Initiative der evangelischen Landeskirche:Netzwerk soll Angehörigen von Corona-Toten Beistand leisten

Heinrich Bedford-Strohm

Für Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, liegt "die Kraft im Austausch, und Heilung liegt in der Begegnung mit Menschen!"

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Mit Unterstützung der evangelischen Landeskirche und der Selbsthilfekoordination Bayern entsteht ein Selbsthilfegruppen-Netzwerk. Es soll Angehörigen von verstorbenen Covid-19-Patienten Beistand leisten.

Von Dietrich Mittler, München/Weiden

"Corona hat mir meinen Mann genommen. Er war Arzt, leitete im Kreis Passau eine Klinik und wurde 59 Jahre alt", sagt Anita Schedel. Nach seinem Tod am 14. April 2020 dachte sie darüber nach, was er ihr jetzt wohl mitgeben würde. Und Anita Schedel ist sich sicher, er würde sagen: "Was du nicht ändern kannst, nimm hin - und mach das Beste draus." Dieser Botschaft folgend, stand die Witwe von Hannes Schedel am Dienstag in Weiden Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zur Seite, der aus München in die Oberpfalz gereist war, um dort den Startschuss zum Aufbau eines bayerischen Selbsthilfegruppen-Netzwerkes zu geben. Es soll Menschen helfen, die um ihre an Corona verstorbenen Angehörigen trauern.

Die Wahl des Veranstaltungsortes kommt nicht von ungefähr, hatte die Corona-Pandemie doch die Landkreise Tirschenreuth, Neustadt an der Waldnaab sowie auch die Stadt Weiden zu Hot-Spots werden lassen. "Es ist mir ein besonderes Anliegen, gerade hier den Startschuss zu geben", sagte Bedford-Strohm. Die Begegnung mit den Angehörigen von verstorbenen Covid-19-Patienten habe ihn in seiner Überzeugung gestärkt: "Die Kraft liegt im Austausch, und Heilung liegt in der Begegnung mit Menschen!"

Zum Austausch braucht es Vernetzung. In diesem Fall kooperiert die Landeskirche deshalb künftig mit der Selbsthilfekoordination Bayern (Seko), die das Ziel verfolgt, Selbsthilfe und Selbstorganisation im Sozial- und Gesundheitsbereich zu stärken. Es kommen hierbei starke Partner zusammen. Kirche und Diakonie können durch ihre Logistik - dazu zählen etwa auch zur Verfügung stehende Räume - Menschen helfen, "sich zu treffen, auszutauschen und zueinander zu finden", wie es Thomas Guba, Dekan im Dekanatsbezirk Weiden, ausdrückte. Die Seko wiederum hat reichlich Erfahrung im Aufbau von Selbsthilfegruppen. "Und es gibt viele in Bayern, die sich engagieren. Wir kennen circa 11 000 Gruppen - zu etwa 1200 Themen", betonte Klaus Grothe-Bortlik, der Geschäftsführer des Selbsthilfezentrums München und Vorstand des Vereins Selbsthilfekontaktstellen Bayern.

"In Weiden funktioniert die Zusammenarbeit von Kirche und Seko bereits beispielhaft", erklärte Bedford-Strohm. "Melden Sie sich bei uns", appellierte wiederum Ramona Kriegler an trauernde Angehörige in ihrer Region. Kriegler leitet unter dem Dach der Diakonie Weiden die Selbsthilfekontaktstelle Nordoberpfalz. Ein erstes Treffen ist für den 4. August geplant. Anita Schedel will sich in München beim Aufbau einer Selbsthilfegruppe engagieren. Dort habe sie "die meiste Zeit" ihres Lebens verbracht. "Ich möchte Menschen, die Angehörige, Freunde oder Weggefährten verloren haben, ein Gesicht geben", sagte sie.

Die Würzburger Jura-Studentin Antonia Palmer hat diesen Schritt bereits hinter sich. Nach dem Tod ihres Vaters am 30. Januar 2021 hat sie die bundesweit erste digitale Selbsthilfegruppe gegründet, in der sich Hinterbliebene von Covid-19-Patienten gegenseitig beistehen. Etwa bei so quälenden Fragen wie: "Warum wir? Woher hatte er das Virus? War ich möglicherweise selbst die Überträgerin?" Landesbischof Bedford-Strohm fasste nach der Veranstaltung zusammen: "Ich bin überrascht über diese positive Energie, die da aus dem Leid entstanden ist."

© SZ vom 28.07.2021/wean
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