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Aschaffenburg:Mord nach 40 Jahren vor Aufklärung

Nicht nur der Mord an der 15-jährigen Christiane J. wühlte die Aschaffenburger auf, sondern auch der Fundort der Leiche am Schloss.

(Foto: Olaf Przybilla)

Nach fast 40 Jahren könnte der mutmaßliche Mörder einer 15-Jährigen angeklagt werden. Damals wühlte neben der Tat auch der Fundort der Leiche die Menschen in Unterfranken auf.

Das Verbrechen führt in eine Zeit, in der die Bild-Zeitung noch 30 Pfennige kostete. Damals, am 21. Dezember 1979, stand die Geschichte von der Tötung einer Jugendlichen in Aschaffenburg auf der Titelseite des Blattes. "Weihnachtsmarkt. Christiane (15) traf ihren Mörder", lautete die Schlagzeile.

Fast 40 Jahre danach sind Ermittler zuversichtlich, dass sie den Mann ausfindig gemacht haben, der für den Tod von Christiane J. verantwortlich ist. Am 15. Mai wurde er festgenommen und kam in Untersuchungshaft. Eine Haftbeschwerde war nicht erfolgreich, die bisherigen Indizien sprechen offenbar dafür, dass die Kriminalbeamten den Mann ermittelt haben, der im Jahr 1979, sechs Tage vor Heilig Abend, eine 15-Jährige getötet und den Leichnam anschließend über eine Mauer am Aschaffenburger Schloss geworfen hat. Dort wurde das tote Mädchen am 19. Dezember 1979 entdeckt.

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Der Polizeibeamte Michael Zimmer war erst ein Jahr alt, als die Meldungen vom gewaltsamen Tod einer Jugendlichen die Menschen am Untermain erschütterten. Er stammt von dort, die Details des Falls aber kennt auch er nur aus den Akten. Und doch hat Zimmer immer wieder gehört von den erfolglosen Ermittlungen, auch als er noch kein Beamter war. "Das ging den Leuten einfach durch Mark und Knochen", sagt er. Nicht nur, dass das Opfer erst 15 Jahre alt war.

Auch der Fundort der Leiche wühlte die Menschen auf. Das Schloss ist der zentrale Ort der Stadt, viele verbringen dort ihre freien Stunden oder gehen hoch überm Main spazieren. Im Schlossgarten liegt auch der "Frühstückstempel", ein schmucker Pavillon. Unterhalb dieses malerisch auf einem kleinen Felsen thronenden weißen Bauwerks wurde der Leichnam von J. gefunden, wohl etwa zwölf Stunden, nachdem sie getötet wurde. Vermutlich ist die 15-Jährige über eine Schlossgartenmauer in die Tiefe gestoßen worden.

Es ist beinahe egal, wo Kapitalverbrechen geschehen - mit ihrer direkten Umgebung können Einheimische diese selten irgendwie in Einklang bringen. In diesem Aschaffenburger Fall aber ist die Differenz zwischen der Lieblichkeit der Umgebung und der Grausamkeit des Geschehens besonders verstörend. Wohl auch deshalb, glaubt der Polizeibeamte Zimmer, hat sich die Tat wie kaum eine andere ins kollektive Gedächtnis der Aschaffenburger eingegraben. Zimmer kennt das von Kindesbeinen an. "Wenn man jemanden fragt, was er 1979 gemacht hat, wissen viele nichts zu sagen." Aber daran, dass da eine 15-Jährige in der Nähe des Schlosses tot aufgefunden wurde, daran erinnerten sich fast alle.

Und natürlich auch daran, dass der Fall Jahrzehnte lang nicht aufgeklärt wurde. Nun aber könnte den Ermittlern der entscheidende Durchbruch gelungen sein. Was exakt sie auf die Spur eines heute 56 Jahre alten ehemaligen Aschaffenburgers gebracht hat, darüber schweigen die Beamten noch - aus "ermittlungstaktischen Gründen", wie es in solchen Fällen heißt. Indes gibt es einen ähnlich komplexen Altfall, den die Aschaffenburger Ermittler kürzlich aufgeklärt haben. Ein versuchter Sexualmord in einem Waldstück aus dem Jahr 1988 mit grausamen Details - das damals 22-jährige Opfer wurde lebend verscharrt - hat die Aschaffenburger drei Jahrzehnte lang aufgewühlt. Schließlich gelang es der Polizei, den Täter mit neuen, präziseren Analysemethoden zu überführen. Eine DNA-Spur verriet ihn. Erst vor einem Monat hat der Bundesgerichtshof die Revision gegen ein Urteil des Landgerichts Aschaffenburg verworfen. Es bleibt damit bei einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Die Zeit, sagt der Beamte Zimmer, arbeite in sogenannten Cold Cases grundsätzlich gegen die Ermittler. Das Erinnerungsvermögen lässt nach, und wenn ein Fall etliche Jahrzehnte zurückliegt, dann können viele Zeugen schon deshalb nicht mehr vernommen werden, weil sie nicht mehr am Leben sind. "Die Zeit arbeitet aber auch für uns", sagt er. Und zwar der verbesserten DNA-Analyse-Methoden wegen. Das ist den Ermittlern gerade in einem Fall wie jenem in Aschaffenburg wichtig: "Kein Täter kann sich mehr sicher sein", sagt Zimmer.

Auf dem Grabstein von Christiane J. steht: "ermordet 18.12.1979"

Der Mann, der nun seit zweieinhalb Monaten in Untersuchungshaft sitzt, war 1979 zwei Jahre älter als Christiane J. Und er kannte sie, wohnte nicht weit von ihrem Elternhaus entfernt. Ob und wie genau der Mann bereits vor vier Jahrzehnten ins Visier der Ermittler geriet, darüber will der Leitende Oberstaatsanwalt Axel Weihprecht keine Angaben machen. Ein konkreter Tatverdacht indes, das ist das Entscheidende, hat sich aus keiner der mehr als 500 Spuren erhärten lassen. Dies ist nun anders. "Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft besteht dringender Tatverdacht", sagt Weihprecht. Der 56-Jährige schweigt bislang zu den Vorwürfen. Weihprecht geht davon aus, dass die Staatsanwaltschaft im Herbst Anklage erheben wird.

Was genau an dem Abend im Dezember 1979 passiert ist? Mit Details halten sich die Ermittler noch zurück, die Rekonstruktion sei extrem aufwendig, man bitte um Verständnis. Dass sich Täter und Opfer auf dem "Weihnachtsmarkt" getroffen haben könnten, wie auf dem Boulevard spekuliert, sei grundsätzlich nicht auszuschließen. Hinter vorgehaltener Hand halten Ermittler die Möglichkeit aber für "Quatsch".

Vieles von dem, was das Main Echo über Jahre hinweg zusammengetragen hat, bestätigen Ermittler zwar nicht offiziell. Tatsächlich aber gehen die Beamten offenbar davon aus, dass J. abends zunächst einen Stenokurs besucht hat und dabei normalerweise von einer Freundin begleitet wurde; an dem Abend aber nicht - exakt wie in der Aschaffenburger Zeitung berichtet. Wie sie in den Schlossgarten gelangte, ist unklar. In einem Gebüsch soll es zu sexuellen Handlungen gekommen sein, danach wurde der Körper von J. 15 Meter in die Tiefe gestoßen. Ein Angestellter der Stadt fand am folgenden Vormittag zunächst Kleidungsstücke der 15-Jährigen; als Asservate werden diese seither aufbewahrt und dürften ein wesentliches Beweisstück in einem Mordprozess werden. Wenig später entdeckte der Mann auch den Leichnam des Mädchens, etwa auf Höhe des Mains, in der Nähe eines ehemaligen Bootshauses.

Auf den Grabstein von Christiane J. ließ ihre Familie "ermordet 18. 12. 1979" schreiben. Als die Ermittler 2005 den Fall erneut aufzurollen versuchten - damals erfolglos -, sagte die Mutter von J. dem Main Echo: "Der Täter soll sich nicht in Sicherheit wiegen und bloß nicht glauben, dass niemand mehr an seine schreckliche Tat denkt."

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