Journalismus:Ode an die Lokal-Meldung

Journalismus: Öfters mal nach hinten zu blättern oder zu klicken lohnt sich bei der Lokalpresse.

Öfters mal nach hinten zu blättern oder zu klicken lohnt sich bei der Lokalpresse.

(Foto: Mario Hösel/image)

Warum gibt es im Bayern-Teil der SZ eigentlich keine Leute-Spalte? Über Nähkästchen-Infos zur Diamant-Hochzeit, einen Landrat im Matsch und Löschaktionen mit Odel.

Von Deniz Aykanat

Zur Arbeit von Bayern-Redakteuren gehört es selbstverständlich, täglich die in ihren jeweiligen Berichtsgebieten ansässige Lokalpresse zu lesen und nach interessanten Geschichten abzuscannen. Auch die ganz kleinen Meldungen. Vorkommnisse, die es als Einzelfälle vielleicht nicht in die Süddeutsche Zeitung geschafft hätten, können zum Beispiel dann relevant werden, wenn sie gehäuft auftreten.

Manchmal sind dann nämlich Muster zu erkennen, an denen sich womöglich ein Phänomen oder gar der Zeitgeist einer Region, einer Stadt oder gar des ganzen Freistaats ablesen lassen. Wenn zum Beispiel in Cham ein Radl umfällt, ist das wurscht. Wenn aber auch in Gunzenhausen, Zwiesel, Krumbach, Plattling und Oberammergau Räder zu genau demselben Zeitpunkt umfallen, dann steckt womöglich das organisierte Verbrechen dahinter.

Meistens hängt die Latte aber ehrlicherweise nicht ganz so hoch. Lohnend ist ein Blick auf die hinteren Seiten aber dennoch. Man erfährt dann zum Beispiel anlässlich der diamantenen Hochzeit eines Fuchsmühler Ehepaars, warum die "Hanne" und der "Sieg" ihre Hochzeitsnacht damals mit einem Dritten im Bett verbracht haben. Oder, dass der Straubinger Willi Wurm trotz einer Mehlstauballergie Bäcker geworden ist und wie er das nun eigentlich macht.

Man erfährt von einem Mann, der dort seit 80 Jahren Mitglied ist, dass bei der Freiwilligen Feuerwehr Niederwinkling früher Brände auch mal mit Odel gelöscht wurden oder von zwei Wasserwacht-Aficionados, die sich in Titting das Ja-Wort gaben und anschließend mit Schwimmnudeln posierten.

Was Schwandorfer Politiker so in den Ferien treiben, weiß man nach eingehender Lektüre ebenfalls: Eine Bundestagsabgeordnete schaute sich die Frauen-Fußball-WM in Australien an, ein Kreisrat die Zillertaler Schürzenjäger im Zillertal und der dazugehörige Landrat versank beim Metal-Festival in Wacken im Matsch.

Drüben in der "echten" Leute-Spalte im Panorama ist zu erfahren, dass künftig eine einzige Person für eine einzige Nacht bei Millionärin Gwyneth Paltrow nächtigen darf - nur im Gästehaus versteht sich. Moderatorin Birgit Schrowange hat außerdem irgendeinen Unternehmer geheiratet. Ohne Schwimmnudeln, obwohl die Trauung auf einem Kreuzfahrtschiff stattfand! Und Boris Johnson, britischer Ex-Premierminister, hat Ärger mit Molchen.

So viel interessanter ist das jetzt auch wieder nicht.

Deniz Aykanat hat ihr Berufsleben ganz klassisch gestartet: mit einer Meldung über einen Spatenstich.

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