Erwachsenenbildung:Verzweiflung an den bayerischen Volkshochschulen

VHS Online Kurse - Yoga

Einige VHS- Dozenten wie diese Yogalehrerin bieten nun Online-Kurse an. Echter Ersatz ist es nicht: Fehler der Schüler können sie nicht korrigieren.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Noch gibt es kein Konzept zur Wiedereröffnung nach den Corona-Beschränkungen. Mancherorts droht Zahlungsunfähigkeit - nicht nur bei den Institutionen.

Von Anna Günther

Aquarellmalerei, Zumba oder Kräuterwanderung, Sprachkurse und Alphabetisierung: Es gibt kaum etwas, das die Volkshochschulen (VHS) in Bayern nicht anbieten. Gerade auf dem Land eröffnet die VHS oft Möglichkeiten, die es sonst eher in großen Städten gibt. Normalerweise. Corona hat diese Normalität Mitte März jäh unterbrochen, seitdem sind die 197 bayerischen VHS geschlossen. Anders als für Schulen, Wirtshäuser und Schwimmbäder, haben die VHS weder Konzept, noch Perspektive, wann und wie sie öffnen dürfen. Frust und Verzweiflung steigen in VHS, unabhängigen Sprachschulen und anderen Stätten der Erwachsenenbildung.

"Die Teilnehmer sind nach zwei Monaten Isolation begierig, ihren Kurs fortzuführen", sagt Regine Sgodda, die Geschäftsführerin des Bayerischen Volkshochschulverbands. Ihnen und den Dozenten sei es nicht zu vermitteln, wieso es noch immer keine Perspektive gebe. Und für ein Drittel der 30 000 VHS-Dozenten sei die Situation mittlerweile sogar existenzbedrohend. Sie sind auf Honorare angewiesen, fallen ohne Kurse in die Grundsicherung. Ähnlich geht es vielen Sprachdozenten. Sgodda hatte auf den Rettungsschirm für Kulturschaffende gehofft, der aber gilt in Bayern anders als in Baden-Württemberg nicht für Dozenten der Erwachsenenbildung. Weil sie keine Betriebskosten haben, bekommen sie auch keine Hilfen für Solo-Selbständige.

Viele freiberufliche Dozenten fühlen sich von der Staatsregierung übersehen. "Wir melden und strecken uns dauernd, aber werden gar nicht wahrgenommen", sagt Uschi Koethe. Sie unterrichtet an der Münchner VHS Deutsch als Fremdsprache, ihr Kurs wurde Mitte März nach der Hälfte abgebrochen. Drei Wochen Arbeit in drei Monaten - ein riesiges Problem, sagt sie. Dabei hatte Koethe Glück: Sie bekam trotzdem einen Großteil ihres Honorars, die Stadt München sprang ein. Das können sich nicht alle Kommunen leisten. Einige kleinere Volkshochschulen sind laut VHS-Verbandschefin Sgodda schon im Juni zahlungsunfähig. Fast die Hälfte finanziert sich großteils über die Gebühren der Teilnehmer. Ohne Kurse ist die Kasse leer.

Der Kultusminister unterstütze die Erwachsenenbildung ja sehr, der Draht ins Ministerium sei ein "sehr kurzer", sagt Sgodda. Der Draht zu Ministerpräsident Markus Söder scheint weniger gut zu funktionieren. Er interessiere sich nicht für Erwachsenenbildung, munkeln manche. So will Sgodda das nicht sagen, sie stellt sich allerdings die Frage, "welchen Stellenwert die Erwachsenenbildung in der Gemengelage des Kabinetts hat?" Es frustriere "die Leute in den Volkshochschulen, wenn in der Pressekonferenz über Hundefriseure, Nagelstudios und Reisebusse gesprochen wird, aber die Bildung, die sonst so hochgehalten wird, keine so große Rolle spielt". Volkshochschulen haben in Bayern Verfassungsrang. Zwei Millionen Menschen nutzen die VHS, dazu kommen unabhängige Sprachschulen und andere Fortbildungseinrichtungen. Zum Vergleich: In den Schulen lernen 1,6 Millionen Kinder.

Sgodda hofft nun wieder auf die Kabinettssitzung an diesem Dienstag, denn statt um Förderung der Erwachsenenbildung im Sinne der Verfassung gehe es längst um Rettung. Sie fordert eine konkrete Perspektive und einen Rahmen, in dem VHS und Sprachschulen ihre Kurse wieder anbieten können. Mit einem Soforthilfeprogramm sollen die Dozenten unterstützt werden, zusätzlich brauche es einen "Rettungsschirm", um Bildungsstätten vor dem Aus zu bewahren und Bildungsgerechtigkeit zu erhalten. "Wenn die Gebühren erhöht werden müssen, schließt das Teilnehmer aus und Kurse, die sich nicht rechnen, würden gestrichen", sagt Sgodda. Dabei sei gerade jetzt die politische Bildung wichtig, wenn sich Verschwörungstheorien und Fake News stark verbreiten.

"Wir sind da intensiv dran, auch im Zusammenwirken mit den Betroffenen", versichert Kultusminister Michael Piazolo (FW), mehr will er vor der Kabinettssitzung nicht sagen. Rückendeckung bekommen Sgodda und die Vertreter der Sprachschulen aus dem Landtag: Die überfraktionelle Arbeitsgruppe Erwachsenenbildung hatte vor zwei Wochen einen Brief an Söder, Piazolo und Innenminister Joachim Herrmann verfasst, in dem sie auf die Probleme hinwiesen und Lösungen forderten. Unterzeichnet haben neben Simone Strohmayr (SPD), Matthias Fischbach (FDP) und Thomas Gehring (Grüne) auch die Vertreter der Regierungsfraktionen Ute Eiling-Hütig (CSU) und Nikolaus Kraus (FW). "Nach der letzten Kabinettssitzung waren wir alle entsetzt, dass die Erwachsenenbildung noch nicht einmal auf der Tagesordnung war", sagt Gehring. Aber er habe bisher noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung gekommen. Gehring befürchtet nun einen "Rückschritt", denn die Zuschüsse des Freistaats bemessen sich an den abgehaltenen Stunden des Vorjahres. Durch die Corona-Schließungen dürfte das Budget für 2021 erheblich schmäler ausfallen. Die Arbeitsgruppe fordert, dass die Förderung des Freistaats ungeachtet dessen stabil bleiben muss und die vom Landtag beschlossene Steigerung der Zuschüsse nicht angetastet werden darf.

© SZ vom 26.05.2020/vewo
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