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Gesellschaft: Zefix*! Bayerns Behörden und die gendergerechte Sprache

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Das * ist praktisch, allerdings nicht rechtschreibkonform.

(Foto: Illustration: Julia Schubert)
  • Die Debatte um eine geschlechtsneutrale Anrede beschäftigt nun auch Bayerns Behörden.
  • Was nun geschlechtergerechte Sprache ist, dazu gibt es zahlreiche Auslegungen und Ansichten.
  • Sprache sollte die gesellschaftliche Realität abbilden und neben Männern und Frauen auch Personen des "dritten Geschlechts" zeigen, findet die Linguistin Serife Sanli.
  • Josef Krause, ehemaliger Präsident des Deutschen Lehrerverbands, hält die genderneutrale Anrede jedoch für eine "Manipulation der Sprache von oben".

Bürgerinnen und Bürger, Menschen in Bayern, Beschäftigte: Die korrekte Anrede treibt auch Bayerns Behörden um. Denn die müssen ihre Texte in einer möglichst geschlechtsneutralen Sprache formulieren, vom Pressestatement bis zum Veranstaltungskalender. Was nun geschlechtergerechte Sprache ist, dazu gibt es zahlreiche Auslegungen. Kommunen und Universitäten haben sich eine Vielzahl unterschiedlicher Leitlinien gegeben.

Die Organisationsrichtlinien von 2002 geben in Bayern zumindest staatlichen Behörden klare Vorgaben: Möglich sind Paarformen wie "Schüler und Schülerinnen", geschlechtsneutrale Ausdrücke wie "die Angestellten" und Geschlechtsabstraktion wie "das Gericht" oder "die Lehrerschaft".

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Auch bei "die Studierenden" oder "die Seminarleitung" gibt es kein Geschlecht. Diese Lösungen empfehlen die LMU München, die Unis Erlangen-Nürnberg, Würzburg und Regensburg. Ähnlich ist es bei vielen Kommunen: In München, Nürnberg, Augsburg, Ingolstadt und den Landkreisen München und Passau heißt es "Bereichsleitung" oder "die Beschäftigten" statt "die Mitarbeiter".

Alternativ empfehlen die Unis Paarnennungen wie "Dozenten und Dozentinnen", bei denen Männer und Frauen genannt werden. Auch bei den Kommunen ist häufig "Bürgerinnen und Bürger" zu lesen.

Die Unis Regensburg und Erlangen-Nürnberg gehen weiter: Zwar empfehlen es deren Leitfäden nicht ausdrücklich, erwähnen aber das "Gendersternchen" als mögliche Option. Worte wie "Teilnehmer*innen" oder "Student*innen" sollen auch Menschen ansprechen, die weder Mann noch Frau sind. Rechtschreibkonform ist das Sternchen allerdings nicht.

"Sprache durchdringt alles, alles ist Sprache", sagt die Linguistin Serife Sanli von der LMU München. Deshalb sei es wichtig, dass Sprache die gesellschaftliche Realität abbildet - und neben Männern und Frauen auch Personen des "dritten Geschlechts" zeige. Das Problem sei dabei aber weniger die Schreibung als vielmehr die gesprochene Sprache: Vorgelesen werde geschlechtergerechte Sprache zum "Stolperstein". Denn wie spricht man "Schüler*innen" aus? "Da werden wir unsicher oder geraten ins Stottern", sagt Sanli, "dann gucken wir alle wieder nur auf die Sprache und nicht auf den Inhalt."

Kann Gendersprache nichts Positives abgewinnen: Josef Kraus, ehemaliger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

(Foto: Stephan Rumpf)

Viele Redner vermieden deswegen das "Gendern". Stattdessen wiesen sie darauf hin, dass sie mit dem generischen Maskulinum alle meinten - und sprächen dann von "Autoren" und "Politikern".

Das Gegenstück beobachtet Sanli bei vielen Lehramtsstudenten. Besser gesagt: Lehramtsstudentinnen. Die nutzten das generische Femininum und meinten damit alle. In Berufen, in denen deutlich mehr Frauen als Männer arbeiten, spiegle das die Realität besser wider, sagt Sanli.

"Wir befinden uns momentan im Umbruch", sagt die Linguistin. Es brauche Lösungen für geschlechtergerechte Sprache, die keine Unsicherheit oder Missverständnisse aufkommen lassen. Dass es die innerhalb der nächsten Jahre geben wird, auch für die gesprochene Sprache, steht für Sanli fest. In der Schreibung seien sie bereits absehbar: "Wenn das Sternchen nicht kommt, muss etwas anderes her."

In Nürnberg soll es nicht allein bei der Gendergerechtigkeit bleiben

Überflüssig findet das der frühere langjährige Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus. Lediglich bei Anreden sei ein "sehr geehrte Damen und Herren" oder "liebe Schülerinnen und Schüler" angebracht. Ansonsten reiche das generische Maskulinum völlig aus, da es alle mit einschließe. Gendersprache stört, sagt Kraus: "Es behindert den Lesefluss und macht die Texte länger."

Worte wie "Student*innen" oder "Studierende", mit denen auch Personen des dritten Geschlechts angesprochen werden sollen, hält er für unnötig. "Die Notwendigkeit sehe ich nicht, weil es sich um Promilleteile der Bevölkerung handelt, die davon betroffen sind", sagt Kraus. Partiziplösungen wie zum Beispiel "Studierende" oder "Radfahrende" seien zudem schlichtweg falsch. Ein Studierender sei jemand, der in genau diesem Moment studiert. Genauso höre der Radfahrende auf, einer zu sein, sobald er vom Rad steigt.

"Sprache ist etwas Gewachsenes", sagt Kraus. Dass immer mehr Behörden geschlechtergerechte Sprache verwenden, sieht er kritisch. "Das ist eine Manipulation der Sprache von oben, die Sprache gehört aber dem Volk."

Kraus hat zusammen mit prominenten Unterstützern wie der Schriftstellerin Monika Maron und Sprachkritiker Wolf Schneider eine Petition gestartet, die genau das stoppen soll. "Schluss mit dem Gender-Unfug" heißt sie, und ist der eigenen Internetseite zufolge mehr als 73 500 Mal unterschrieben worden. Eine große Zukunft haben Gendersternchen und Partizipkonstruktionen Kraus' Einschätzung nach nicht: "Ich bin da relativ zuversichtlich, dass sich bestimmte Dinge totlaufen."

Tatsächlich werde das Gendersternchen gar nicht so selten verwendet, sagt Sabine Krome vom Rat für deutsche Rechtschreibung. Und das, obwohl es nicht den amtlichen Regeln der Rechtschreibung entspreche. Der Rat beschloss 2018, dass das dritte Geschlecht zwar sprachlich abgebildet werden solle, er selbst dafür jedoch keine Regeln aufstelle. Der Rat werde die Sprache weiter beobachten, um festzustellen, ob sich eine neue Schreibweise möglicherweise durchsetzt, hieß es.

Bei der Gendergerechtigkeit allein soll es in Nürnberg nicht bleiben. Die Stadt wolle auch in anderen Bereichen sprachliche Diskriminierung vermeiden, sagt eine Sprecherin. Zum Beispiel bei Behinderungen: Niemand solle "an einen Rollstuhl gefesselt" sein.

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