Sexismus bei Fastnacht in Franken "Letztes Jahr? War da was?"

Die Altneihauser Feierwehrkapell'n.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Die Altneihauser Feierwehrkapell'n löste 2018 mit sexistischen Witzen bei der Fastnacht in Franken Empörung aus. Trotzdem sind sie wieder dabei.

Von Uwe Ritzer, Veitshöchheim

Sie werden an diesem Freitag wieder dabei sein, was vor einem Jahr keineswegs ausgemacht schien. "Letztes Jahr? War da was?", fragt Norbert Neugirg mit gespielter Unschuld. Eigentlich mag er öffentlich nicht mehr über den Aufruhr reden, den er 2018 mit seiner Altneihauser Feierwehrkapell'n ausgelöst hat, als sie bei der "Fastnacht in Franken", dem Quotenrenner des Bayerischen Fernsehens sexistisch über Brigitte Macron hergezogen hatten, die Frau des französischen Präsidenten. Wen sie bei der TV-Prunksitzung in Veitshöchheim dieses Mal verspotten werden, mag Neugirg nicht sagen. Und was 2018 angeht - "zu Risiken, Neben- und Nachwirkungen abgelaufener Fastnachtssendungen wenden Sie sich bitte an den Sender unseres Vertrauens".

Dort sitzt Kathrin Degmair, die Leiterin des für die Sendung zuständigen BR-Studios Franken. Mit von Eifer und Ernst durchtränkten Debatten im Fasching hat sie ihre eigenen Erfahrungen. Vor einigen Jahren saß sie als Hippie kostümiert im Saalpublikum. Die Kamera fing Degmair groß ein, eine glimmende Zigarette in der Hand. Wie es sein könne, empörten sich sogleich Zuschauer der TV-Prunksitzung aus Veitshöchheim, dass da jemand im Saal rauche? Bild brachte das Foto der rauchenden Besucherin im Großformat. Doch der Zorn verrauchte im Nichts. Die scheinbar brennende Zigarette war ein Scherzartikel.

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Womöglich hat ihr diese Erfahrung bei der Bewältigung der Altneihauser-Debatte geholfen. Die Oberpfälzer hatten sich im Ton vergriffen und minutenlang über Alter und Aussehen von Brigitte Macron gelästert. Vom "gut eingefahrenen Schlitten" und einer "gut abgehang'nen Dame" war die Rede. Noch während sie auf der Bühne standen, brach in den sozialen Netzwerken ein Sturm der Entrüstung aus und in den folgenden Tagen entwickelte sich eine öffentliche Debatte über die Altneihauser im Speziellen und die allgemeine Frage, wie weit Karnevalisten, Kabarettisten und Komiker gehen dürfen mit ihrem Spott. Wobei auch Stimmen laut wurden, die meinten, zum Fasching gehöre das bisweilen ausschweifende Wort. Beim BR hielten sich die Zuschauerreaktionen pro und contra die Waage.

Die Öffentlichkeit hatte sich längst schon wieder beruhigt als sich auch der BR-Rundfunkrat und dessen Programmausschuss mit dem Auftritt beschäftigten. Teilnehmern zufolge diskutierte allein der Ausschuss so lange über den Altneihauser-Auftritt wie normalerweise eine komplette Fastnacht-Sendung dauert, dreieinhalb Stunden. Dem Vernehmen nach trug die nichtöffentliche Beratung unfreiwillig kabarettistische Züge, was daran liegen mag, dass Vertreter von weniger humoristischen Organisationen wie Kirchen oder Vertriebenenverbänden über Satire zu befinden hatten.

Dass ein Rundfunkrat-Mitglied geklagt haben soll, "immer" gehe es gegen die Frauen, und ein anderer Programmwächter mehr oder weniger Zensur vom BR verlangt haben soll, wurde von gemäßigteren Sitzungsteilnehmern als weniger lustig empfunden. Herrschen doch beim BR keine Verhältnisse mehr wie anno 1986, als ein Fernsehdirektor die Ausstrahlung der Kabarettsendung "Scheibenwischer" unterband, um das bayerische Volk vor Spott über Kernenergie zu schützen. Also verteidigten im Falle der Altneihauser Studioleiterin Degmair und Fernsehchef Reinhard Scolik in den BR-Aufsichtsgremien die karnevalistische Freiheit. Scolik, einem Österreicher, half womöglich, dass er lange in Wien gelebt hat und etwas vom sprichwörtlichen Schmäh dort aufgesogen hat. Im Übrigen bewies er selbst große Fastnachtsaffinität als er 2018 verkleidet als Conchita Wurst in Veitshöchheim auftauchte.

Nachdem der Rundfunkrat sich ausgesprochen hatte, kam er zum Ergebnis, "dass die Äußerungen der Künstler zu Irritationen geführt" hätten, "eine Verletzung des Rundfunkgesetzes jedoch nicht vorgelegen habe", wie im Sitzungsprotokoll nachzulesen ist. Die Altneihauser werden also an diesem Freitag wieder auftreten, und Degmair sagt, für sie stand das "nie in Frage, obwohl ich persönlich ihre Macron-Witze auch nicht gelungen fand und es bedauert habe, dass dies zu Irritationen beim Publikum führte". Aber der BR stehe zu seinen Künstlern und Fastnacht lebe auch von Übertreibung und Zuspitzung.

Bernhard Schlereth, Macher der TV-Prunksitzung beim fränkischen Fastnachtsverband, sieht das ähnlich. "Sie sind seit Jahren ein Höhepunkt der Sendung und ich bin mir sicher, dass sie auch heuer wieder eine starke Nummer abliefern werden." Was ihn wundere: Auch über Trumps Aussehen oder Berlusconis Frauengeschichten wurde in der Sendung schon gelästert, "ohne, dass sich darüber jemand aufgeregt hat".

Einstecken können müssen erfahrungsgemäß auch die Politiker im Saal. Erstmals hat sich an diesem Freitag das gesamte bayerische Kabinett angekündigt, erstmals angeführt von Ministerpräsident Markus Söder - unkostümiert, wegen der Würde des neuen Amtes. Auf der Bühne stehen werden außer den Altneihausern etablierte fränkische Kabarettgrößen wie Volker Heißmann und Martin Rassau, Michl Müller, Peter Kuhn und Oliver Tissot.

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