Süddeutsche Zeitung

Bayerische Geschichte:Die Kosmopoliten aus Kapfing

Das Geschlecht der Grafen von Spreti hat Bayern in den vergangenen 250 Jahren geprägt. Eine Ausstellung erinnert an die einstigen Einwanderer aus Italien - und ihre tragische Geschichte.

Von Hans Kratzer, Landshut

Als an jenem Montag im April 1970 im Schloss Kapfing gegen 4.45 Uhr das Telefon läutete, ahnte der Hausherr Franz Graf von Spreti, dass dies nichts Gutes bedeutete. Erst recht, als er die Stimme seines Neffen hörte: "Sie haben es eben im Radio gebracht - Vater ist tot." Der Tote war Karl Graf von Spreti, der damalige deutsche Botschafter in Guatemala. Sechs Tage vorher war er von einer gegen die Militärregierung kämpfenden Guerillagruppe auf offener Straße entführt worden. Als man ihn fand, war er tot. Seine Mörder hatten ihn durch zwei Kopfschüsse getötet.

Die Nachricht löste in Deutschland große Bestürzung aus. In der Politik wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. "Karl Graf von Spreti war das erste Terroropfer der Bundesrepublik", sagt sein Nachfahre Heinrich Graf von Spreti, der die Familiengeschichte dokumentiert und deshalb weiß, dass die Ängste seiner Verwandten damals in eine ganz andere Richtung zielten. "Mein Vater hatte immer Sorge, dass die Russen plötzlich vor unserem Schloss in Kapfing stehen und uns verjagen."

Oft hieß es: "Dann flüchten wir in die Botschaft, dort sind wir sicher." Bis sich plötzlich herausstellte: "Die Botschaft war der unsicherste Ort." Nach einem Staatstrauerakt in der Landshuter Martinskirche wurde der ermordete Graf Spreti am 14. April 1970 in seinem Heimatort Kapfing (Kreis Landshut) zu Grabe getragen. So begannen die blutigen 70er-Jahre, in denen der internationale Terrorismus und Banden wie die Rote Armee Fraktion die Bundesrepublik schwer erschütterten.

Der Name Spreti ging nach dieser Tragödie um die ganze Welt. Ansonsten agierte dieses Geschlecht meistens so zurückhaltend wie die vielen anderen bayerischen Landadelsfamilien. Durch Heiratspolitik wurden aus den italienischen Stadtpatriziern im 18. Jahrhundert niederbayerische Adelige mit Hang zur Verwurzelung. "Und doch zeigt sich bei dieser früheren Immigrantenfamilie bis heute die Tendenz, aus dieser Heimat wieder auszubrechen und in die große Welt hinaus zu wirken."

Das hat Martin Rüth festgestellt, der Leiter des Staatsarchivs Landshut, in dem gerade eine Ausstellung über die Spretis eröffnet wurde. Sie erhielt also nicht zu Unrecht den Ausstellungstitel "Niederbayern und die Welt - Die Grafen von Spreti".

Das Schlossarchiv Kapfing der Familie Spreti ist seit Jahren in das Staatsarchiv Landshut integriert, einem großartigen Neubau, in dem jetzt auch Ausstellungen gezeigt werden können. Die Unterlagen der Spretis sind idealtypisch für die zahlreichen adeligen Hofmarken in Niederbayern und ihrer engen Bindung an die Region. Zum anderen reichen viele Spreti-Biografien weit über Niederbayern hinaus.

Da gibt es etwa das packende Reisejournal des Friedrich von Spreti, der 1829 die bayerische Prinzessin Amélie von Leuchtenberg bei ihrer lebensgefährlichen Brautfahrt nach Brasilien begleitete. Amélie heiratete dort den Kaiser Pedro I., an dessen Hof sie alsbald Lockerheit durch Strenge ersetzte. Die Brasilianer verpassten ihr deshalb den verächtlichen Beinamen "die Fremde". Das Tagebuch des Friedrich von Spreti erlaubt unmittelbare Einblicke in den Alltag dieser Kaiserin sowie in die Beschwerlichkeiten der Reise und in den von der Sklaverei geprägten Alltag.

Als Buch liegen auch die Briefe des Offiziers Cajetan von Spreti vor. Sie vermitteln berührende Annäherungen an das Gefühlsleben der Menschen aus der Napoleonzeit. Der Leser erfährt, welche Ängste sie litten, welches Heimweh sie auf den Feldzügen drückte, welche Ohnmacht die Familien plagte.

Und welcher furchtbare Ehrbegriff damals obwaltete, der den Menschen dies alles aufzwang. In Cajetans Briefen ist seine Verzweiflung zu spüren, immer begleitet vom Gedanken, dass jeder Tag der letzte sein konnte. Die Notwendigkeit zu sterben, die den Soldaten ständig eingetrichtert wurde, erinnert fatal an die Verblendung heutiger Terror-Fanatiker.

Diese Familie hat alle Höhen und Tiefen durchmessen

Ähnlich wie sein ermordeter Bruder durchlebte auch Franz Graf von Spreti (1914-1990) eine Zeit des ausgeprägten politisch-gesellschaftlichen Wandels. Nach 1945 gehörte er zu den sogenannten Männern der ersten Stunde. 1946 wurde er der erste frei gewählte Landrat des Landkreises Landshut, 1958 stieg er zum Bezirkstagspräsidenten von Niederbayern auf, 1964 wurde er zum Präsidenten der Kanzlei und der Verwaltung des Herzogs von Bayern berufen.

An der Seite des Albrecht Herzog von Bayern (1905-96) begleitete er 1965 Königin Elizabeth II. bei ihrem Staatsbesuch in Deutschland. Die Bundesrepublik wäre damals durch die separatistisch motivierten Bayern beinahe in eine Staatskrise geschlittert, spielte doch die Blaskapelle auf Befehl von oben die bayerische vor der deutschen Hymne.

Diese Streiflichter aus der Geschichte der Grafen von Spreti zeigen eine Familie, die alle Höhen und Tiefen durchmessen und sich lokal und international verortet hat. Umso interessanter liest sich die Kapfinger Dorfchronik, für die Franz Graf von Spreti bis zu seinem Tod eine Menge Material zusammengetragen hat. In diesem Werk bündeln sich eine Aufgeschlossenheit für die weite Welt wie auch die Liebe zur ländlichen Heimat. Und es zeigt: "Von der oft postulierten guaden oiden Zeit konnte keine Rede sein", sagt der Historiker Jörg Zedler.

Das Jahr 1918 brachte nicht nur die Abschaffung des Adels mit sich, sondern auch die empfindliche Dezimierung des Familienvermögens - die reichlich gezeichneten Kriegsanleihen hatten mit der Niederlage ihren Wert verloren. Zusammen mit Zedler hat Heinrich von Spreti dieses Buch vollendet.

Auch als Präsident von Sotheby's in Deutschland hat er sich die Sehnsucht nach dem dörflichen Kapfing bewahrt - und nach Anekdoten wie jener von dem Ochsen, der jedes Mal zu hinken anfing, als er gen Landshut getrieben wurde, um auf dem dortigen Viehmarkt verkauft zu werden.

Nach dem Tod des in Finanznot geratenen Wolfram Graf von Spreti im Jahr 2004 wurde der Familienstammsitz in Kapfing veräußert. "Das schmerzt sehr", sagt Heinrich Graf von Spreti, der aber weiß, dass dieses Schicksal vielen Adelsfamilien widerfahren ist. Der alte Wahlspruch eines Vorfahren lautete: "Glorreiche Handlungen der Vorfahren soll man in Taten nachahmen und sie, wenn die Kräfte dazu reichen, übertreffen." Dass es manchmal umgekehrt läuft, das mussten die Spretis immer wieder schmerzhaft erdulden.

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SZ vom 17.06.2017/amm
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