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Flüchtlinge:Wenn die Angst vor Abschiebung in den Suizid treibt

Demo gegen Abschiebung in München

Demonstration gegen Abschiebungen in München.

(Foto: Robert Haas)
  • Am 1. Januar sprang ein Flüchtling aus dem Fenster einer Gemeinschaftsunterkunft.
  • Er ist kein Einzelfall: Immer mehr afghanische Flüchtlinge nehmen sich in Bayern aus Angst vor Abschiebung das Leben.
  • Das bayerische Innenministerium gibt Gruppen wie dem Flüchtlingsrat eine Mitschuld an der Unruhe unter Afghanen.

Von Dietrich Mittler und Lisa Schnell

In den offiziellen Papieren von Taher I. ist der 1. Januar als Geburtstag eingetragen - so wie das bei vielen Asylbewerbern geschieht, in deren Heimatländern Geburtsdaten keine Rolle spielen. An diesem 1. Januar beschloss der junge Afghane, seinem Leben ein Ende zu setzen. In der Nacht zum 2. Januar sprang der 22-Jährige in der Abensberger Gemeinschaftsunterkunft im zweiten Stock aus dem Fenster. Asylhelfer, die ihn näher kannten, quälen sich seitdem mit der Frage: "Hätten wir ihm helfen können?"

Zugleich aber wissen sie: Solche Verzweiflungstaten sind in Bayern längst kein Einzelfall mehr. Genau ein Jahr zuvor hatte sich in der oberbayerischen Marktgemeinde Gaimersheim ein 19-jähriger Flüchtling aus Afghanistan in einem Supermarkt mit Benzin übergossen und angezündet. Gut zwei Monate später konnten Zivilbeamte in Passau einen 27-jährigen Afghanen gerade noch davon abhalten, von einer Brücke zu springen.

Zumeist bleiben Verzweiflungstaten wie diese im Dunkeln. Im Fall von Taher I. trafen sich Asylhelfer und Mitbewohner des 22-Jährigen am Freitag im Herzen Abendsbergs auf dem Stadtplatz zu einer Mahnwache. Mit dabei war die 77-jährige frühere Dekanin Inge Ehemann. Zwei Tage vor Heiligabend hat sie Taher I. das letzte Mal lebend gesehen. Sie fragte ihn, wie es ihm gehe. "Gut", antwortete er. "Wenn man Taher fragte, hat er immer gesagt: 'Es geht mir gut.'"

Der junge Mann lebte zurückgezogen, hatte psychische Probleme, die Ehemann auf traumatische Fluchterlebnisse zurückführt. Taher I. wollte und konnte darüber nicht reden. Hinzu kam: Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Und am 23. Januar soll wieder eine Sammelabschiebung nach Afghanistan stattfinden.

"Statt die Traumatisierung zu verarbeiten, kommt hier eine neue Traumatisierung hinzu", sagt Maria Möller, Hausärztin aus Augsburg, die sich seit 2015 in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Für viele Afghanen, seelisch ohnehin bereits angeschlagen, gleiche diese Situation "einem Russisch Roulette - wann komm ich dran mit der Abschiebung? Wann trifft es mich?".

Jürgen Soyer, der Geschäftsführer des Münchner Beratungs- und Behandlungszentrums "Refugio" für traumatisierte Flüchtlinge und Folteropfer, geht davon aus, dass diese Angst mittlerweile selbst Flüchtlinge erfasse, die einen gesicherten Aufenthaltsstatus haben. "Mit diesen wenigen Dutzend, die man dann abschiebt, verunsichert man meines Erachtens Tausende." Auf den Anmeldungslisten von Refugio stünden "oft auch Leute, die bereits einen Suizidversuch hinter sich haben".

Letztlich hätte wohl auch Taher I. mehr professionellen Beistand und vor allem aber eine stabile Umgebung gebraucht. Solange er im Raum Mainburg in einer dezentralen Unterkunft lebte, hatte er einen Helferkreis, der immer wieder nach ihm sah - dazu gehörte Inge Ehemann. Dann wurde diese Unterkunft aufgelöst, und Taher I. fand sich im niederbayerischen Abensberg in einer Gemeinschaftsunterkunft wieder. Dort war der Helferkreis offenbar bereits so ausgelastet, dass er sich nicht auch noch um die neu eingetroffenen Afghanen habe kümmern können, sagt die 77-Jährige. In der Folge saß der junge Afghane Tag für Tag ohne Ablenkung in der Unterkunft - denn eine Arbeitserlaubnis bekam er auch nicht. Er war allein mit seiner Angst.

Flüchtlingsrat sei mitschuldig an Unruhen, sagt das Innenministerium

Auch in dieser Hinsicht war Taher I. kein Einzelfall. Wie Christine Kamm, die asylpolitische Sprecherin der Landtagsgrünen, betont, leben in Bayern derzeit an die 2000 Afghanen in dieser ständigen Sorge, abgeschoben zu werden. "Sie oder ihre Familien sind zwar in Afghanistan verfolgt worden, aber sie werden nicht anerkannt, weil sie ja nicht durch den Staat verfolgt wurden, sondern durch irgendwelche Taliban oder IS Milizen", sagte Kamm am Montag.

Im April vergangenen Jahres hatte Kamm die Ergebnisse einer Landtagsanfrage veröffentlicht. Demnach hatten 2016 158 Flüchtlinge in Bayern versucht, sich das Leben zu nehmen. In vier Fällen endete dies tödlich. "Das war mehr als eine Verdreifachung gegenüber den Vorjahren", sagt Kamm. Mitverantwortlich für diese Entwicklung machte Kamm die bayerische Asylpolitik. Die Antwort der Staatsregierung fiel drastisch aus. "Zu einem solchen haltlosen und ehrverletzenden Vorwurf werden wir uns nicht äußern."

Aktuell heißt es aus dem Innenministerium: Die Anzahl der nach Afghanistan Abgeschobenen sei nicht gestiegen. Aber auch das Ministerium hat festgestellt: Es herrscht Unruhe unter den Afghanen. Dies liege aber vor allem an Gruppen wie dem Flüchtlingsrat. Der verbreite oft falsche Tatsachen. Etwa die Geschichten von Asylbewerbern, die nach Afghanistan abgeschoben wurden, obwohl sie nichts falsch gemacht hätten. "Wenn ich da ein Afghane wäre, hätte ich auch den Eindruck, dass alle abgeschoben werden", sagt ein Ministeriumssprecher. Dem sei aber nicht so.

Kontraproduktiv, so der Sprecher, sei außerdem, Abschiebetermine an Asylbewerber weiter zu geben. Dadurch entstünden unnötige Sorgen, nicht durch eine unverhältnismäßig scharfe Abschiebepraxis. Nach Angaben des Innenministeriums würden nur "Straftäter, Gefährder und hartnäckige Identitätstäuscher" abgeschoben, wie es nach offizieller Sprachregelung heißt. Nach Angaben des Flüchtlingsrats seien aber auch völlig unbescholtene, gut integrierte Afghanen zurückgeschickt worden.

Seit 2016 finden wieder verstärkt Abschiebungen statt. Bis 2015 waren sie weitgehend ausgesetzt. 2017 wurden aus Bayern 56 abgelehnte Asylbewerber nach Afghanistan abgeschoben. Dass außerdem so viele freiwillig zurückgingen, spreche dafür, dass man da schon hinreisen könne, heißt es aus dem Ministerium.

Anmerkung der Redaktion

Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

© SZ vom 09.01.2018/imei
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