Einbürgerung Es fühlt sich perfekt an

  • Im vergangenen Jahr haben in Bayern 18 062 Menschen die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.
  • Die meisten Eingebürgerten stammen aus EU-Staaten, zum Beispiel aus Rumänien, Großbritannien und Italien.
  • Insbesondere bei den Briten ist die Zahl derer, die 2018 deutsche Staatsbürger werden wollten, stark gestiegen.
Von Clara Lipkowski

300 Fragen sind der Schlüssel zur deutschen Staatsbürgerschaft, wer sie beantworten will, muss pauken. Zum Beispiel: Wer wählt die Bundeskanzlerin? Wanda Cicilia Kilian, 42, kennt das Prozedere. "Beim Lernen hatte ich immer diese eine Frage falsch. Und dann auch später im Test", sagt die Südafrikanerin. Aber immerhin, eben nur diese eine der insgesamt 33 Prüfungsfragen habe sie falsch beantwortet, sagt sie. Und wer die Kanzlerin wählt, weiß sie längst: der Bundestag. Die Kinderpflegerin steht an diesem Montag in einem Saal im Innenministerium, hält ihre Einbürgerungsurkunde in den Händen und lacht und weint zugleich. "Das ist schon emotional", sagt sie, "Südafrikanerin bleibe ich immer, aber in Deutschland zu sagen, ich gehöre dazu, das war mir sehr wichtig."

Sie gehört zu den 18 062 Menschen, die 2018 in Bayern die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen haben. Seit 17 Jahren wurden nicht mehr so viele Menschen eingebürgert wie im vergangenen Jahr. Im Vergleich zu 2017 waren dies 15,5 Prozent mehr - vor zwei Jahren hatten sich noch 15 658 Menschen für den Pass entschieden. Als Südafrikanerin gehört Kilian zu einer Minderheit unter den neuen Staatsbürgern, denn die meisten stammen nach wie vor aus EU-Staaten (insgesamt 7781 Personen, also deutlich mehr als ein Drittel). Die Mehrheit kommt aus Rumänien (1437), gefolgt von Großbritannien (1329) und Italien (869).

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Viele Menschen leben, vor allem, wenn sie aus der EU kommen, zufrieden über Jahrzehnte mit ihrem Aufenthaltsstatus in Bayern. "Erst ein äußeres Ereignis wie der Brexit gibt dann den Anlass für ein Umdenken", sagt der bayerische Innen- und Integrationsminister Joachim Herrmann (CSU) bei der feierlichen Einbürgerung von sieben Neu-Bayern. Bei den Briten ist die Zahl noch einmal deutlich gestiegen: 2017 waren es 974, im vergangenen Jahr sogar 355 Personen mehr. Zum Vergleich: 2016 wollten insgesamt 313 Briten zu Deutschen werden, 2015 gerade einmal 86. Die meisten Nicht-EU-Bürger, die den deutschen Pass erhielten, waren Türken (2135), welche zugleich die größte Gruppe ausländischer Bürger in Bayern stellen. 1192 stammen aus Nachfolgeländern Jugoslawiens und 652 Menschen aus dem Irak.

Der deutsche Pass lockt mit Reiseerleichterungen. Vielen - auch der Südafrikanerin Kilian - ist es wichtig, politisch mitentscheiden zu können. "Zuletzt hat mich geärgert, dass ich nicht für die Bienen abstimmen durfte", sagt sie. Ihre südafrikanischen Pass musste sie abgeben, das ist Vorschrift ihres Heimatlandes und derzeit auch in Deutschland lieber so gesehen, Mehrstaatlichkeit soll vermieden werden. Das bekräftigte auch Innenminister Herrmann noch einmal: Die Vermeidung sei ein "Grundpfeiler" des deutschen Rechts, "und das halte ich auch für richtig", denn sie könne bei Betroffenen zu Problemen führen. Will sich etwa ein Paar, das im Ausland geheiratet hat, in Deutschland scheiden lassen, kann das einen erheblichen bürokratischen Aufwand bedeuten, je nachdem, ob Deutschland die Scheidung anerkennt oder nicht.

Verweigern Herkunftsländer ihren Bürgern, die Staatsangehörigkeit abzugeben, weil es im Gesetz nicht vorgesehen ist, oder erheben sie Gebühren von umgerechnet mehreren Tausend Euro, so nimmt die Bundesregierung hin, dass die Person zwei Pässe behält. Bei EU-Bürgern hingegen ist es generelle Regel, dass die doppelte Staatsbürgerschaft akzeptiert wird. So wie bei Katarzyna Petzold. Die Bauingenieurin aus dem Kreis Coburg kam 1989 mit zwölf Jahren aus Polen nach Deutschland. Den Doppelpass finde sie gut, sagt sie, weil sie ihre Wurzeln immer noch in Polen sehe und so erhalten könne. Aber wählen wolle sie trotzdem in Deutschland. Sie hat sich erst im vergangenen Jahr für den deutschen Pass entschieden, zuvor habe es für sie nie wirklich einen Grund gegeben, sagt sie, nachdem sie eine Familie gegründet habe, "fühlt es sich perfekt an". Den Einbürgerungstest musste sie allerdings nicht machen. Wer wie sie schon so lange in Deutschland lebt, ist davon freigestellt, das Wissen über politische und soziale Strukturen wird dann vorausgesetzt.

Rohit Arun Bhosale, 40, hat den Test schon vor mehreren Jahren gemacht und nun, wie es das indische Gesetz vorsieht, seinen Pass abgegeben, "was ein bisschen unpraktisch ist", wie er sagt. Denn er fliege immer noch oft in sein Heimatland, zu seinen Eltern und der Firma, die ihm dort gehört. Dafür brauche er jetzt jedes Mal ein Visum. Bis zu 200 000 Flugmeilen sammele er auf Dienstreisen. Wenn er jetzt mit dem deutschen Pass ohne Visum wo hinkomme, sei das für ihn eine Erleichterung. Sein Ankommen hat sich gezogen, er lebt seit 2003 in Deutschland, war aber beruflich immer wieder in den USA, den Niederlanden oder Singapur. Deswegen erfüllte er lange eine Voraussetzung nicht: Eingebürgert wird nur, wer mindestens drei Jahre hier gemeldet ist. Mittlerweile arbeitet er bei Siemens, lebt mit Frau und Kindern nahe Landshut. Verwandte sind auch in der Nähe - da war es für ihn Zeit, auch offiziell deutscher Staatsbürger zu werden.

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