bedeckt München
vgwortpixel

Oberbayern:"Man muss sich das Vertrauen der Tiere langsam erarbeiten"

Falknerei Daser in Haging

Erste Flugstunden: Der junge Falke ist an einer langen Leine festgebunden und wird mit kleinen Fleischstücken gelockt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der erst 25-jährige Tobias Daser führt in Haging eine kleine Falknerei. Um die Menschen für heimische Greifvögel zu sensibilisieren, nimmt er viel Arbeit auf sich.

Am Ende ist er, der eigentlich die anderen beglücken will, selbst "total happy". Der Grund dafür ist eine Dame, eine Falkendame namens Pearl, die gerade ihren ersten Auftritt vor größerem Publikum mit Bravour gemeistert hat. Und da dies alles andere als selbstverständlich ist, schwebt ihr Besitzer Tobias Daser nun auf Wolke sieben - ganz ohne Flügel. Die Grafinger Grundschulkinder, die an diesem Vormittag in Haging bei Frauenneuharting zu Gast sind, lernen aus der Vorstellung von Pearl vor allem dreierlei: dass Tiere trotz allen Trainings keine Maschinen sind, wie die Grundausbildung von Greifvögeln in etwa funktioniert, und dass man dafür unbedingt zu zweit sein sollte. "Alleine ist das nicht zu machen", sagt auch Daser und blickt stolz hinüber zu seiner Freundin Kathrin Eichner, mit der er den Kindern seine gefiederten Freunde soeben ausführlich vorgestellt hat.

Obwohl die beiden in einem Alter sind, das man wohl noch der Sturm-und-Drang-Zeit zurechnen muss, gerade mal 24 und 25 Jahre jung, haben sich Daser und Eichner für ein Hobby entschieden, für das es viel Verantwortungsbewusstsein, Hingabe und Disziplin braucht. Reisen? Sind bis auf weiteres gestrichen. Teure Klamotten oder technische Geräte ebenfalls. Und Faulenzen, na ja, das wird auch nicht gerade die Hauptbeschäftigung der beiden sein. Denn die sechs Vögel, um die sie sich neben ihren normalen Berufen kümmern, verlangen ihren Besitzern viel ab.

Mehrere geräumige Volieren haben Daser und Eichner schon im Garten des elterlichen Hofes in Haging errichtet, die Tiere wollen täglich versorgt und vor allem trainiert werden. "Wir fliegen jeden Tag, bei Regen, Wind und Schnee", sagt Daser. "Bei einem Falkner kommen die Tiere an erster Stelle." Für Eichner aber ist das okay, sie kennt ihren Partner nicht anders. "Kathrin weiß, dass ich einen Vogel habe", sagt Daser und lacht. Doch nicht nur das: Bei der Show beweist die 24-jährige Zahnarzthelferin, dass sie alles andere ist als nur schöne Staffage. Völlig gelassen und vertraut geht sie mit den Vögeln um, die wiederum überhaupt keinen Unterschied zwischen ihr und dem Falkner zu machen scheinen.

Auslöser für die Leidenschaft des jungen Mannes war einst ein Steinadler. Stundenlang saß der Landmaschinenmechaniker auf einer Forstmesse einem solchen Tier gegenüber - und staunte über dessen wilde Schönheit. Da reifte in Dasers Kopf der Wunsch, selbst Herr eines Greifvogels zu sein. Der Weg dorthin aber war steinig, weil gepflastert mit Vorschriften und Prüfungen. Nicht nur eine Ausbildung zum Falkner musste Daser absolvieren, sondern auch einen Jägerschein erwerben - das "grüne Abitur", sagt er und lacht. Verglichen damit sei der anschließende Intensivkurs in der Falknerei jedenfalls ein Spaziergang gewesen. Das ist nun fünf Jahre her.

Mittlerweile besitzt und trainiert Daser sechs Vögel: eine Schleiereule, zwei Uhus, zwei Wüstenbussarde und eben Falkendame Pearl. Sie alle hat er als Jungvögel, das heißt im Alter von etwa drei Monaten, bei Züchtern aus ganz Deutschland gekauft. Damit ist noch lange nicht Schluss, auf der Wunschliste des 25-Jährigen stehen noch ein Adler und ein Gänsegeier. "Das ist wie eine Sucht", gesteht er mit strahlenden Augen, trotzdem zwinge er sich, das Ganze langsam angehen zu lassen, des Aufwands und der Kosten wegen. Denn: "An so ein Tier bindet man sich lebenslang."

Es gibt wenige Greifvogel-Experten

Obendrein befinden sich in Dasers professioneller Obhut des Öfteren "Pflegekinder", sprich Wildvögel, denn er arbeitet eng mit einer Auffangstation in Otterfing zusammen. Ehrenamtlich, versteht sich. Denn Habicht, Waldkauz und Co. brauchen auch im Landkreis immer wieder menschliche Hilfe, weil sie zu früh aus dem Nest fallen, krank werden, gegen Scheiben fliegen oder sich sonst wie verletzen. Daser und seine Kollegen lassen die Greifvögel dann medizinisch behandeln und päppeln sie auf, bis sie wieder fit genug sind für die Freiheit. Wie herzerwärmend es ist, den Herrschern der Lüfte diese zu schenken, dürfen an dem Vormittag auch die Kinder erleben: Zwei Mäusebussarde - der eine hatte einen gebrochenen Fuß, der andere eine Gehirnerschütterung - steigen vor ihren Augen erstmals wieder auf. Was bei den Krähen und Schwalben am Himmel freilich für einige Aufregung sorgt.

Falknerei Daser in Haging

Tobias Daser mit seiner Freundin Kathrin Eichner.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Seine Erlebnisse rund um die Versorgung verletzter Greifvögel sind es unter anderem, die Tobias Daser dazu veranlasst haben, mit seinen Tieren nun die Öffentlichkeit zu suchen. Schulen, Vereine, jeder kann seine Falknerei besuchen oder buchen, Daser und Eichner kommen mit ihren gefiederten Schützlingen auch gerne zu Kindergeburtstagen oder anderen Festen. Ihr Anliegen nämlich ist es, möglichst viele Menschen für heimische Greifvögel zu begeistern. "Sie glauben gar nicht, wie oft jemand anruft und sagt, er habe zum Beispiel einen verletzen Falken gefunden, und dann eine Amsel vorbeibringt", sagt Daser. Gegen diese Unkenntnis will er etwas tun, will die Menschen sensibilisieren für die mittlerweile seltenen, schützenswerten Räuber der Lüfte.

Doch nicht nur die Greifvögel und Uhus sind hierzulande rar, auch Menschen, die sich mit ihnen auskennen, gibt es nicht oft. Tobias Daser ist einer von nur vier Falknern im Landkreis. Zwei davon arbeiten im Wildpark Poing, der andere habe wohl nur ein einziges Tier, erzählt Daser und fügt lachend an: "Die Szene ist klein, da kennt man sich. Und Neid gibt es nicht."

"Wusstet ihr, dass die total kitzlig sind?"

In welch' kleinen Schritten der 25-Jährige mit seinen Vögeln arbeitet, macht der Auftritt von Pearl deutlich: Daser und Eichner stehen höchstens zwei, drei Meter voneinander entfernt, beide haben einen mächtigen Schutzhandschuh aus Leder über dem Unterarm. Der junge Falke ist an einer langen Leine festgebunden und wird mit kleinen Fleischstücken von einer Faust zur anderen gelockt. "Ich weiß aber nicht, ob sie fliegt, denn es ist das erste Mal, dass so viele Leute zusehen", erklärt Daser den etwa 50 Grundschulkindern, die der Vorführung im Halbkreis gespannt zusehen. Doch es klappt, Pearl erweist sich als weniger scheu als erwartet, sie fliegt mehrmals von Eichner zu Daser und umgekehrt - fette Belohnungen inklusive. "Ich bin echt stolz und weiß jetzt schon, dass das ein toller Vogel wird", sagt Daser und grinst über das ganze Gesicht. In den kommenden Wochen werden er und seine Freundin den Abstand zwischen sich immer mehr vergrößern, bis auf etwa hundert Meter. Erst wenn Pearl diese ohne Zögern zurücklegt, wird es Zeit sein für ihren ersten Freiflug.

"Man muss sich das Vertrauen der Tiere langsam erarbeiten", sagt Daser. Wie es aussieht, wenn das gelungen ist, sieht man an einem der beiden jungen Uhus: "Wusstet ihr, dass die total kitzlig sind?", fragt der Falkner die Kinder spitzbübisch - und erbringt sogleich den Beweis: Mit seiner freien Hand greift er an den Torso und unter die Flügel des mächtigen Vogels, der sofort anfängt sich zu winden und spielerisch mit dem Schnabel nach der Hand Dasers zu schnappen. Ein sehr schöner, intimer Moment zwischen Mensch und Tier. Dass Daser seine Vögel versteht, sieht man auch an seinen beiden Bussarden. Die hätten derzeit eine Ehekrise, erklärt er, vor allem das Weibchen sei zickig, weil es gerade in der Mauser sei, sprich, sein Federkleid wechsle. Prompt können die Zuschauer verfolgen, wie die beiden Greifvögel sich um die Beute streiten.

Die Kinder, so viel ist klar, werden diesen Schulausflug so schnell wohl nicht vergessen. Denn die Vorführungen dieser kleinen Falknerei in Haging sind viel persönlicher als jene in den großen Freizeitparks. Ganz nah kommt man hier diesen beeindruckenden Vögeln. Die Schleiereule präsentiert - fast als wäre sie selbst ein bisschen stolz - stoisch ihr wunderschönes Gefieder, die riesigen Uhus fliegen so dicht über die Köpfe, dass so manches Haar im Windhauch bebt, und die etwas kleineren Bussarde begeistern mit ihrer unglaublichen Präzision im Flug. Die Glücksgefühle von Daser und Eichner nachzuempfinden - das ist an diesem Vormittag jedenfalls alles andere als schwer.

Falknerei Tobias Daser, für Anfragen erreichbar per Mail an Falknereihof-Haging@web.de

Umwelt und Naturschutz in Bayern "Der Tod gehört nun mal zur Natur"

Falknerei

"Der Tod gehört nun mal zur Natur"

Die Falknerei, im ursprünglichen Sinne die Jagd mit Greifvögeln, hat eine jahrtausendalte Tradition. Doch die Arbeit mit Habicht, Steinadler und Falke ist umstritten.   Von Tanja Rest