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Dauerregen:Wie sich Bayern gegen das Hochwasser wehrt

Dauerregen im Süden

Feuerwehrmänner versuchen in Straßlach am Deininger Weiher eine Spundwand zu öffnen.

(Foto: dpa)
  • Seit dem Pfingsthochwasser 1999 hat Bayern beim Hochwasserschutz aufgerüstet.
  • Bisher wurden schon mehr als zwei Milliarden Euro investiert. Mit dem Geld wurden beispielsweise Dämme und Deiche saniert.
  • Umweltminister Glauber kündigt weitere Maßnahmen an.

Feldolling, eine kleine Ortschaft an der Mangfall im Landkreis Rosenheim, hatten die Behörden in ihren Karten zeitweise sogar violett markiert: Meldestufe vier, bebaute Gebiete in größerem Umfang überflutet, hätte das bedeutet. In all den Wasserstandsmeldungen im Dauerregen der vergangenen Tage war der Pegel Feldolling immer wieder aufgetaucht. Gleich oberhalb mündet die Leitzach in die Mangfall. Wenn es in den Bergen regnet, schwellen beide Flüsse schnell an, so wie es gerade auch die Loisach oder die Ammer wieder getan haben. Die höchste Meldestufe vier wurde am Dienstag aber kaum irgendwo erreicht, meist kam es weniger schlimm als noch am Montag befürchtet. Zwar haben da und dort Hausbesitzer und Feuerwehrleute Sandsäcke befüllt und aufgestapelt, vereinzelt liefen Keller voll oder mussten Straßen und Gleise gesperrt werden wie die Bahnstrecken zwischen Murnau und Garmisch-Partenkirchen oder zwischen Kempten, Immenstadt und Oberstdorf. Doch die Krisenstäbe in den Landratsämtern entlang der Alpen gaben bald vorsichtig Entwarnung.

Vor exakt 20 Jahren war die Lage dramatisch. Wie in diesen Tagen hatte es auch 1999 vom 20. bis zum 22. Mai in Oberbayern und im Allgäu heftig geregnet, vor allem durch Iller, Wertach, Ammer und Loisach wälzten sich gigantische Fluten in Richtung Donau, die prompt hinter Ingolstadt Dämme und Deiche überströmte. Besonders schlimm traf es Neustadt an der Donau, aber auch Neu-Ulm und Teile von Augsburg wurden überflutet, ebenso kleinere Orte wie Sonthofen, Weilheim oder Eschenlohe. Bayernweit starben fünf Menschen in den Fluten, 100 000 Menschen waren direkt betroffen, die Schäden summierten sich auf eine Milliarde Euro. Die Katastrophe ging alsbald als Pfingsthochwasser 1999 in die Geschichte ein.

Dieses Pfingsthochwasser 1999 ist aber auch Zäsur im Hochwasserschutz. Unter dem Titel "Hochwasser-Schutzprogramm 2020" hat der Freistaat seither Dämme und Deiche mit Milliardenaufwand komplett modernisiert. Dass die Wasserwirtschaftbehörden so heftige Niederschläge wie dieser Tage inzwischen vergleichsweise routiniert bewältigen und es allenfalls zu kleineren lokalen Hochwassern kommt, hat sehr viel mit diesem Programm zu tun. Da sind sich alle Fachleute einig.

Zumal der Freistaat das Programm nach allen späteren Katastrophen fortgeschrieben und immer noch mehr Geld hineingepumpt hat, als anfangs vorgesehen war. So nach dem August-Hochwasser 2005, der Jahrtausendflut an der Donau 2013, als der Ort Fischerdorf unterging, und der Sturzflut 2016, die Simbach am Inn und weite Teile des Landkreises Rottal-Inn verwüstete. Die Grundphilosophie der Staatsregierung lautet seit 1999: "Im Ernstfall zählt jeder Zentimeter", wie Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) sagt. "Deshalb werden wir die Schutzmaßnahmen regelmäßig weiterentwickeln."

Die bisherige Bilanz ist beeindruckend: Seit 2001 hat der Freistaat mehr als zwei Milliarden Euro in das Programm investiert, bis 2020 sollen es weitere 1,4 Milliarden sein. Bisher wurden quer durch Bayern 330 Kilometer Dämme und Deiche saniert, 180 Kilometer neu gebaut sowie mobile Schutzwände von zusammen 80 Kilometern Länge beschafft. Außerdem wurden zahlreiche Deiche weiter von den Flüssen weg verlegt, damit die Wassermassen mehr Platz haben. Und es wurden Rückhaltebecken errichtet, in die Fluten ausgeleitet werden können. Alles in allem wurde so der Hochwasserschutz für mehr als eine halbe Million Flussanlieger auf Vordermann gebracht.

Aber auch in den natürlichen Hochwasserschutz wurde viel investiert. Damit sind vor allem Renaturierungen von Fluss- und Bachlandschaften sowie das Wiederherstellen von Auwäldern gemeint. Zwar sind diese Anstrengungen den Umweltverbänden zu gering. Aber der bisherige Aufwand kann sich sehen lassen. "Insgesamt haben wir 1200 Kilometer Gewässerstrecke und 2600 Hektar Aulandschaften renaturiert", heißt es aus dem Umweltministerium. Ein großes Problem für den Ausbau des natürlichen Hochwasserschutzes ist, dass viele Bauern den Grund nicht hergeben wollen, der dafür nötig ist.

Dauerregen in Bayern

Flüsse und Seen treten über die Ufer

Die Vorsorge ist dem Freistaat ebenfalls viel Geld und Personal wert. Für die Kommunen entwickelt er sogenannte Hochwasser-Risikokarten. In ihnen sind alle Gebiete an Flüssen und Bächen verzeichnet, die von Wohnsiedlungen und Gewerbe frei bleiben sollten, weil sie nicht wirklich geschützt werden können. Das Problem ist, dass sich viele Kommunen zumindest in der Vergangenheit nicht an diese Warnungen gehalten haben. Auch der Hochwasserwarndienst ist komplett modernisiert worden. Bei allem Restrisiko sind die Prognosen längst um ein Vielfaches zuverlässiger als vor 1999.

Hochwasserschutz ist in der Bevölkerung wenig beliebt

Trotz all dieser Erfolge wird der Hochwasserschutz ein endloses Werk bleiben. Zum einen, weil die Herausforderungen immer größer werden. Das hat zuletzt die Sturzflut 2016 in Simbach gezeigt. Der gleichnamige Bach ist normalerweise ein völlig harmloses Gewässer. Bei der Sturzflut 2016 schwoll er so schnell so heftig an, dass er praktisch ohne Vorwarnung die ganze Stadt verwüstete. Solche Katastrophen kannte man bis dahin in Bayern nicht. Experten prognostizieren, dass sie im Zuge des Klimawandels öfter auftreten werden. Auch deshalb hat Umweltminister Glauber bereits angekündigt, das Schutzprogramm über 2020 hinaus fortzusetzen - mit gleichem Aufwand wie bis dahin.

Das andere große Problem ist, dass der Hochwasserschutz in der Bevölkerung wenig beliebt ist. Das hat man zuletzt an dem Streit um die Flutpolder an der Donau gesehen. Flutpolder sind große Staubecken, in die Millionen Kubikmeter Hochwasser ausgeleitet werden können. Sie dienen gleichsam als Reserve für Katastrophen wie 2013 bei Deggendorf, wenn alle anderen Schutzmaßnahmen versagen. Bei den Anliegern sind die Projekte heftig umstritten. Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger hat deshalb dafür gesorgt, dass drei besonders umstrittene Polder in den Landkreisen Regensburg und Neuburg an der Donau aus dem Programm gestrichen werden. Nach massiven Protesten der Fachwelt kämpft sein Parteifreund Glauber derzeit dafür, dass die drei Polder wieder in das Programm hineinkommen.

Am rechten Ufer der Mangfall bei Feldolling tragen die Bagger in diesen Tagen bereits eine dicke Erdschicht von den Wiesen ab. Hier soll der Einlauf für einen mehr als 150 Fußballfelder großen Flutpolder entstehen. Auch der ist umstritten, mehrere Feldollinger und die Gemeinde Feldkirchen-Westerham haben Klagen eingereicht, über die der Bayerische Verwaltungsgerichtshof frühestens im November endgültig entscheiden wird. Trotzdem lässt der Freistaat hier, auf eine vorläufige Entscheidung des Gerichts hin, schon seit einigen Wochen bauen. Auch Enteignungsverfahren für einige Grundstücke stehen im Raum. "Wir wollen keine Zeitverluste mehr hinnehmen, das sind wir den Menschen im Mangfalltal schuldig", sagt Paul Geisenhofer, der Leiter des Wasserwirtschaftsamts Rosenheim. Das Amt plant den Polder seit ziemlich genau 20 Jahren.

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