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Corona-Maßnahmen:Die Politik gefährdet die Akzeptanz der Bevölkerung

Coronavirus - Ausflugsverkehr im Fichtelgebirge

"Rodeln verboten" - ergeben solche Regelungen im Kampf gegen Corona wirklich Sinn?

(Foto: dpa)

Die Radius-Regel wirkt drakonisch, ihr Sinn ist umstritten. Wer sich über sie ärgert, der schüttelt vielleicht auch wieder Hände oder lädt Freunde zur Party ein.

Kommentar von Johann Osel

Der Unterschied zwischen Stadt und Land, lautet eine bayerische Weisheit, zeigt sich beim Spazierengehen. Auf dem Land wird man seltsam angeglotzt, wenn man Entgegenkommende nicht freundlich grüßt. In der Stadt erhält erstaunte Blicke, wer Hallo sagt. Mit Freundlichkeiten ist es aber derzeit eh vorbei, und der Spaziergang ist der Streitpunkt: Zwischen Städtern und Landbevölkerung brodelt es. Im Kreis Miesbach brachte das ein an die Münchner Touristen adressiertes Schild mit Stinkefinger zum Ausdruck: "Wir wollen Euch nicht". In der Stadt ätzen sie, dass man auf dem Land nur wegen der fehlenden Gastronomieumsätze die Tagesgäste angreift. Und dass sich in München auch keiner echauffiere, wenn die Landeier sich mal wieder im Wiesnzelt übergeben.

Zumindest oberflächliche Entspannung in diesem Konflikt versprechen die neuen Corona-Regeln. Es gilt die 15-Kilometer-Regel in Regionen mit Inzidenz ab 200, die in Bayern klar auf die Verhinderung von Ausflügen zielt. Im Umkehrschluss dürfen touristische Gebiete selbst ihre Grenzen für Besucher schließen. Einige Kommunen haben davon Gebrauch gemacht. Diese Ergänzung ist gerecht und sinnvoll, manch einem Landrat mag mit dem Andrang unwohl sein. Die Radius-Regel an sich ist es allerdings nicht. Diese Einschränkung der Bewegungsfreiheit könnte der Senkung der Infektionszahlen dienen. Könnte sie aber auch nicht. Tatsächlich weiß das keiner. Bei den Wirtschaftshilfen hatte der Bundesfinanzminister von einer Bazooka gesprochen, hier nun handelt es sich um eine Maßnahmen-Bazooka. Breit schießen im Zeichen der Ratlosigkeit - in der Hoffnung, dass das irgendwie klappt.

Es mag sein, dass man damit die Menschen aus dem dörflichen Schnee wegbekommt. Ob die Landpartie, wenn die Besucher sich vernünftig verhalten, wirklich ein Infektionstreiber ist, lässt sich bestreiten. Und wenn stattdessen die Parkanlagen in der Stadt überlaufen sind und die Städter in vollen U-Bahnen dorthin fahren, ist in der Bilanz sicher nichts gewonnen.

Was sich im Privatleben einschränken lässt, ist ausgereizt

Und auch an anderer Stelle könnten sich negative Folgen zeigen. Eine Beschränkung wie die Radius-Regel, die so drakonisch aufwartet und deren Sinn zugleich umstritten ist, kann die breite Akzeptanz der Maßnahmen gefährden. Wer im Zorn über den Radius die Geduld verliert, schüttelt vielleicht wieder Hände oder lädt Freunde zur Küchenparty ein. Zuletzt gab es Polizeimeldungen über Kinder in München, die vom Schlittenhügel verjagt wurden. Die Kommentare in sozialen Netzwerken sprechen Bände - und sie stammen nicht von Corona-Leugnern, sondern von empörten Eltern, für die der Bogen überspannt ist.

Vier Dinge sollte sich die Exekutive daher zu Herzen nehmen. Erstens: Was sich im Privatleben einschränken lässt, ist ausgereizt, die Wirtschaft muss in den Blick. Wer am Sonntag mit der Familie nicht mehr im Oberland wandern darf, sitzt am Montag im Büro oder steht in der Fabrik. Das ist Unsinn. Zweitens: Damit die Stimmung nicht kippt, ist Augenmaß bei den Bußgeldern gefragt. Drittens: Die Politik muss die Radius-Regel evaluieren und im Zweifel zügig streichen. Und viertens: weniger Sheriff-Rhetorik. Dass Uwe Brandl (CSU), der Präsident des Bayerischen Gemeindetags, nun angeregt hat, die Bewegungsprofile von Handys auszulesen, erinnert zu Recht viele an chinesische Zustände. Solche will keiner, egal ob Stadt oder Land.

© SZ/fzg/jael
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