Regensburg:A "hoiba Breiss" bekommt den Preis

Verleihung der 'Bairischen Sprachwurzel'

Werner Schmidbauer ist nun Träger der Sprachwurzel.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Moderator und Liedermacher Werner Schmidbauer ist mit der Bairischen Sprachwurzel ausgezeichnet worden.

Von Hans Kratzer

Dem Fernsehmoderator und Liedermacher Werner Schmidbauer ist am Freitag die Bairische Sprachwurzel verliehen worden. Überraschend kam das nicht, denn "der Dialekt ist sein authentisches Markenzeichen in all seinen künstlerischen Lebenslagen", wie es Sepp Obermeier ausdrückte, der Vorsitzende des Bundes Bairische Sprache, der die Sprachwurzel seit 2005 an Personen vergibt, die öffentlichkeitswirksam zum Überleben der Dialekte beitragen. Schmidbauers Einstehen für den Dialekt beschränkt sich nicht nur auf seine BR-Sendung "Gipfeltreffen". Obermeier hob hervor, Schmidbauer gelinge es auch bei den Politikerinterviews auf dem Nockherberg, die Mundart seriös auf Augenhöhe zur Standardsprache seiner Co-Moderatorin Ursula Heller zu bringen und damit beizutragen, dass Dialektsprecher nicht automatisch mit Gaudiburschen assoziiert werden.

Wie Schmidbauer verriet, hat er sogar schon in Afrika sprachmissionarisch gewirkt. 1982 habe er in Kenia als Surflehrer gearbeitet und festgestellt, dass afrikanische Sprachen und das Bairische Gemeinsamkeiten aufwiesen. Seine Kollegen hätten ihm Suaheli beigebracht, das sich wie das Bairische durch einen wunderbaren Fluss der Vokale auszeichne, und sie wiederum lernten von ihm, sich auf Bairisch auszudrücken. Und zwar so gut, dass mancher Surfer staunte. Während sie am Strand ihre Englischbrocken hervorkramten, wurden sie von Schmidbauers Kollegen lässig gefragt: "Wuist a Bredl?"

Seit der ersten Vergabe vor 15 Jahren ist die Sprachwurzelverleihung untrennbar mit dem Straubinger Gäubodenvolksfest verbunden. Da dieses heuer abgesagt wurde, ergab sich als Ausweichstation der Donausaal des Museums der Bayerischen Geschichte in Regensburg, dessen Direktor Richard Loibl im vergangenen Jahr als Preisträger gekürt wurde. Da das Museum unter staatlicher Aufsicht steht, war jedoch kurz zu befürchten, dass sich auch das Tor zu diesem Zufluchtsort schließen könnte. Obermeier hatte nämlich kürzlich im Magazin Spiegel dem Ministerpräsidenten Markus Söder hingerieben, er leide an einer binnendeutschen Konsonantenschwäche und ihm fehle das katholisch Sinnenfrohe, woraus zu schließen ist, dass Söder die Sprachwurzel nie erhalten wird.

Richard Loibl sagte, die Staatskanzlei habe ihn im Urlaub nicht erreicht, der Veranstaltung stand also nichts mehr im Weg. Die Laudatio, die traditionell immer ein Hochschulprofessor im Dialekt halten muss, übernahm diesmal Andreas Martin Hofmeir, Professor für Tuba am Salzburger Mozarteum. Er darf für sich in Anspruch nehmen, als erster Laudator barfuß aufgetreten zu sein, was aber im Donausaal nicht weiter schlimm war, da der Boden dort alles andere als wax (rauh) ist und Hofmeir in jeder Hinsicht hornhäutig wirkt. Er sei ein gebürtiger Holledauer, sagte er, was misslich sei, da ein Holledauer grundsätzlich nie lobe. Um die Würde des Preises nicht zu verletzen, kleidete er seine Würdigung in Reime, die er mit der Wucht eines Minnesängers vortrug, tubuesk geradezu, und mit Schalk gewürzt.

Er lobte Schmidbauer, dass er öffentlich Bairisch rede und dazu animiere, sich dieser alten europäischen Kultursprache zu bedienen. Er leiste einen wichtigen Beitrag gegen die sprachliche Vereinheitlichung zwischen Ostsee und Dolomiten. Dass man an der Sprachwurzelverleihung festhielt, passe zu den bairischen Dialekten, die seiner Ansicht nach in der Sprachgeschichte ein "größers Gfredd durchgmachd" hätten und nur überleben könnten, wenn ihre Sprecher sich selbstbewusst, bockig, bissig und resistent zeigen.

Obermeier verglich Schmidbauer gar mit einem Pferdeflüsterer, der erst zum Einsatz komme, wenn gar nichts mehr hilft. Sogar Landtagspräsidentin Ilse Aigner, die sich vor Fernsehkameras nie als Mundartsprecherin zu erkennen gegeben habe, sei in Schmidbauers Begleitung bereits an der Talstation dialektal eingeknickt und habe den Gipfel hundertprozentig auf Mittelbairisch erreicht. Auf den Hinweis, dass der Sprachpreisträger mit einer gebürtigen Danzigerin als Mutter ein "hoiba Breiss" sei, konterte Obermeier, auch der Preisträger von 2007, Hans Jürgen Buchner ("Haindling"), habe eine Berliner Mutter. "Gerade die beiden gehören zu den in höchstem Maße gefestigten und authentischen Dialektsprechern!"

Das Publikum zog beseelt von dannen, nachdem Schmidbauer und Hofmeir gemeinsam zwei Musikstückl dargebracht hatten. Nicht alle konnten, beeinträchtigt von Iliosacralgelenk und sonstigen Plagen, zu den Klängen locker mitwippen. Die Sprachwurzelinteressenten werden erkennbar immer älter und teilen das Schicksal des Kulturguts Bairisch, dessen Zukunft trotz der herausragenden Preisträger in den Sternen steht.

© SZ vom 22.08.2020/kbl
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