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Brauchtum:Der Niedergang des Auffahrtstags

Vatertagstour mit Bollerwagen

Der Auffahrtstag bot ein Spektakel, von dem das Volk lange zehrte. Dann wurde der christliche Festtag von Biersäufern in Beschlag genommen.

(Foto: dpa)

Einstmals wurde Christi Himmelfahrt mit spektakulären Gottesdiensten begangen. Die heutigen Spektakel am sogenannten Vatertag mit Leiterwagen voller Bierkästen sind weit profaner. Nüchtern betrachtet, ist das doch eher traurig.

Der Abstieg des Feiertags Christi Himmelfahrt wurde eingeleitet, als ihn die Spaßgesellschaft zum Vatertag degradierte. Das war eine richtige Klatsche, um es in der Sprache der Fußballer auszudrücken. Dass ein von der Frühlingssonne bestrahlter christlicher Festtag von Biersäufern in Beschlag genommen wird, ist tragisch genug. Sofort werden Erinnerungen an die Kindheit wach, als die Altvorderen noch bedeutungsschwer vom "Auffahrtstag" sprachen. Es klang so feierlich, als jubelten die Trompeten von Jericho. In der Kirche fuhr Christus dann tatsächlich vor unseren Augen in den Himmel auf, quasi wie eine Apollo-Rakete, ein passenderes Bild war in der Zeit der ersten Mondlandung nicht parat. Ministranten zogen die an Schnüren befestigte Christusstatue bis unter die barock bemalte Kirchendecke, wo sich eine Luke öffnete, das sogenannte Auffahrtsloch, hinter dem die Figur verschwand. Der Pfarrer sparte keineswegs am Weihrauch, der die Vorstellungskraft seiner Schäflein noch mehr anregte.

Manche übertrieben es mit ihrem christgläubigen Eifer. Die ganz Bigotten warfen in grauer Vorzeit aus dem Auffahrtsloch sogar Teufelspuppen mit Feuer, Pech und Schwefel ins Kirchenschiff hinunter, manchmal schwebten auch Hostien, Rosen und Lilien auf die Gemeinde herab. Der Auffahrtstag bot ein Spektakel, von dem das Volk lange zehrte. Dazu kamen, da dieses Fest ja mitten in der Bittwoche gefeiert wird, Bittgänge und Feldprozessionen auf den noch von Hecken und allerlei Getier gesäumten Fluren. "Wir bitten um Sonn', Wind und Regen für d'Saat und dass uns der Himmel vor Blitz und Unwetter bewahr!" Solche Gebete sollten Frost, Hagel und Unwetter von der Ernte fernhalten, damals, als die Väter noch nicht im Entferntesten daran dachten, mit Leiterwagerl voller Bier die Fluren und Ausflugsorte zu fluten.

An einem solchen Ort wurde übrigens an Pfingsten gerne eine Taube durch das Auffahrtsloch heruntergelassen, was einmal eine unvergessene Kalamität auslöste. Als der Mesner die Taube losschicken sollte, geschah nichts, weshalb der Pfarrer nach dem Heiligen Geist rief. Daraufhin steckte der Mesner seinen Hals durch das Loch und rief: "Den Heiligen Geist hod am Wirt sei Koder gfressen!" Der Kater vom Wirt hatte alle Hoffnung zerstört.

© SZ vom 22.05.2020/huy

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