Islam-Studie Sie sind beides, Muslime und Bayern

Beim gemeinsamen Fastenbrechen kommen Muslime zusammen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Eine umfassende Studie im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zeichnet ein differenziertes Bild bayerischer Muslime.
  • Die Untersuchung soll der Staatsregierung Empfehlungen geben, welche Politik künftig mit Muslimen gemacht werden soll.
  • Allerdings hat die Studie auch Grenzen.
Von Matthias Drobinski

Sie beten zu Allah, manche fünfmal am Tag und manche, wenn es gerade passt. Sie gehen in die Moschee, die einen jeden Freitag und andere vielleicht im Ramadan. Unter ihnen gibt es Frauen, die tragen ein Kopftuch, und andere, die das ablehnen; manche Männer tragen den Bart so, wie ihn der Prophet Mohammed getragen haben soll, andere finden das einen lächerlichen Anachronismus. Und wieder andere haben mit Religion gar nichts am Hut und werden doch irgendwie dazugezählt.

Was alle diese Menschen eint: Sie sind Muslime - oder gelten eben, weil sie ihre Wurzeln in einem islamischen Land haben, als Muslime. Und sie sind Bayern. Mehr als eine halbe Million von ihnen leben im Freistaat. Sie leben dort überwiegend gern; viele haben gar eine engere Bindung an Bayern als an Deutschland. Wenn da nicht doch manchmal das Gefühl wäre, man könne sich anstrengen, wie man wolle, und es reiche nicht, um wirklich anerkannt zu sein. Wenn da nicht die zunehmenden Konflikte wären zwischen Islamisten auf der einen und Islamhassern auf der anderen Seite.

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Das alles kann man aus der mehr als hundert Seiten umfassenden Studie lesen, die ein Team von Islamwissenschaftlern und Juristen um den Erlanger Professor Mathias Rohe im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften erstellt hat. Das Papier ist mehr als nur eine wissenschaftliche Studie - sie soll der Staatsregierung Informationen und Handlungsempfehlungen an die Hand geben, welche Politik sie künftig mit und gegenüber den in Bayern lebenden Muslimen machen soll. Drei Jahre lang haben die Forscher Hunderte Interviews geführt, Moscheegemeinden und muslimische Verbände besucht, mit Kommunalpolitikern, Sicherheitsbehörden, Journalisten geredet, die Statistiken geflöht. An vielen Stellen haben sie Pionierarbeit geleistet, das merkt man besonders dort, wo die Grenzen der Arbeit sichtbar werden. So stammt die neueste Umfrage über die Herkunft und die Glaubensausrichtung der Muslime aus dem Jahr 2008 - das dürfte mit der Realität im Jahr 2018 nur noch wenig zu tun haben.

Die Forscher zeichnen ein sehr differenziertes Bild vom muslimischen Leben in Bayern, das die Lage weder schönfärbt noch schwarz malt. Es ist über die Jahre hinweg eine große Vielfalt von Verbänden, Vereinen und Gemeinden entstanden, die oft immer noch mehr an den Herkunftsländern orientiert sind als daran, ob sie nun sunnitisch oder schiitisch sind. Große Verbände wie die türkisch-staatsnahe Ditib, der Islamrat, der Zentralrat der Muslime oder der Verband der islamischen Kulturzentren spielen eine wichtige, aber keinesfalls alles dominierende Rolle; in Bayern hätten die überwiegend in Nordrhein-Westfalen ansässigen Verbandszentralen ohnehin weniger Einfluss als anderswo, heißt es in der Studie. Im Umgang mit der Ditib, die nach dem Putsch in der Türkei den autoritären Kurs des Präsidenten Erdoğan stützt, ist den Forschern einige Ratlosigkeit anzumerken; sie beschreiben die Zusammenarbeit als zunehmend schwierig, warnen aber davor, den Verband nicht mehr als Kooperationspartner anzusehen.

Die größeren Probleme sehen sie ohnehin anderswo: Viele Vorstände arbeiten ehrenamtlich und wechseln schnell, so fehlen zuverlässige Dialog- und Ansprechpartner. Mangelnde Deutschkenntnisse bleiben ebenso ein Hindernis wie Imame, die aus dem Ausland kommen. Viele Muslime dagegen sehen sich zunehmend als die Problembären der Nation wahrgenommen, von der Politik mit spitzen Fingern angefasst und von den Medien klischeehaft dargestellt. Das Zusammenleben klappt meist mit den üblichen Holpereien des Lebens - aber einfacher ist es nicht geworden.

So bemüht sich die Studie, die Schwierigkeiten im Zusammenleben nicht zu verschweigen, aber eben auch einzuordnen. Ja, es gebt vereinzelt Ansätze einer Paralleljustiz, was nichts an dem Vertrauen der meisten Muslime ins deutsche Rechtssystem ändert. Ja, auch in Bayern würden muslimische Frauen und Mädchen zwangsverheiratet, aber das seien Einzelfälle; ja, muslimische Männer dächten tendenziell patriarchaler als andere Männer, aber das ändere sich auch. Und auf jeden Fall solle eine liberale und plurale Gesellschaft ihre Liberalität und Pluralität auch gegenüber Muslimen vertreten und zum Beispiel eine Kommune keinesfalls einen Mann zu einem Gespräch schicken, wenn fachlich eine Frau zuständig wäre. Aber genauso falsch sei es, Muslime generell als demokratie-inkompatibel hinzustellen.

Ein eigenes Kapitel widmet die Studie dem Extremismus - auch in der Islamistenszene haben die Forscher zahlreiche Interviews geführt. "Auch in Bayern hat sich eine weiter anwachsende salafistische Szene etabliert", heißt es; die sei allerdings "organisatorisch schwer zu fassen", es gebe keine festen Strukturen und auch keine Identifikationspersonen, dennoch sei die Zahl von 730 Salafisten, von denen der Verfassungsschutz ausgehe, "nicht zu niedrig angesetzt". Ausdrücklich loben die Verfasser die bayerische Null-Toleranz-Politik in diesem Bereich; viele Salafisten verließen Bayern, "um der engmaschigen Überwachung inklusive Sicherheitsgesprächen, Kontrollen und Razzien zu entgehen".

Und das soll auch so bleiben, heißt es in den Empfehlungen an die Landesregierung. Ansonsten haben die Autoren durchaus Wünsche an Ministerpräsident Markus Söder, sein Kabinett, die politisch Verantwortlichen im Freistaat: Sie sollen runde Tische und Orte des Dialogs fördern und professionalisieren. Sie sollen den islamischen Religionsunterricht, der bislang als Modellprojekt ausprobiert wird, weiterführen und verstetigen, sollen die Religionsausübung von Muslimen ermöglichen, Moscheebau und Kopftuchtragen inklusive, sollen Lehrer, Juristen, Polizisten weiterbilden. Es braucht Integrationsprogramme für Flüchtlinge, Basisunterricht gegen Antisemitismus inklusive. Ein eigenes Islamgesetz wie in Österreich halten die Wissenschaftler für wenig sinnvoll. Viel zu tun ist. "Wir brauchen eine Koalition der Gutwilligen", sagte Islamforscher Rohe bei der Vorstellung des Werkes.

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