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Corona-Impfung:Eine Dosis Durcheinander

Staatsregierung diskutiert über Corona-Impfungen

Für kommende Woche hat das Bundesgesundheitsministerium angekündigt, ausschließlich Vakzin von Biontech/Pfizer an Praxen zu liefern. Eine Abnahmepflicht von Astra Zeneca ist somit vorerst hinfällig.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Astra Zeneca oder Biontech? Bayerns Arztpraxen kritisieren ständig neue Vorgaben bei der Impfstoff-Versorgung - bis hin zu "Zwangsabnahmen".

Von Clara Lipkowski und Dietrich Mittler

Vergangene Woche hatte Ulf Rosenbauer genug. Eigentlich gibt der Allgemeinarzt im fränkischen Kronach wöchentlich die Bestellung für den Impfstoff auf, diesmal entschied er sich dagegen und orderte nichts. 48 Mal hätte er theoretisch in der jetzigen Woche impfen können, das bleibt nun aus. Er habe sich in seiner Arbeit als Arzt "beschnitten" gefühlt, sagte er am Montag. Er wolle selbst entscheiden, welchen Impfstoff er seinen Patientinnen und Patienten anbiete und ihnen die Wahl lassen. Was ihn ärgert: Hätte er vergangene Woche Impfstoff von Biontech/Pfizer bestellt, hätte er automatisch Dosen von Astra Zeneca mitordern müssen. Einen solchen Abnahmezwang lehnt er ab.

Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte ordern spätestens alle sieben Tage aufs Neue und erhalten eine Mindestzusage für Impfstoffmengen. Da unterschiedlich viel Impfstoff verfügbar ist, kann der Lieferant variieren. Die Skepsis gegenüber dem Vakzin von Astra Zeneca spürt Rosenbauer auch in seiner Praxis. Viele lehnten den Impfstoff ab, sagt er. Das heiße nicht, dass dieser schlecht sei, betont er. Aber da sei nun mal die Angst vor Thrombosen. Deswegen will er auch das Argument nicht stehen lassen, dass Astra Zeneca vor allem in den Praxen verimpft werden solle, weil die Ärztinnen und Ärzte ihre Patienten in der Regel gut kennen. Er fürchtet, das Vertrauen der Menschen könne "missbraucht" werden.

Auch in schwäbischen Arztpraxen hatte eine vorübergehende "Zwangsabnahme" von Astra Zeneca Ärger ausgelöst. Ein Arzt aus seiner Praxis in Kempten sprach der Augsburger Allgemeinen gegenüber von "Erpressung".

Doch nun ist schon wieder alles ganz anders. Und das verdeutlicht die Planungsschwierigkeiten, denen niedergelassene Ärztinnen und Ärzte derzeit ausgesetzt sind. Für nächste Woche hat das Bundesgesundheitsministerium angekündigt, ausschließlich Vakzin von Biontech/Pfizer an Praxen zu liefern. Eine Zwangsabnahme von Astra Zeneca ist somit hinfällig - zumindest vorerst. Auch der Kronacher Arzt Ulf Rosenbauer hat wieder für kommende Woche bestellt. Wie viel er bekommt, weiß er allerdings noch nicht: Mindestens 24 Impfdosen sind ihm zugesagt, es könnten aber bis zu 48 werden. "Steht die genaue Menge an Impfstoff fest, setzen sich meine Helferinnen ans Telefon", sagt er - und machen Impfangebote.

Markus Beier, der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes versteht den Frust der Kollegen. "Es ist jede Woche was Neues", sagt er. Auch die Information, dass Hausarztpraxen hauptsächlich den Impfstoff von Astra Zeneca verimpfen sollen, ist augenblicklich vom Tisch. Die derzeit gültige Botschaft, dass die Hausärzte in der 17. Kalenderwoche nur noch Biontech erhalten, stammt laut Beier vom vergangenen Freitag. Warum jetzt auf einmal nur Biontech geliefert wird? Beier, der als Hausarzt in Erlangen niedergelassen ist, weiß es selbst nicht. Gab es womöglich Lieferschwierigkeiten? "Wir erfahren das nicht", sagt er. Was er aber mit absoluter Sicherheit sagen kann: "Nächste Woche kann alles schon wieder anders laufen."

Auch, wenn sich das momentan zynisch anhört: Dieses Durcheinander ist in gewisser Weise ein geordnetes. Beier bringt es so auf den Punkt: "Wir kriegen etwa zehn Tage bis zwei Wochen vorher gesagt, was wir bestellen können. Dann müssen wir bis eine Woche vorher bestellt haben, und jeweils am Donnerstag erfahren wir, welche Menge an Impfstoff wir dann wirklich bekommen." So wenigstens läuft es nach seinen bisherigen Erfahrungen. In den Praxen stünden folglich die Telefone nicht mehr still, denn auf Patientenseite steige die Nachfrage stetig. Nur, der Impfstoff muss dann auch in der erforderlichen Menge geliefert werden. "Wir Hausärzte und Hausärztinnen könnten weitaus mehr leisten, um unsere Patienten durch eine Impfung vor Corona zu schützen", sagt Beier.

Augenblicklich beteiligen sich nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns circa 5750 Praxen an der Impfkampagne. Und diese Aussage kommt von nahezu allen Seiten: Für sie ist der bürokratische Aufwand eine harte Probe. Erst kürzlich hat Verbandschef Beier betont, die Belastung sei für die Praxisteams "nicht mehr akzeptabel". Und dass man bezüglich Impfstoff von der Hand in den Mund lebe, das erzeuge natürlich Frustration - "diese ständige Umplanerei". Aber deshalb alles hinschmeißen, dafür hat Beier auch kein Verständnis. "Es ist viel Arbeit, aber die Praxen kriegen es ja hin, wie man an den Impfzahlen sieht", sagt er.

Die Daten des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass die Impfkampagne läuft: Inzwischen sind mehr als 3,5 Millionen Menschen geimpft, etwa 884000 von ihnen bereits zweimal, mehr als 2 660 000 einmal. Oder anders ausgedrückt: 6,7 Prozent sind vollständig geschützt, 20,3 Prozent haben einen ersten Immunschutz. Zum Vergleich: Ende vergangener Woche war die Drei-Millionen-Marke überschritten worden mit rund 2 160 000 Erst- und 860 000 Zweitimpfungen.

Nach Auskunft des Gesundheitsministeriums in München werden die 16 Bundesländer "im April wöchentlich mit 2,25 Millionen Dosen beliefert". Für Bayerns Impfzentren bleiben damit rund 350 000 Dosen der Impfstoffe von Biontech und Moderna. Astra Zeneca steht für die Impfzentren also nicht mehr auf der Liste. "Vonseiten des Bundes wurde mitgeteilt, dass vom 19. April an keine Belieferung der Impfzentren mit Astra Zeneca für Erstimpfungen mehr stattfindet", sagte eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage.

Vorsichtiger wird sie indes bezüglich der in der vergangenen Woche erfolgten Zusage, dass Ende Mai die Priorisierung im Freistaat ein Ende finden könnte. Das habe der Minister davon abhängig gemacht, "dass dafür ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht". Also gelte weiter: Wenn in einem Impfzentrum am Abend noch Impfdosen zur Verfügung stehen, dann seien die an jene zu verteilen, die als Nächste auf der Priorisierungsliste stehen.

© SZ vom 20.04.2021/syn, van
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