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Glücksspiel:Nichts geht mehr

Bayern Glücksspiel Casinos geschlossen wegen Corona

Am Roulettetisch geht es eng zu. Deshalb wird zurzeit nicht gespielt.

(Foto: imago)

Die staatlichen Spielbanken in Bayern sind wegen des Coronavirus geschlossen. Den Kunden fehlt der Ort, den Kommunen das Geld.

"Nichts geht mehr!" Normalerweise ist das der Satz, der in den Sälen der staatlichen Spielbanken in Bad Wiessee, Lindau, Bad Füssing oder andernorts im Minutentakt ertönt, zuweilen in der verschnörkelten, französischen Variante: "Rien ne va plus!" Dann nämlich, wenn die Kugel im Roulettekessel erste Runden absolviert hat und der Croupier die Spieler auffordert, weitere Einsätze zu unterlassen. Ein Profi könnte schließlich erahnen, in welchem Zahlenabschnitt die Kugel landen wird und noch rasch setzen. In diesen Wochen hört man den Satz natürlich nicht, er ist vielmehr eine Zustandsbeschreibung: Die neun Casinos haben wegen der Corona-Krise ihren Betrieb eingestellt. Nicht verwunderlich, wo sich doch beim Roulette Gäste eng gedrängt tummeln oder an Kartentischen wie die Hühner auf der Stange sitzen, wo Jetons durch viele Hände gehen und Automaten wechselnde Zocker haben. Akut arbeitet man an Hygiene- und Abstandskonzepten, um früher oder später wieder zu öffnen. Vielleicht Ende Mai, lautet die Hoffnung im Finanzministerium. Gewiss ist das nicht.

Einige Mitarbeiter arbeiten derzeit auf freiwilliger Basis in Gesundheitsämtern, andere widmen sich Wartung und Reparaturen, manche Neuerung wird aufgebaut, wie in Bad Steben eine elektronische Rouletteanlage. Zugleich geht es um ein Corona-taugliches Konzept, man prüft, inwiefern der Kundenandrang und der Spielbetrieb gesteuert werden können. Wie in so vielen anderen Sparten des gesellschaftlichen Lebens heißt es: abwarten. Und wohl auch hoffen, dass aus dem Stillstand keine negativen Folgen erwachsen.

Denn was die Zwangspause finanziell bedeutet, ist noch offen. Die Mehrheit der Häuser schrieb in den vergangenen Jahren rote Zahlen. Allerdings gibt es umsatzstarke Spielbanken wie die in Bad Wiessee mit Einzugsbereich München; 2019 konnte erstmals seit Jahren mit einem positiven Gesamtergebnis aller neun Casinos abgeschlossen werden, gut acht Millionen Euro plus. Damit waren auch Gedankenspiele entkräftet, wie sie zum Beispiel von der FDP im Landtag vorgebracht wurden: die Privatisierung des Angebots (mit zusätzlichen lukrativen Lizenzen in drei Großstädten für den Investor). Gerüchte über die Schließung wenig rentabler Casinos machten ebenfalls immer wieder mal die Runde. Das Jahresergebnis 2020 könne noch nicht abgeschätzt werden, heißt es im Finanzministerium auf SZ-Anfrage. Allerdings hätten alle staatlichen Ebenen infolge der Krise Einnahmeverluste zu tragen. Mit Einbußen müssen auch die Sitzgemeinden rechnen, denen ein Anteil der beträchtlichen Abgaben zusteht, errechnet am Spielgewinn, ohne Abzug der Betriebskosten; in der Regel ist das Geld in den kommunalen Haushalten fest eingeplant. Man wird sehen, ob nach Corona wieder strukturelle Debatten aufkeimen.

Natürlich habe der Gesundheitsschutz Vorrang vor der öffentlichen Aufgabe der "Kanalisierung", teilt das Ministerium mit. Zwar sind die Glücksspieltempel, die in Randlagen und Kurorten stehen, zweifelsohne als Regionalförderung und Beitrag für den Tourismus zu deuten. Laut Spielbankgesetz geht es aber darum, den Spieltrieb der Bevölkerung in "geordnete Bahnen zu lenken". Tatsächlich trägt das staatlich betriebene Glücksspiel - allein schon durch Ausweispflicht, aber auch durch geschulte Mitarbeiter - durchaus zur Prävention von Spielsucht bei. Übrigens gibt es auch bei privaten Spielotheken mit Automaten, so oft sie gesellschaftlich verteufelt werden, Reglementierungen und dadurch im Ansatz Schutz. So haben heutige Zockautomaten etwa feste Einzahlungslimits oder schalten für Spielpausen zwischendurch automatisch ab.

Kaum reglementiert ist dagegen der wachsende Markt an Online-Casinos mit Sitz zum Beispiel in Malta, die sogar Roulette oder Poker per Liveschalte anbieten. Diese sind mangels stationärer Angebote für Spieler jetzt einzige Anlaufstelle - sekundenschnell digital spielbar, oft ohne Limits, Sperren gibt es nur bei Selbsteinsicht von Spielsüchtigen, auf die wohl nur in den seltensten Fällen zu hoffen ist. Experten bereitet das Sorge. "Vielen ist gar nicht bewusst, dass es sich um illegales Glückspiel handelt, das ist hochproblematisch", sagt Konrad Landgraf, Geschäftsführer der vom Freistaat finanzierten Landesstelle Glücksspielsucht Bayern. "Die Anbieter reden zwar von Spielerschutz, nach Berichten unserer Klienten ist das aber tatsächlich freiwillig und äußerst rudimentär angelegt." Den Online-Trend, gerade in den Corona-Zeiten, wertet Landgraf daher aus Sicht der Spielsuchtprävention so: "katastrophal".

© SZ vom 08.05.2020/vewo
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