am arabischen Raum und dem Islam nochmals stärker.

Viele Menschen versuchen aber, diese Religion über Google kennenzulernen. Die Suchmaschine ist die zugänglichste Quelle - ungeachtet dessen, ob die dort erhältlichen Informationen korrekt sind. "Kopftuch", "Jungfrau", "weibliche Beschneidung" "Polygamie", "Homosexualität" und natürlich "Heiliger Krieg" und "Fasten" sind die Schlagworte, die viele Menschen am interessantesten finden.

Ich habe viele Menschen getroffen, die mehr über den Islam wissen wollen. Manche waren enthusiastisch und hatten weder negative noch positive Voreinstellungen gegenüber dem Islam, aber bei vielen waren Missverständnisse und Desinformation vorherrschend.

Einer meiner deutschen Bekannten begann im vergangenen Jahr während des Ramadans mich alles zum Thema "Fasten", "Essen", "Trinken" und "Sex während des Ramadan" zu fragen. Um sich besser einbringen zu können, informierte er sich vorher im Internet über den Islam. Aber er fand vor allem Falsches und Unvollständiges, und vieles gar nicht.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Das erste Thema, mit dem er sich an mich wandte, war das Thema der Beschneidung der weiblichen Geschlechtsorgane. Die darauffolgende Diskussion dauerte Stunden, in denen ich ihm erläutern musste, dass diese Praktik nicht islamisch ist, nicht im Koran erwähnt wird und dass der Fakt, dass die Beschneidung in einigen islamischen Ländern Brauch ist, nichts mit meiner Religion zu tun hat.

Weiter ging das Gespräch über die so genannten "Ehrenmorde" oder "Verbrechen im Namen der Ehre". Diese Straftaten sind im Koran vollkommen verboten und diejenigen, die solche Verbrechen begehen, sind in den Augen der Muslime einfach nur Mörder. Das nächste Thema war Polygamie. Das ist ein recht kompliziertes und problematisches Thema, und es ist wahr, dass sie im Koran gestattet wird. Sie unterliegt aber Bedingungen, und viele Muslime lehnen sie generell ab. In Tunesien und der Türkei ist sie verboten.

Auch das Kopftuch ist als eine der wichtigsten Ausdrucksformen der muslimischen Identität nicht unumstritten. Der Koran sagt nicht ausdrücklich, dass Frauen es zu tragen haben. Viele Frauen tragen es eher aus sozialen, gesellschaftlichen und traditionellen Gründen denn als Ausdruck ihrer Religiösität.

Ich will hier nicht als der große Verteidiger des Islam auftreten, da ich weiß, dass es viele gibt, die besser als ich dafür geeignet sind. Außerdem ist der Einfluss eines einzelnen Artikels gering. Meiner Meinung nach bräuchte der Islam ohnehin eine grundlegende Erneuerung. Es bedarf einer Bewegung, die mit der Renaissance vergleichbar wäre, und diese sollte von allen islamischen Ländern gemeinsam gestemmt werden.

In meinen Augen gibt es keine perfekte Religion; für mich ist auch der Islam längst nicht das Ideal. In ihm gibt es viele gegenteilige Behauptungen, und zu viele Einschränkungen für Frauen. Aber nur diese negativen Seiten sollten nicht das Bild vieler Menschen über den Islam bestimmen.

Heutzutage leben so viele Muslime in der deutschen Gesellschaft, dass es der beste Weg den Islam kennenzulernen, wäre, direkt mit ihnen zu kommunizieren. Und nicht einfach nur zu glauben, was Google sagt.

Übersetzung: Jasna Zajček

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