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Vergnügungsstätten und Corona:Die Spielhallen in Bayern sind wieder offen

Spielhalle in München

Mancher Spieler wird froh sein, wieder am Automaten zu sitzen.

(Foto: Robert Haas)

Das "Große Spiel" am Roulettetisch findet in den Casinos hingegen noch nicht statt. Die Öffnung der Spielhallen irritiert so manchen.

Ortstermin in einer Spielhalle beim Giesinger Bahnhof in München, Ding, Bompff, Klirrrrrr. Die Geräuschkulisse ist wie immer, doch vieles ist neu: Alle Spieler tragen Masken, Automaten werden zwischendurch desinfiziert, Getränke gibt es keine. Jeweils zwei Geräte sind als ein Bereich markiert, in dem sich wegen des Mindestabstands isoliert nur ein Kunde aufhalten darf - manche Spieler nutzen gleich beide. Ein älterer Grantler wacht an einem Tisch über das Geschehen, womöglich ist es dieser "Willi", der dem Etablissement den Namen gibt. Wegen des halbierten Angebots und weil die Hölle los ist in der Spielhölle schon werktags um die Mittagszeit, wird der Reporter wieder weggeschickt, ohne ein Spielchen wagen zu können.

Ein Plausch draußen bietet sich aber an, wo zwei Männer im Rauchereck stehen. Er sei der allererste gewesen bei der Wiedereröffnung, erzählt ein Schnauzbartträger: "einen Hunderter gespielt", sechs Stunden, am Ende seien es 240 Euro gewesen. "Die schnurren, die Automaten, die haben uns vermisst", meint er lachend - ganz entgegen der ehernen Zockerweisheit, dass ein Automat erst mal gefüttert werden muss, bevor er spuckt. Seit einer Woche sind Bayerns Spielotheken unter Auflagen wieder geöffnet. Das ging überraschend zügig.

Zu zügig und "Warum ausgerechnet die?" - das ist dieser Tage in der nach wie vor sehnsüchtig leidenden Gastronomiebranche zu hören, aber auch von besorgten SZ-Lesern. Verwiesen wird dabei gern auf die hemdsärmelige Lobbyarbeit der Glücksspielbranche und gute Kontakte zur Staatsregierung. Beides trifft zu, Zweiteres lässt sich zum Beispiel auch bei CSU-Parteitagen studieren, wo der Verband der bayerischen Automatenbranche traditionell einen Stand hat und Politiker zum Weißwurstfrühstück einlädt.

Noch in der dritten Infektionsschutzmaßnahmenverordnung (BayIfSMV) des Freistaats war allen Einrichtungen, "die nicht notwendigen Verrichtungen des täglichen Lebens, sondern der Freizeitgestaltung dienen", der Betrieb untersagt - und Spielhallen wurden in der Liste konkret aufgeführt. Nun, in der aktuellen, vierten BayIfSMV finden sich noch "Vergnügungsstätten" allgemein, ferner Discos, Bordelle, Badeanstalten, Tanzschulen, Vereinsräume oder Fitnessstudios; die Glücksspieltempel allerdings nicht mehr (gleiches gilt übrigens auch für die Automatenbereiche in staatlichen Spielbanken, während das "Große Spiel" am Roulettetisch dort weiterhin untersagt ist). Automatenhallen sowie Wettannahmen, seien "bewusst nicht mehr aufgenommen" im Paragrafen, weil diese "zur Einhaltung der infektionsschutzrechtlichen Schutzmaßnahmen wie Hygiene- und Abstandsvorschriften besser in der Lage sind als andere, weiterhin untersagte Freizeiteinrichtungen", teilte das Gesundheitsministerium auf SZ-Anfrage mit.

Warum Spielotheken jetzt nicht mehr als "Vergnügungsstätten" gelten, wie etwa im kommunalen Ordnungs- und Bauplanungsrecht der Fall, wirkt durchaus schleierhaft. Die Erklärung des Ministeriums ist ansonsten jedoch nachvollziehbar. Das normale gesellschaftliche Leben sollte schließlich im Interesse aller dort wieder anlaufen, wo es mit der Corona-Thematik möglich ist - Glücksspiel gehört zum Leben, auch wenn es im Ansehen meist nicht gut gelitten ist. Und der Infektionsschutz folgt nun mal nicht moralischen Kriterien, sondern ausschließlich denen des Gesundheitsschutzes. Dieser wird, wie der Lokalaugenschein in Giesing zeigt, wohl gewährleistet von den Betrieben wie den isolierten Zockern. Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht auch im echten Leben isoliert sind.

© SZ vom 18.05.2020/vewo
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