Bayerische Geschichte:Diese Familie hat alle Höhen und Tiefen durchmessen

Ähnlich wie sein ermordeter Bruder durchlebte auch Franz Graf von Spreti (1914-1990) eine Zeit des ausgeprägten politisch-gesellschaftlichen Wandels. Nach 1945 gehörte er zu den sogenannten Männern der ersten Stunde. 1946 wurde er der erste frei gewählte Landrat des Landkreises Landshut, 1958 stieg er zum Bezirkstagspräsidenten von Niederbayern auf, 1964 wurde er zum Präsidenten der Kanzlei und der Verwaltung des Herzogs von Bayern berufen.

An der Seite des Albrecht Herzog von Bayern (1905-96) begleitete er 1965 Königin Elizabeth II. bei ihrem Staatsbesuch in Deutschland. Die Bundesrepublik wäre damals durch die separatistisch motivierten Bayern beinahe in eine Staatskrise geschlittert, spielte doch die Blaskapelle auf Befehl von oben die bayerische vor der deutschen Hymne.

Diese Streiflichter aus der Geschichte der Grafen von Spreti zeigen eine Familie, die alle Höhen und Tiefen durchmessen und sich lokal und international verortet hat. Umso interessanter liest sich die Kapfinger Dorfchronik, für die Franz Graf von Spreti bis zu seinem Tod eine Menge Material zusammengetragen hat. In diesem Werk bündeln sich eine Aufgeschlossenheit für die weite Welt wie auch die Liebe zur ländlichen Heimat. Und es zeigt: "Von der oft postulierten guaden oiden Zeit konnte keine Rede sein", sagt der Historiker Jörg Zedler.

Das Jahr 1918 brachte nicht nur die Abschaffung des Adels mit sich, sondern auch die empfindliche Dezimierung des Familienvermögens - die reichlich gezeichneten Kriegsanleihen hatten mit der Niederlage ihren Wert verloren. Zusammen mit Zedler hat Heinrich von Spreti dieses Buch vollendet.

Auch als Präsident von Sotheby's in Deutschland hat er sich die Sehnsucht nach dem dörflichen Kapfing bewahrt - und nach Anekdoten wie jener von dem Ochsen, der jedes Mal zu hinken anfing, als er gen Landshut getrieben wurde, um auf dem dortigen Viehmarkt verkauft zu werden.

Nach dem Tod des in Finanznot geratenen Wolfram Graf von Spreti im Jahr 2004 wurde der Familienstammsitz in Kapfing veräußert. "Das schmerzt sehr", sagt Heinrich Graf von Spreti, der aber weiß, dass dieses Schicksal vielen Adelsfamilien widerfahren ist. Der alte Wahlspruch eines Vorfahren lautete: "Glorreiche Handlungen der Vorfahren soll man in Taten nachahmen und sie, wenn die Kräfte dazu reichen, übertreffen." Dass es manchmal umgekehrt läuft, das mussten die Spretis immer wieder schmerzhaft erdulden.

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