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Jugendliche in der Krise:Wie Corona auf die Seele schlägt

Keine Kraft mehr: So überleben Familien das Homeschooling

Nicht alle Schülerinnen und Schüler haben die erschwerten Bedingungen etwa durch das Homeschooling locker weggesteckt. Psychotherapeuten beobachten einen deutlichen Anstieg bei den Therapie-Anfragen.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Laut einer Umfrage brauchen zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler an den Gymnasien professionelle Hilfe, um mit den Pandemie-Folge klarzukommen. Das Land will mehr Schulpsychologen anstellen - aber reicht das?

Von Dietrich Mittler und Viktoria Spinrad

Eigentlich war Andreas (Name geändert) ein Einserschüler. Mathe, Physik, kein Problem. Gezockt hat der Gymnasiast auch gern, soweit es ging. Und als die Schulen geschlossen waren, ging das sehr gut. Bald saß er fast nur noch vor dem Bildschirm. Nicht, um sich auf Mebis die Hausaufgaben runterzuladen, sondern um virtuell um sich zu ballern. Je länger er dort saß, desto mehr stieg die Angst vor der Schule. So sehr, dass er im Januar gar nicht mehr hinging und das Abitur schmiss.

Mediensucht, Konzentrationsstörungen, Ängste, Essstörungen, Erschöpfung, Depressionen, Selbstverletzung - zwei Wochen vor dem Ende des Schuljahres berichten Schulpsychologinnen und -psychologen von einer breiten Palette an Leiden unter den Schülern. Wie sehr diese in die Breite gehen, veranschaulicht nun eine Umfrage des Bayerischen Philologenverbands (BPV) unter rund 2000 Gymnasiallehrern. Die Ergebnisse wurden am Montag veröffentlicht.

Demnach gibt es in 85 Prozent der Klassen Schüler mit Unterstützungsbedarf im psychosozialen Bereich. In der Hälfte der Klassen benötigen drei und mehr Schüler professionelle Hilfe - das sind zehn Prozent der bayerischen Gymnasiasten. Betroffen sind laut Schulpsychologen vor allem Kinder und Jugendliche, die ohnehin schon belastet sind.

Sie haben, wie führende bayerische Psychiater und Psychotherapeuten betonen, doppelt so häufig psychische Probleme, doppelt so häufig Anzeichen für Ängste und dreimal so häufig Anzeichen für eine depressive Verstimmung als Kinder ohne Risikofaktoren. Kerstin Celina, die sozialpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Landtag, bringt es so auf den Punkt: "Die Kinder, die schon vor der Pandemie besonders einsam, ängstlich und traurig waren, sind jetzt noch einsamer, noch ängstlicher, noch trauriger. Wir müssen jetzt dringend handeln."

Hart treffe es insbesondere auch Kinder, die selbst eine psychische Vorerkrankung haben, aus sozial schwachen Familien stammen oder Kinder mit psychisch- oder suchtkranken Eltern. Zum Beispiel Hanna (Name geändert), eine Teenagerin. Der Vater alkoholabhängig, die Mutter überfordert. Teils schlief die Mittelschülerin nur drei Stunden. Ihr Betreuer, Hans-Joachim Röthlein vom Landesverband bayerischer Schulpsychologen, sah sie dann mit tiefen Augenringen vor der Laptop-Kamera sitzen. "Nachts ging bei ihr das Karussell los." Wie könnte sie dem Vater helfen? Und wie die zerstrittenen Großeltern versöhnen? Röthlein beobachtet, wie nun immer mehr Kinder und Jugendliche die Therapeutenrolle in der Familie übernehmen - und daran zu zerbrechen drohen.

Vulnerabel sind zudem jene mit Migrationshintergrund, sagt Peter Lehndorfer, Vizepräsident der Bayerischen Psychotherapeutenkammer. "Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas und macht psychische Probleme, soziale Belastungen und Versorgungsdefizite deutlicher sichtbar", betont er. Vor wenigen Tagen erst tauschte er sich mit Kolleginnen und Kollegen aus. "Im Prinzip haben alle gesagt, dass die Therapie-Anfragen enorm zugenommen hätten", sagt er. Lehndorfer spricht von einem "krisenhaften Anstieg". Die Betroffenen, beziehungsweise ihre Eltern wollten möglichst kurzfristig einen Termin. Allerdings sei der Behandlungsbedarf "dann oft nach ein oder zwei Therapie-Sitzungen wieder zu Ende" - ein Anzeichen dafür, dass in diesen Fällen zumindest der erste Leidensdruck behoben sei. Augenblicklich sei es schwierig, realistisch abzuschätzen, welche Fälle sich zu längerfristigen psychischen Erkrankungen entwickeln.

Die Zahlen, die die Krankenkasse DAK im Februar vorlegte, sind wenig beruhigend. Demnach nahmen bei Kindern und Jugendlichen im Freistaat die Klinikaufenthalte 2020 während des ersten Lockdowns wegen Depressionen um sechs Prozent zu. Bei den Belastungs- und Anpassungsstörungen waren es 44 Prozent. "Das lässt befürchten, dass die Pandemiefolgen für unsere Kinder wesentlich gravierender sein werden", befürchtet Sophie Schwab, die Leiterin der DAK-Landesvertretung Bayern. Mädchen, so geht aus dem aktuellen DAK-Präventionsradar hervor, trifft es noch stärker als die Buben. Die bundesweite Studie kommt zu dem Ergebnis: Jedes siebte bis achte Schulkind ist unglücklich - ein Drittel mehr als vor Corona.

Claudia Ritter-Rupp, Psychotherapeutin und Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, geht davon aus, dass viele durch Corona bedingte psychische Probleme erst jetzt offenkundig werden - insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die sich in Lockdown-Zeiten in sich zurückgezogen haben. Wie einer erst kürzlich erschienenen Studie der Ludwig-Maximilians-Universität zu entnehmen ist, haben Lehrkräfte über alle Schularten hinweg angegeben, in Zeiten des zweiten Lockdowns fünf Prozent der Schülerinnen und Schüler überhaupt nicht mehr erreicht zu haben - in Einzelfällen misslang dies sogar in bis zu 20 Prozent der Fälle.

Dass der Bedarf an Hilfe mehr geworden ist, hat auch das Kultusministerium erkannt. Kürzlich hat es 170 neue Stellen für Schulpsychologen, Schulberatung und Schulsozialarbeit angekündigt. Das entspricht einer Aufstockung um sechs Prozent. Ob das reicht? In den Verbänden zeigt man sich zwar dankbar, dass der lange Ruf gehört wurde. Für viele wirkt die Maßnahme angesichts der insgesamt 3000 Stellen aber wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ein Nachhilfeprogramm des Freistaats soll helfen, die Wissenslücken zu füllen. Ist es das, was die Schüler brauchen? Wenn man den obersten bayerischen Schulpsychologen nach dem Bedarf für die Schülerseelen fragt, dann lacht Röthlein erst einmal. "Ruhe", sagt er dann. Ja, Lesen, Schreiben, Rechnen, alles wichtig. Nach dem Sommer aber bräuchten die Schüler vor allem Zeit, überhaupt wieder in den Schulalltag zu kommen, sich gegenseitig zu beschnuppern und die natürliche Klassendynamik wiederherzustellen. Einen sanften Anfang also, ohne Stoff durchpauken, "das bringt nichts". Und eine Stimmung, in der sich vielleicht auch ein im Netz verloren gegangener Gymnasiast wieder vorsichtig der Schule nähern würde.

© SZ vom 20.07.2021/berk
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