Bayerische Geschichte:Die Kosmopoliten aus Kapfing

Spreti Ausstellung Landshut

Franz Graf von Spreti (ganz rechts) war bis 1979 für Albrecht Herzog von Bayern tätig. An dessen Seite begrüßte er 1965 Königin Elisabeth II. bei ihrem Staatsbesuch in Deutschland, hier im Schloss Nymphenburg.

(Foto: Staatsarchiv Landshut)

Das Geschlecht der Grafen von Spreti hat Bayern in den vergangenen 250 Jahren geprägt. Eine Ausstellung erinnert an die einstigen Einwanderer aus Italien - und ihre tragische Geschichte.

Von Hans Kratzer, Landshut

Als an jenem Montag im April 1970 im Schloss Kapfing gegen 4.45 Uhr das Telefon läutete, ahnte der Hausherr Franz Graf von Spreti, dass dies nichts Gutes bedeutete. Erst recht, als er die Stimme seines Neffen hörte: "Sie haben es eben im Radio gebracht - Vater ist tot." Der Tote war Karl Graf von Spreti, der damalige deutsche Botschafter in Guatemala. Sechs Tage vorher war er von einer gegen die Militärregierung kämpfenden Guerillagruppe auf offener Straße entführt worden. Als man ihn fand, war er tot. Seine Mörder hatten ihn durch zwei Kopfschüsse getötet.

Die Nachricht löste in Deutschland große Bestürzung aus. In der Politik wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. "Karl Graf von Spreti war das erste Terroropfer der Bundesrepublik", sagt sein Nachfahre Heinrich Graf von Spreti, der die Familiengeschichte dokumentiert und deshalb weiß, dass die Ängste seiner Verwandten damals in eine ganz andere Richtung zielten. "Mein Vater hatte immer Sorge, dass die Russen plötzlich vor unserem Schloss in Kapfing stehen und uns verjagen."

Oft hieß es: "Dann flüchten wir in die Botschaft, dort sind wir sicher." Bis sich plötzlich herausstellte: "Die Botschaft war der unsicherste Ort." Nach einem Staatstrauerakt in der Landshuter Martinskirche wurde der ermordete Graf Spreti am 14. April 1970 in seinem Heimatort Kapfing (Kreis Landshut) zu Grabe getragen. So begannen die blutigen 70er-Jahre, in denen der internationale Terrorismus und Banden wie die Rote Armee Fraktion die Bundesrepublik schwer erschütterten.

Der Name Spreti ging nach dieser Tragödie um die ganze Welt. Ansonsten agierte dieses Geschlecht meistens so zurückhaltend wie die vielen anderen bayerischen Landadelsfamilien. Durch Heiratspolitik wurden aus den italienischen Stadtpatriziern im 18. Jahrhundert niederbayerische Adelige mit Hang zur Verwurzelung. "Und doch zeigt sich bei dieser früheren Immigrantenfamilie bis heute die Tendenz, aus dieser Heimat wieder auszubrechen und in die große Welt hinaus zu wirken."

Das hat Martin Rüth festgestellt, der Leiter des Staatsarchivs Landshut, in dem gerade eine Ausstellung über die Spretis eröffnet wurde. Sie erhielt also nicht zu Unrecht den Ausstellungstitel "Niederbayern und die Welt - Die Grafen von Spreti".

Das Schlossarchiv Kapfing der Familie Spreti ist seit Jahren in das Staatsarchiv Landshut integriert, einem großartigen Neubau, in dem jetzt auch Ausstellungen gezeigt werden können. Die Unterlagen der Spretis sind idealtypisch für die zahlreichen adeligen Hofmarken in Niederbayern und ihrer engen Bindung an die Region. Zum anderen reichen viele Spreti-Biografien weit über Niederbayern hinaus.

Da gibt es etwa das packende Reisejournal des Friedrich von Spreti, der 1829 die bayerische Prinzessin Amélie von Leuchtenberg bei ihrer lebensgefährlichen Brautfahrt nach Brasilien begleitete. Amélie heiratete dort den Kaiser Pedro I., an dessen Hof sie alsbald Lockerheit durch Strenge ersetzte. Die Brasilianer verpassten ihr deshalb den verächtlichen Beinamen "die Fremde". Das Tagebuch des Friedrich von Spreti erlaubt unmittelbare Einblicke in den Alltag dieser Kaiserin sowie in die Beschwerlichkeiten der Reise und in den von der Sklaverei geprägten Alltag.

Als Buch liegen auch die Briefe des Offiziers Cajetan von Spreti vor. Sie vermitteln berührende Annäherungen an das Gefühlsleben der Menschen aus der Napoleonzeit. Der Leser erfährt, welche Ängste sie litten, welches Heimweh sie auf den Feldzügen drückte, welche Ohnmacht die Familien plagte.

Und welcher furchtbare Ehrbegriff damals obwaltete, der den Menschen dies alles aufzwang. In Cajetans Briefen ist seine Verzweiflung zu spüren, immer begleitet vom Gedanken, dass jeder Tag der letzte sein konnte. Die Notwendigkeit zu sterben, die den Soldaten ständig eingetrichtert wurde, erinnert fatal an die Verblendung heutiger Terror-Fanatiker.

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