bedeckt München 17°

Hauptstaatsarchiv:Kostbare Einblicke in die Geschichte

Nachlaß von Willi Graf im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München, 2012

Der letzte Brief des Widerstandskämpfers Willi Graf.

(Foto: Catherina Hess)

Im Hauptstaatsarchiv werden die Nachlässe von Ministerien und Behörden, aber auch von Privatpersonen verwahrt - von guten wie von bösen. Als historisches Zeugnis ist das sehr wertvoll.

Kurz vor seiner Hinrichtung hat der Student Willi Graf noch einen berührenden Abschiedsbrief geschrieben. Es ist ein Dokument von seltener Würde und Eindringlichkeit. "Meine lieben Eltern, meine liebe Mathilde und Anneliese. An diesem Tag werde ich aus dem Leben scheiden . . . Vor allem schmerzt es mich, daß ich Euch, die Ihr weiterleben werdet, diesen Schmerz bereiten muß . . . " Im Februar 1943 war Graf zusammen mit den Geschwistern Scholl und weiteren Mitgliedern der Widerstandsgruppe Weiße Rose festgenommen worden. Am 12. Oktober 1943 wurde er, 25-jährig, im "Strafgefängnis München-Stadelheim" enthauptet.

In der Abteilung V des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, in der Nachlässe und Sammlungen verwahrt werden, finden sich bergeweise Geschichtszeugnisse von ähnlicher Güte. Thomas Paringer, der Leiter der Abteilung, verwaltet hier, im ehemaligen bayerischen Kriegsministerium, vor allem Nachlässe von Herrschern und Politikern. In den Regalen lagern aber auch Akten, Fotografien, Briefe und Tagebücher von Beamten, Journalisten und Verbänden. Und von Verbrechern wie dem einstigen Gauleiter von Oberbayern, Adolf Wagner (1890-1944), einem Nazi der ersten Stunde. Ob die Nachlässe, die hier gesammelt werden, von guten oder bösen Menschen stammen, tue nichts zur Sache, sagt Paringer. Denn eine Bewertung historischer Ereignisse sei überhaupt erst durch solche Hinterlassenschaften möglich.

Deshalb sind im Archiv nicht nur die Opfer des Naziterrors dokumentiert, sondern auch die Tyrannen und ihre Handlanger. In der Abteilung V wird sogar ein kleiner Teil des Hitler-Nachlasses verwahrt, etwa die Ernennungsurkunde zum Reichskanzler. Hitlers ehemalige Haushälterin in München hatte am Kriegsende einiges zusammengerafft, Ausweise, Skizzen, Notizen, vermutlich um es zu verscherbeln. Das Material wurde aber beschlagnahmt und landete in den 60er-Jahren im Hauptstaatsarchiv.

Vor wenigen Tagen hat die Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns einen 700 Seiten starken Band präsentiert, der ein Verzeichnis sämtlicher Nachlässe im Hauptstaatsarchiv enthält. Schon beim Durchblättern bekommt man eine Ahnung, welch spannende Einblicke in die Geschichte und Beziehungsgeflechte der vergangenen 200 Jahre diese Akten ermöglichen. Der früheste Nachlass stammt vom damaligen Superminister Maximilian von Montgelas (1759-1838), dem Vater des modernen Bayern. Als nicht weniger spannend erweist sich der Nachlass des früheren Innenministers Bruno Merk. Sein Notizzettel vom Olympia-Attentat im September 1972 zeichnet ungeschminkt die Tragödie nach: "Morgens 5 Uhr, erster Anruf: Unklare Situation, Rauferei zw. Sportlern? 7.10 Uhr, Ankunft Tor 6: Riesengedränge, erste Information: Mindestens 4-5 Terroristen, unbek. Zahl von Geiseln . . . Besprechung mit Genscher, Brundage . . . "

Während das Schriftgut der Ministerien und Behörden automatisch in die staatlichen Archive wandert, ist das bei privaten Papieren nicht der Fall. Es braucht viel Geduld und Überzeugungsarbeit. "Wir haben ja keinen Anspruch darauf", sagt Sylvia Krauss, die Vorgängerin von Paringer, die kurz vor ihrem Ruhestand noch den begehrten Nachlass von Wolfgang und Wieland Wagner erwerben konnte. Allein in München konkurrieren diesbezüglich das Institut für Zeitgeschichte, die Staatsbibliothek und die Hanns-Seidel-Stiftung, wo etwa der Nachlass von Franz Josef Strauß zu finden ist.

Der größte Nachlass im Hauptstaatsarchiv umfasst 42 Regalmeter und gehört zum Ex-Ministerpräsidenten Hans Ehard (1887-1980). Er ermöglicht einzigartige Einblicke in die Frühzeit der Bundesrepublik, umso mehr, als man der Wahrheit über private Aufzeichnungen oft näherkommt als über offizielles Schriftgut. "Glaub' ja nicht, was in den Ministerialakten steht, das ist nichts wert", sagte einmal ein Beamter des Kultusministeriums.

Umso kostbarer sind die Erinnerungsstücke aus der Frühzeit der Grünen, etwa die Nachlässe von Sepp Daxenberger und Ruth Paulig, die dem Archiv als erste Person persönliche digitale Akten übergeben hat. Paringer bezeichnet es als große Herausforderung für die Zukunft, private Dokumentationen aus den sozialen Medien und aus Mailprogrammen archivalisch zu dokumentieren. Auch immer mehr Journalisten geben ihre Nachlässe hierher. Franz Schönhuber etwa, dessen Nachlass die Gründungszeit der Republikaner bestens ausleuchtet. Nicht zuletzt finden sich die Nachlässe von SZ-Journalisten wie dem ehemaligen Chefredakteur Hermann Proebst (1904-70) und von Ernst Müller-Meiningen (1908-2006).

Alles in allem summieren sich die Nachlassakten auf eine Länge von 1,3 Kilometer. "Ein wirklich beeindruckender Bestand", sagt die Generaldirektorin der Staatlichen Archive, Margit Ksoll-Marcon. Und ein Vertrauensbeweis. Viele Politiker, wie etwa Alois Glück, geben ihre Akten bereits zu Lebzeiten ins Archiv. Aber selbst nach hundert Jahren ist manchmal noch nichts verloren. Erst kürzlich sind Privatakten der aus der Revolution von 1918/19 bekannten Gebrüder Gandorfer ins Hauptstaatsarchiv überführt worden.

© SZ vom 03.05.2019/vewo
Service

Kulturerbe
:Spektakuläre Erfolge für den Denkmalschutz in Bayern

Experten stellen sich gegen zahlreiche Widrigkeiten und haben schon so manchen Kulturschatz gerettet - und das, obwohl Denkmäler heutzutage oft nur als finanzielle Last betrachtet werden.

Von Hans Kratzer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite