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Abstimmung:"Man hat Propaganda mit der Angst gemacht"

Krematorium

In der geplanten ersten Ausbaustufe wären in Kolbermoor pro Jahr bis zu 3500 Leichen eingeäschert worden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Bürger von Kolbermoor haben überraschend deutlich gegen ein Krematorium gestimmt - mit weitreichenden Folgen.

Die Auseinandersetzung hatte Kolbermoor in den vergangenen Monaten mit solcher Wucht überrollt, dass sich am Ende sowohl die Bürgerinitiative als auch Bürgermeister Peter Kloo (SPD) in einem Punkt gleichermaßen erleichtert zeigten: dass der Bürgerentscheid vom Sonntag ein eindeutiges Ergebnis gehabt habe. Fast die Hälfte der 14 600 stimmberechtigten Kolbermoorer hatte sich am Sonntag beteiligt, und von ihnen haben sich wiederum nur 2900 für, aber 4313 gegen den Bau eines Krematoriums am Neuen Friedhof der oberbayerischen Stadt im Landkreis Rosenheim ausgesprochen.

Der Bürgermeister jedoch begründete seine Erleichterung über das klare Ergebnis noch am selben Abend so: "Damit ist letztendlich auch dieser ganzen Agitation der Wind aus den Segeln genommen." Er hoffe nun auf eine Rückkehr zu einer sachlichen Auseinandersetzung bei den anstehenden kommunalen Themen und Projekten.

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Als Verlierer des Bürgerentscheids mag sich Kloo auch am Tag darauf nicht bezeichnen lassen, obwohl er sich in den vergangenen Wochen und Monaten sehr für das Vorhaben des Unternehmers Thomas Engmann eingesetzt hatte. Der wollte in Kolbermoor eine ähnliche Anlage errichten, wie er sie seit zwei Jahrzehnten in Traunstein betreibt.

Der Stadtrat hatte im Frühjahr mit großer Mehrheit für das Projekt gestimmt, doch dann brach in Kolbermoor ein Proteststurm los, mit dem weder Kloo noch Engmann gerechnet hatten. Die Krematoriumsgegner hängten nicht nur Transparente auf, sondern mobilisierten auch über soziale Medien und über einen eigenen Videokanal. Als Argumente führten sie auch eine mögliche Belastung der Abluft mit Quecksilber oder radioaktiver Strahlung ins Feld. "Man hat Propaganda mit der Angst gemacht, das funktioniert offensichtlich", sagte Kloo am Montag.

Die BI-Sprecher Klaus Zirngast und Robert König hatten da eine ausgiebige Feier hinter sich, wie Zirngast in einer Videobotschaft erklärte. "Ich hätte es nicht erwartet, dass so ein wahnsinniges Ergebnis rauskommt bei der ganzen Angelegenheit", sagte Zirngast und bedankte sich ebenso wie König bei den Bürgern wie bei den Mitstreitern. Zu diesen zählte auch der Hamburger Friedhofsberater Andreas Morgenroth. Für ihn sei wichtig gewesen "teilzunehmen an der Meinungsbildung" in Kolbermoor, sagte Morgenroth, der bundesweit als Kämpfer für die althergebrachte Erdbestattung auftritt - oft zusammen mit dem deutschen Steinmetz- und Natursteingewerbe, das vom anhaltenden Trend zur Einäscherung seine Geschäfte mit Grabsteinen gefährdet sieht.

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Der "Verband für Gedenkkultur", der nach eigenen Angaben auf die "Interessengemeinschaft Asiatische, Afrikanische und Lateinamerikanische Natursteine" zurückgeht, hatte in Kolbermoor zum Wochenende eine ganzseitige Anzeige in der Lokalzeitung geschaltet und darin die Erdbestattung als klimaneutral beworben, im Gegensatz zum mit fossiler Energie befeuerten Einäschern. Wenn es in Kolbermoor gelinge, das geplante Krematorium zu verhindern, dann werde sich auch anderswo wohl so schnell kein Bürgermeister mehr trauen, ein solches Projekt voranzutreiben, hatte Morgenroth schon vor dem Bürgerentscheid gesagt.

Diese Einschätzung teilt der Krematoriumsunternehmer Engmann, der zwar ebenfalls viel argumentiert und zuletzt auch annonciert hatte, dies aber nicht ganz so großflächig. Er zeigte sich am Montag "mehr als überrascht" und sogar "ein Stück weit entsetzt" über den Ausgang des Bürgerentscheids. "Wir wissen nicht, was wir hätten anders machen sollen", sagte Engmann. Es werde zusätzliche Kapazitäten in Krematorien brauchen - seiner Einschätzung nach mindestens, bis es in rund 25 Jahren für die geburtenstarken Jahrgänge ans Sterben geht. Zugleich werde in Oberbayern nun wohl die nächsten zehn oder 15 Jahre kaum ein Krematorium auf oder an einem öffentlichen Friedhof gebaut werden können. Womöglich auch nicht irgendwo in einem Gewerbegebiet, wo eigentlich nur die Regeln des Baurechts und des Emissionsschutzes einzuhalten seien und die jeweilige Kommunale kaum ein weitergehendes Mitspracherecht habe. Trotzdem werde er weiter nach einem Standort suchen, kündigte Engmann an.

"Das wird jetzt natürlich schwierig", sagte allerdings auch Bürgermeister Kloo. Denn in Kolbermoor habe sich gezeigt, dass man sich mit Plänen für ein Krematorium "jede Menge Ärger ins Haus holen kann".