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Flüchtlinge:"Einzelabschiebungen laufen das ganze Jahr, jeden Tag"

Am Flughafen München gibt es bei Sammelabschiebungen immer wieder Demonstrationen.

(Foto: dpa)

Gaston Descy vom kirchlichen Sozialdienst betreut am Münchner Flughafen Menschen, die Deutschland gegen ihren Willen verlassen müssen. Für manche ist er die letzte Hoffnung.

Interview von Elisa Britzelmeier

Afghanistan sei keineswegs sicher, sagen Organisationen wie Pro Asyl und der Bayerische Flüchtlingsrat. Trotzdem sind seit Ende vergangenen Jahres 106 abgelehnte Asylbewerber zurückgeflogen worden, allein seit Dezember waren es fünf Sammelabschiebungen.

Nach dem jüngsten Terroranschlag in Kabul will die Bundesregierung Abschiebungen nach Afghanistan nun doch vorerst aussetzen, das Auswärtige Amt soll die Sicherheitslage neu beurteilen.

Bei den vergangenen Sammelabschiebungen vom Münchner Flughafen aus hat es Demonstrationen gegeben, draußen, vor den Sicherheitskontrollen. Doch was passiert drinnen? Der Pädagoge Gaston Descy arbeitet beim katholischen Sozialdienst und betreut die sogenannten Rückführungen. Er ist einer der letzten, den die Menschen sehen, bevor sie in ein Flugzeug steigen, mit dem sie eigentlich gar nicht fliegen wollen.

SZ: Wie muss man sich so eine Sammelabschiebung vorstellen?

Gaston Descy: Die Betroffenen werden unangekündigt abgeholt, aus ihrer Gemeinschaftsunterkunft, ihrer Wohnung oder vom Arbeitsplatz. Wenn sie am Flughafen ankommen, ist das erst einmal ein eher technischer Vorgang, Gepäck, Check-in, begleitet von Polizisten und Dolmetschern. Für die Sammelrückführungen gibt es einen speziellen Bereich am Flughafen. Anders ist es bei Einzelabschiebungen. Da fliegen die Abgeschobenen auf Linienflügen mit.

Also zusammen mit ganz normalen Reisenden?

Genau. Einzelabschiebungen laufen das ganze Jahr, jeden Tag. Ich schreibe gerade eine Liste für morgen, 30 Maßnahmen stehen darauf. Äthiopier, Senegalesen, Iraker, Rumänen, Eritreer. Menschen, die von hier nach Hause fliegen, oder ins europäische Ausland, von überall nach überall. Gemäß der Dublin-Verordnung werden viele zurückgeschickt in den Staat, in dem sie zum ersten Mal die EU betreten haben. Das bedeutet ein großes Hin und Her, auch mit den entsprechenden Kosten verbunden.

Sammelabschiebungen wie nach Afghanistan dagegen laufen mit Charterflügen. Wie sieht Ihre Arbeit dabei aus?

Wir stehen in einem Bereich nach dem Check-in, in dem alle durchkommen. Um erkennbar zu sein, tragen wir Westen. Jeder kann uns ansprechen. Meist ist es aber so, dass wir schon wissen, wen wir ansprechen, auf wen wir besonders achten sollten, wen wir vielleicht noch zum Arzt schicken.

Woher?

Gaston Descy versucht, mit den Menschen vor deren Abschiebung eher über praktische Dinge zu sprechen. Manchmal klagen die Flüchtlinge ihm aber auch ihr ganzes Leid.

(Foto: Marco Einfeldt)

Von Organisationen wie dem Bayerischen Flüchtlingsrat, ProAsyl oder der Caritas. Oft auch von Privatpersonen. Wir bieten einfach Hilfe an: Mögen Sie noch etwas essen? Können wir etwas tun? Einer wollte einem Freund eine Zugfahrkarte weitergeben, die wir dann per Post zugeschickt haben. Manchmal ist noch ein Schlüssel abzugeben. Zuletzt hatten wir einen, der keine Kleidung hatte außer der, die er am Leib trug. Da hat er aus unserem Bestand eine feste Jacke bekommen.

Also eher die praktischen Dinge.

Ja. Manche wollen auch reden, noch etwas loswerden. Bei den Afghanen ist es seltener, aber bei den Abschiebungen von Menschen vom Westbalkan hatten wir das hin und wieder. Da erzählen manche ihr ganzes Leid: Wann und wie sie nach Deutschland gekommen sind, was sie sich erhofften. Einmal hat sich ein Mann bei mir richtig ausgeheult, ein Riesenkerl, gefühlt ein Meter neunzig mal ein Meter neunzig. Er war verzweifelt, weil er seine Frau und sein Kind wohl nicht mehr wiedersehen wird. Dabei soll er gegenüber seiner Partnerin gewalttätig gewesen sein, soweit ich das mitgekriegt habe.

Es werden nicht nur Straftäter abgeschoben, sondern auch gut integrierte, schon lange hier lebende Geflüchtete. Das kritisieren Hilfsorganisationen und etwa auch die Grünen im Bayerischen Landtag.

Ja, wir haben allerdings keinen Akteneinblick. Ich weiß nicht, wer straffällig geworden ist und wer nicht. Vor ein paar Jahren waren es zumindest gefühlt vor allem Straftäter, das hat sich geändert.

Dahinter steht ja eine politische Entscheidung. Wie sehen Sie andere Bundesländer im Vergleich? Schleswig-Holstein hat als Einziges einen Abschiebestopp beschlossen, auch andere zeigen sich weniger hart als Bayern.

Nun, wenn Schleswig-Holstein nicht abschieben will, muss es andere Regelungen finden. Die Frage ist ja, was stattdessen passiert. Wie kann man die Integration verbessern? Vielleicht finden andere Bundesländer darauf Antworten und Bayern kann davon lernen. Solange die Regelung hier so ist, versuche ich jedenfalls durchzukommen und humanitäre Hilfe zu leisten. Es kam auch schon vor, dass Kritiker von uns forderten: Stoppen Sie das sofort! Dass wir mit dem Auto bis ans Flugzeug fahren sollten.

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