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Mitten in Bayern:Tuba tabu!

Die bayerischen Blaskapellen sind mehr oder minder in der Corona-Zwangspause. Nun fürchten die Verbandschefs um die Existenz und die Motivation der Musiker

Kolumne von Johann Osel

Bayern im Herbst, kaum wiederzuerkennen: kein Bierzelt, keine Trachtenumzüge, kaum Blasmusikkonzerte weit und breit. Marschfreie Zone. Und doch können die vielen Kapellen im Freistaat nicht einfach die Hände in den Schoß legen oder Trompete, Klarinette und Posaune in den Schrank - wer meisterhaft sein will, muss üben. Irgendwann ist Corona vorbei. Für die etwa 120 000 aktiven Musiker, deren Kapellen, Vereine, Trommlerzüge oder Ensembles im Bayerischen Blasmusikverband (BBMV) organisiert sind, gab es im Frühjahr zunächst einen Lockdown - Tuba tabu. Mittlerweile läuft wie fast überall im gesellschaftlichen Leben eine sanfte Öffnung. Doch die geht vielen Leuten nicht weit genug.

Kürzlich schlug in einer Videositzung das BBMV-Präsidium Alarm, wie der Oktoberausgabe des Magazins Blasmusik in Bayern zu entnehmen ist. Zahlreiche Vereine gerieten in eine "existenzbedrohende" Lage, da Musiker ihren Abschied einreichen. "Dass es so nicht mehr sehr lange weitergehen kann, ist klar." Die Sorge: eine weitere Austrittswelle und somit die dauerhafte Schädigung der Blasmusiklandschaft. Jetzt werde es früher dunkel und kühl, Freiluftproben fielen weg. Mit der Regel von zwei Metern Abstand komme man nicht weit. Ein Meter, wie in Österreich, müsse her; zu nennenswerten Ausbrüchen sei es dort nicht gekommen. Wobei das nicht ganz stimmt, wie neulich 13 infizierte Bläser im oberösterreichischen Grieskirchen demonstrierten. Jedenfalls will der BBMV lobbyieren wegen des Meters, man sei im "Kampfmodus". Vielleicht böte sich ein schönes Platzkonzert vor der Staatskanzlei in München an. Die Arbeit unter aktuellen Bedingungen ist schwierig. Vielerorts bleiben Dozenten nur Online-Einheiten übrig; bei Präsenzkursen steht man oft so weit verteilt, dass die Harmonie leidet. Alphörner tragen Mülltüten über dem Trichter, auf Musikanten wartet das Fieberthermometer. Pathetisch wird Franz Kellerer, der stellvertretende Landesdirigent. Blasmusik sei eben nichts Individuelles, sondern ein Prozess des Werdens; für viele sei das eine "Sucht". Aber andere Kollegen könnten nach der Krise merken, dass ihnen nichts gefehlt hat und wie viel Freizeit ihr Engagement fresse. Sein Appell an die Basis: "Fangt wieder an!" Und wenn es nur ein Mal im Monat in der Turnhalle wäre!

© SZ vom 13.10.2020

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