Konfliktherd Ukraine:Leben und Sterben im Donbas

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Konfliktherd Ukraine: Ein Frontkämpfer posiert mit seiner Kalaschnikow vor der Kamera. Andere wollen nicht fotografiert werden. Oft haben sie Verwandte auf der anderen Seite. Sommer 2018.

Ein Frontkämpfer posiert mit seiner Kalaschnikow vor der Kamera. Andere wollen nicht fotografiert werden. Oft haben sie Verwandte auf der anderen Seite. Sommer 2018.

(Foto: Till Mayer)

Der Reporter und Fotograf Till Mayer bereist seit vielen Jahren die Ukraine. In einer Ausstellung im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt zeigt er jetzt eine Serie von Bildern, die auf bewegende Weise die Not der in diesem zerrissenen Land lebenden Menschen zum Ausdruck bringen.

Von Hans Kratzer, Ingolstadt

Dem 2014 losgetretenen Konflikt in der Ost-Ukraine ist in den vergangenen Jahren nur noch wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Wer weiß, vielleicht herrschte zu wenig Krawall, die übrige Welt hielt es jedenfalls nicht für nötig, ihren Blick dauerhaft auf das umkämpfte Donezk-Becken zu richten, das zum Teil von bewaffneten Separatisten beherrscht wird. Jetzt aber spitzt sich die dortige Krise abermals dramatisch zu. Die Separatisten werden politisch, militärisch und personell von Russland unterstützt, das mittlerweile dazu neigt, die Staatlichkeit der gesamten Ukraine in Frage zu stellen. Die Russen ziehen in der Region massiv Truppen zusammen, die Ukraine versucht aufzurüsten, die Kriegsgefahr wächst von Tag zu Tag.

In wenigen Wochen wird der Bamberger Reporter und Fotograf Till Mayer wieder in das Krisengebiet reisen. Zuletzt hielt er sich im Herbst 2021 in der Ukraine auf, um über die schwierigen Lebensbedingungen der Bevölkerung zu berichten. Für ihn seien solche Reisen eine schmerzhafte Sache, sagt er, "denn die Ukraine ist mir ans Herz gewachsen". Dass sich die Lage eines Tages wieder zuspitzen werde, das habe er immer befürchtet.

Schon vor Jahren hatte Mayer eine Ausstellung seiner Ukraine-Bilder im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt geplant. Mehrmals wurde die Schau wegen Corona verschoben. Vor einigen Tagen ist sie nun aber doch eröffnet worden, zum Glück, "denn sie hat ungewollt eine unheimliche Aktualität erhalten", sagt Ansgar Reiß, der Direktor des Armeemuseums. Das Ziel kann demnach nur lauten: "Wir wollen dazu beitragen, dass die Kenntnis über diesen Konflikt weiter wächst."

Mayer bereiste in den vergangenen Jahren zahlreiche Kriegs- und Krisenländer sowie Katastrophengebiete in Afrika, Asien und Europa. Als Informationsdelegierter des Roten Kreuzes sah er unter anderem auf dem Balkan, in der Türkei, in Sri Lanka, im Irak und im Iran nach dem Rechten. Die Schrecken des Krieges hat er dabei oft und aus nächster Nähe erlebt. Er war nahe bei den Soldaten, die in diesen Kriegen kämpfen, aber er suchte immer auch die Nähe jener Menschen, die unter den Folgen der Kriege leiden. Seine Fotografien zeigen nicht nur die Kampfhandlungen, den zähen Überlebenskampf in kilometerlangen Schützengräben und Minenfeldern, sondern auch all jene Facetten, die der Krieg sonst noch mit sich bringt. Das ist alles nicht schön, aber die Bilder bezeugen das omnipräsente Elend, das sich von der Front aus weit ins Land hineinfrisst. Und manchmal öffnen sich sogar vermeintlich harmlose Seiten, etwa wenn Soldaten in der Etappe beim Fitnesstraining zu sehen sind.

"Es gibt Bilder, die man nicht mehr los wird."

Eine eigene, erst 2021 entstandene Serie von Bildern hat Mayer den Soldatinnen gewidmet, die in diesem Krieg im Einsatz sind. In einem Radio-Interview erzählte Mayer zuletzt von einer jungen freundlichen Soldatin, die er 2018 getroffen hatte und die nur wenige Wochen später durch einen Granateneinschlag fiel. "Das hat mich sehr bewegt", sagte er, "es gibt Bilder, die man nicht mehr los wird." Mayer war von Beginn des Konfliktes an sehr häufig in den Ortschaften nahe der Front und hat dort viele Menschen kennengelernt und porträtiert. Einige von ihnen sind dem Krieg inzwischen zum Opfer gefallen. Umso mehr rückt er die Zivilbevölkerung ins Bild, die zertrümmerten Dörfer im Donbas, die Trauer über die Toten, die Menschen mit ihren vom Krieg gezeichneten Gesichtern.

Worauf er immer wieder hinweist: Dass die Gräben und Konfliktlinien im Donbas inzwischen auch quer durch die Familien und Freundeskreise verlaufen. Diese seien aufgespalten in die Fraktionen pro-ukrainisch und pro-separatistisch. Die Schützengräben hätten alles auseinandergerissen, sagt er. Die Alten lebten auf der einen Seite, die Kinder und Enkel auf der anderen. "Es ist eine unerträgliche Situation." Wie er diese Belastung psychisch verkrafte, wurde Mayer in einem Interview des Bayerischen Rundfunks gefragt. "Ich habe ja großes Glück", sagte er. "Ich bin nur begrenzt gefährdet und brauche keine Angst zu haben, Familienmitglieder oder Kameraden zu verlieren."

"Das politische Gebaren der Kontrahenten erinnert mich an den Kalten Krieg", sagt Reiß. Der wirke heute wie eine abgeschlossene Epoche, aber das sei ein Irrtum. Die Machtblöcke seien früher ein labiles Gebilde gewesen, und auch jetzt gebe es nichts zu beschönigen. Umso wichtiger seien Fotografien wie jene von Till Mayer, die den Krieg als grausame Realität sichtbar machten. Etwa die Porträts mit den leeren Gesichter jener, die Tage und Wochen unter ständigem Beschuss im Schützengraben und im Unterstand verbringen. Mayer dokumentiert eindrucksvoll und bewegend, was in dieser Grenzsituation stattfindet. Die Ausstellung versteht sich als Mahnung, dass der Frieden zu den obersten Geboten des Völkerrechts gehört. Mayers Appell: "Wir dürfen die Menschen im Donbas nicht im Stich lassen."

Till Mayer ist als Redakteur bei der Tageszeitung Obermain-Tagblatt angestellt. Als freier Fotograf und Journalist arbeitet er darüber hinaus für zahlreiche Zeitungen und Magazine. Seine Fotos werden weltweit in Ausstellungen gezeigt. Bereits 2019 ist sein Fotoband "Donbas. Europas vergessener Krieg" (Bamberg: Erich Weiß Verlag) erschienen.

Donbas - Krieg in Europa. Fotografien von Till Mayer. Bayerisches Armeemuseum, Neues Schloss Ingolstadt, bis 26. Juni (Di-Fr 9-17.30 Uhr, Sa/So 10-17.30 Uhr)

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