Online-Nachschlagewerk:Alles, was man über Bayern wissen muss

Von Herzog Tassilo über Kir Royal bis zum Kabinett Seehofer: Seit gut 15 Jahren bietet das Historische Lexikon Bayerns verlässliche Informationen zur Landesgeschichte. Eine Million Nutzer profitieren davon.

Von Hans Kratzer

Schlacht von Gammelsdorf, König Ludwig II., Hitlerputsch..., das sind handfeste Themen, die einem ad hoc einfallen, wenn man in einem Buch zur bayerischen Geschichte blättert. Umso überraschender, was einem im "Historischen Lexikon Bayerns" im Internet so alles begegnet. Darin finden sich Artikel über Aids, über TV-Klassiker wie "Kir Royal", aber auch über historische Randphänomene wie Radio Free Europe, Tupamaros und den TSV 1860 München. Letztere werden damit in Wort und Bild gleichermaßen gewürdigt wie epochalere Geschehnisse in Bayern vom Range des Katholizismus, der Monarchie oder der Räterepublik.

Das heißt natürlich nicht, dass das "Historische Lexikon Bayerns" eine billige Ramschware ist, ganz im Gegenteil. Das Online-Lexikon, das 2005 ins Leben gerufen wurde, zählt im Jahr 2019 erstmals mehr als eine Million Benutzer und ist deshalb eine Erfolgsgeschichte, die jederzeit wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, aber auch eine schnelle Information für jedermann verspricht.

Vorbilder für ein solches Projekt habe es damals, vor gut 15 Jahren, nicht gegeben, sagt Matthias Bader, der die Redaktionsarbeit des an der Staatsbibliothek angesiedelten Internet-Lexikons koordiniert. Es wurde trotzdem ein Volltreffer. Noch nie waren verlässliche Informationen zur Geschichte Bayerns so rasch und bequem zu bekommen wie auf dieser Plattform. Ferdinand Kramer, Leiter des Instituts für Bayerische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und wissenschaftlicher Leiter des Lexikons, ist hochzufrieden. "Das Projekt hat sich sehr gut entwickelt", sagt er. In der wissenschaftliche Literatur würden Artikel aus dem Lexikon oft zitiert, und Journalisten, Schüler und Studenten fänden hier verlässliche Angaben. "Das sei umso wichtiger, als im Netz mit seiner unübersichtlichen Masse an Informationen Fragen der Glaubwürdigkeit immer drängender werden", sagt Kramer.

Wie der gesamte Wissenschaftsbetrieb erleben auch die Historiker riesige Umwälzungen. Das bislang in dicken Büchern gespeicherte Wissen verlagert sich nach und nach ins Netz. Was die bayerische Geschichte betrifft, ist aber immer noch das seit Jahrzehnten bewährte "Handbuch der Bayerischen Geschichte" die Referenzgröße. Auch Klassiker wie der "Historische Atlas von Bayern" erscheinen nach wie vor in gebundener Form. Und doch hat sich das virtuelle Historische Lexikon als ebenbürtiges Pendant quasi unentbehrlich gemacht, die Zugriffszahlen sprechen für sich.

Waren es 2014 noch knapp 400 000 Benutzer, suchen jetzt schon mehr als eine Million auf dieser Plattform gezielt nach Informationen. Am häufigsten wurde in diesem Jahr der Aufsatz über den Versailler Vertrag 1919/20 gesucht. Dahinter folgten mehrere Beiträge, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, etwa mit der NSDAP, dem Hitlerputsch und der Hitlerjugend. "Schon von Beginn an wird der Schwerpunkt Nationalsozialismus am häufigsten aufgerufen", sagt Matthias Bader.

Die Artikel werden streng redigiert

Nachdem das Lexikon 2005 auf Initiative des Instituts für Bayerische Geschichte ins Leben gerufen wurde, sollte es modulweise erweitert werden. Es ging los mit dem Schwerpunkt Weimarer Republik, die Artikel dieses Moduls umfassen die Jahre von der Revolutionszeit 1918/19 bis zur sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Seit der Freischaltung im Mai 2006 wurden bislang 1178 Artikel publiziert. Nach den Schwerpunkten Spätmittelalter und Zeitgeschichte wird der Fokus momentan verstärkt auf das Frühmittelalter gerichtet. "Wir betreiben eine sehr aufwendige Qualitätssicherung", sagt Bader. Die Artikel werden streng redigiert und dann noch von mehreren Gremien und Wissenschaftlern auf Richtigkeit geprüft.

Bader rechnet damit, dass das Projekt frühestens in zehn Jahren abgeschlossen sein wird. Bis dahin wird auch die Zeit nach 1989 beleuchtet werden, Themen wie der Mauerfall und Beiträge zu den Kabinetten Streibl, Stoiber und Seehofer.

Vor kurzem wurden einige Artikel sogar ins Englische übersetzt, sie sollen bald online gehen. Auch die bayerische Geschichte kann sich dem Trend zur Internationalisierung nicht mehr verweigern. Am Dienstag hat die Kommission für bayerische Landesgeschichte das Publikationsportals "Bavarian Studies in History and Culture" im Netz freigeschaltet. Ausgewählte Beiträge aus wissenschaftlichen Zeitschriften zur Landesgeschichte werden mit diesem Portal in englischer Sprache zugänglich gemacht, zudem eine Bibliografie englischsprachiger Forschung zur Geschichte Bayerns. Auch das Institut für Bayerische Geschichte bietet wöchentlich eine Übung zur Geschichte von Bayern auf Englisch an. "Die Nachfrage ist riesig", sagt Ferdinand Kramer.

© SZ vom 19.12.2019/vewo
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