bedeckt München 19°

Außenansicht:Die CSU missbraucht das Kreuz für politische Zwecke

Die Geschichte der diversen Christentümer ist reich an Versuchen, christliche Symbole politisch zu verzwecken. Vor der Schlacht an der milvischen Brücke 312 soll Kaiser Konstantin eine Vision zuteil geworden sein: "In diesem Zeichen wirst Du siegen". Seitdem lässt sich vielfältiger Missbrauch des zentralen christlichen Glaubenssymbols durch politische Herrschaftsträger beobachten.

Das Unternehmen der bayerischen Staatsregierung ist insoweit wenig originell. Sie betreibt den Missbrauch des Kreuzes für sehr vordergründige politische Zwecke. Dieselben staatlichen Amtsträger, die seit Jahren erklären, "der Islam" könne nicht zwischen Religion und Politik unterscheiden und sei deshalb nicht demokratiefähig, inszenieren nun genau jene Entdifferenzierung von Religion und Politik, unter der sie ansonsten zu leiden vorgeben.

Friedrich Wilhelm Graf, 69, ist protestantischer Theologe und emeritierter Professor für Systematische Theologie der Universität München.

(Foto: Privat)

Verfassungsrechtler mögen darüber streiten, inwieweit die Verordnung der Staatsregierung das Neutralitätsgebot des Grundgesetzes verletzt, demzufolge der freiheitliche Staat sich nicht mit einer bestimmten Religionsgemeinschaft identifizieren darf. Aber die fatalen religionskulturellen Wirkungen des bayerischen Staatskreuzes lassen sich auch unabhängig von der fälligen juristischen Debatte bestimmen.

Das Kreuz schließt Juden, Muslime, Agnostiker und religiös Indifferente welcher Art auch immer aus. Es steht nicht für gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern für uralte Gräben, die jetzt neu aufgerissen werden. Es zum Zeichen irgendeiner bayerischen Kulturidentität umdeuten zu wollen, beschädigt nur seinen religiösen Gehalt. Hier wird mit einem Glaubenssymbol politisch Schindluder getrieben und so die Krise der kirchlichen Christentümer staatlich verstärkt.

Selten haben die führenden Geistlichen der beiden Volkskirchen ihre politische Schwäche und Verzagtheit so peinlich demonstriert wie in den vergangenen Tagen. Statt entschieden dagegen zu protestieren, dass die Staatsregierung das Zentralsymbol des Christlichen zum Erkennungszeichen einer Juden und Muslime ausgrenzenden bajuwarischen Stammesreligion pervertiert, hört man von Bayerns Bischöfen entweder nichts oder nur Widersprüchliches. "Wir als Kirchen werden natürlich immer darauf hinweisen, dass das Kreuz zuallererst ein religiöses Symbol ist", hat Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm erklärt. Darf man nach dem "zuallererst" fragen? Was soll es als religiöses Zeichen sonst symbolisieren können? Mit ihrem unklaren Gerede geben die Bischöfe das Kreuz zur beliebigen Verzweckung frei.

Wer die einst geführten Debatten um die "Heiligkeit" des Kreuzes kennt, kann sich über die Gedankenlosigkeit, mit der das leitende Personal der Kirchen die Deutungskompetenz über das Christliche Politikern überlässt, nur wundern. Zu guter Religion gehören Andacht und Ehrfurcht, Nachdenklichkeit und Selbstbesinnung. Das Kreuz im "Eingangsbereich" des Landratsamtes, zwischen Pförtnerloge und dem Glaskasten mit Mitteilungen der Mitarbeitervertretung, wird der weiteren Entwertung religiöser Symbole Vorschub leisten - eine gewiss unheilige Entwicklung.

© SZ vom 27.04.2018/infu

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite