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Brauchtum und Geschichte:Wie eine Trinkwette Rothenburg ob der Tauber gerettet haben soll

Der Meistertrunk ist für Arnold Petersen eine Legende, ein schönes Schauspiel. Seit 1881 werden die Ereignisse als Theaterstück aufgeführt. Matthias Korwitz (re.) hat als Meistertrinker einen doppelten Boden in seinem Humpen.

(Foto: Jürgen Grimme)

Die Stadt sollte im Dreißigjährigen Krieg zerstört werden - doch dann konnte der Altbürgermeister ausreichend fränkischen Wein trinken. Ob die Legende so stimmt?

Der schnellste Weg vom Bahnhof in die Rothenburger Altstadt führt durch ein Tor aus dem Jahr 1615. Entgegen kommt einem die neueste Technik: Eine japanische Touristin filmt mit einer GoPro, einer kleinen Kamera, wie sie die Stadt verlässt. Pinker Rollkoffer hinter sich, Reisebus vor sich. In den Gassen zum Rathaus werden es immer mehr Besucher. Und das zu einer Zeit, in der die Stadt verhältnismäßig leer ist. Der Weihnachtsmarkt ist noch nicht fertig aufgebaut. Aber Rothenburg ist eine Touristenstadt. Auf den Fremdenverkehr zu setzen statt auf Industrie, war eine Entscheidung nach dem Zweiten Weltkrieg, die malerische Kulisse legt es nahe. Doch die Wurzeln für den Besucherandrang liegen womöglich noch tiefer, im Jahr 1881. Sie führen zu einem gewieften Glaser, der eine Legende aus dem Dreißigjährigen Krieg gut vermarktet hat.

Die Legende geht so: Der kaiserliche Heerführer Tilly stand 1631 schon seit zwei Tagen mit 60 000 Mann vor der Stadt. Rothenburg war protestantisch, Tilly kämpfte für den katholischen Bund. Als am 30. Oktober das Pulverlager in einem der Türme der Stadtmauer explodierte, brach die Befestigung der Stadt. Tilly ließ Rothenburg stürmen. Er verurteilte alle Stadträte und den Bürgermeister zum Tod. Doch plötzlich - als er einen Willkommenstrunk gereicht bekam - hielt er ein und änderte seine Meinung. Tilly bot den Rothenburgern überraschend eine Wette um ihr Leben an. Sie sollten darum trinken. Jede Menge fränkischen Wein.

Dreieinviertel Liter sollen in dem Humpen gewesen sein, der Rothenburg schließlich vor schlimmeren Übeln bewahrt hat. Alle Stadträte durften leben, die Stadt wurde weitgehend verschont. Alles, weil der Altbürgermeister Georg Nusch den ganzen Humpen in einem Zug austrinken konnte. Ein Meistertrunk. Dabei ist immer noch nicht nachgewiesen, ob der denn wirklich stattgefunden hat oder nicht.

In den Wirren des Krieges seien viele Geschichten entstanden, die schwer zu überprüfen sind, sagt Matthias Korwitz. Er könne sich aber nur schwer vorstellen, dass jemand so viel Wein in einem Zug getrunken hat. Der 46-Jährige schlüpft seit 2010 jedes Jahr acht Mal in die Rolle des legendären Meistertrinkers Nusch. Dann nämlich, wenn die Legende zu Pfingsten oder bei den Reichsstadttagen im Herbst als Theaterstück aufgeführt wird.

Korwitz trägt dann einen schweren, schwarzen Mantel und eine große Halskrause. Wenn Tilly die Bühne betritt und seine Wette vorschlägt, greift er kurzerhand zu dem Humpen, auf dem die damaligen Kurfürsten und der Kaiser abgebildet sind. Er setzt an und trinkt. "Es sieht natürlich nach sehr viel Flüssigkeit aus, ist aber nur ein halber Liter", sagt Korwitz. "Der Humpen hat eine doppelte Wand." Normalerweise sei Apfelsaft drin. Nur einmal habe er Wein eingefüllt. Ein Fehler nach zwei Stunden Arbeit auf der Bühne.

Inzwischen kommen an gut besuchten Pfingsttagen bis zu 25 000 Menschen nach Rothenburg. Neben der Theateraufführung gibt es historische Umzüge und Feldlager, die einen Einblick in den Dreißigjährigen Krieg geben. Die Veranstaltung zählt seit 2016 zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Und wie sich herausstellt, wurde sie genau zu diesem Zweck 1881 gegründet: Um Rothenburg wieder zu beleben.

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