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Prozess in Kempten:Im Gewaltrausch

Prozess in Kempten gegen einen Vater wegen Mordes an seinem Baby

Der Prozess beginnt: Der 22-jähriger Angeklagte sitzt im Landgericht vor Gerichtsakten auf der Anklagebank.

(Foto: dpa)
  • Ein 22-Jähriger soll im August 2018 seinen knapp acht Monate alten Sohn zu Tode misshandelt zu haben.
  • Die Mutter hatte sich kurz vor der Tat von dem Vater getrennt.
  • Der Verteidiger des Angeklagten zeigt sich befremdet über die Mordanklage - üblicherweise werde ein solcher Sachverhalt als Totschlag bewertet.

Störungen haben Richter eigentlich nicht gerne in ihren Verhandlungen. "Lass es raus, Anna", ruft eine Zuhörerin im Sitzungssaal 169 des Landgerichts Kempten, als die Zeugin und Nebenklägerin befragt wird und dabei in Tränen ausbricht. Ihr ehemaliger Freund muss sich dort seit Donnerstag verantworten, weil er im August 2018 den gemeinsamen, knapp acht Monate alten Sohn getötet haben soll. Der Vorsitzende Richter Christoph Schwiebacher schaut kurz auf, blickt in die Zuschauerreihen, dann auf die schluchzende junge Frau, die vor ihm sitzt - und lässt es gut sein.

Die Staatsanwaltschaft plädiert auf Mord; sie geht davon aus, dass der 22-Jährige sich an seiner Ex-Freundin rächen wollte, weil sie ihn nur zwei Wochen vor der Tat verlassen hatte. Der Vater soll seinen Sohn, der wohl laut und ausdauernd schrie und sich nicht beruhigte, zunächst heftig geschüttelt haben. Dann, so verliest es der Staatsanwalt aus der Anklageschrift, soll er den Körper des Säuglings mit beiden Armen zusammengepresst und den Kopf gegen das Gitterbett geschlagen haben. Schließlich soll er ihn zweimal mit der Faust ins Gesicht und den Körper des Babys gegen den Wickeltisch geschlagen haben, bevor er den bewusstlosen Säugling zurück ins Bett legte.

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Der Angeklagte senkt den Kopf, als der Staatsanwalt die Anklageschrift verliest, er hat die Arme vor sich auf den Tisch gelegt, die Finger presst er fest zusammen. Er schluckt schwer und blickt nur einmal flüchtig zu seiner ehemaligen Freundin, die ihm direkt gegenüber sitzt, nur etwa zwei Meter entfernt. Fünf Jahre waren sie ein Paar, der Sohn sei ein Wunschkind gewesen, so erzählt es die Mutter im Zeugenstand. Der Vater habe sich gefreut, als er auf der Welt war; wenn der Kleine schrie, habe ihn das aber schon immer nervös gemacht. Sie habe ihn dann meistens raus geschickt, sagt sie. Als er immer öfter nicht nach Hause kam, sich nächtelang herumtrieb und nicht zu erreichen war, habe sie sich getrennt.

Die junge Frau spricht so leise, dass einer der Sachverständigen den Platz wechseln und näher an sie heranrücken muss, um sie zu verstehen. Trotz der Trennung habe der Vater auf den Sohn aufgepasst, wenn sie in der Arbeit war. Es sei auch am Abend der Tat ausgemacht gewesen, dass er den Jungen zu Bett bringt und auf ihn aufpasst. Die Mutter war zum Sport gegangen und danach zu einer Freundin, direkt gegenüber der gemeinsamen Wohnung in Kaufbeuren, in der der Angeklagte auch noch lebte, aber bald ausziehen sollte. "Ich war nur etwa zwei Minuten entfernt, damit ich sofort kommen konnte, wenn etwas ist", sagt sie. Ein Anruf, so erzählt sie es, kam jedoch erst, als es zu spät war: Er habe etwas gemacht, er habe dem Kind weh getan. Sie lief sofort los.

Der Vater des toten Jungen hat offenbar schon länger ein Alkohol- und Drogenproblem, so erzählen es verschiedene Zeugen. Er hat die Mittlere Reife abgeschlossen, aber mehrere Ausbildungen zum Koch abgebrochen. In der Verhandlung will er nichts sagen; also versucht das Gericht, die Geschehnisse anhand von Zeugenaussagen zu rekonstruieren: Demnach war der Angeklagte am 9. August 2018 mit einem Kumpel unterwegs. Als die Mutter des Kindes abends zum Sport ging, kauften sich die beiden Männer eine Flasche Gin, setzten sich mit dem Baby an die Wertach und tranken. Dann gingen sie zurück in die Wohnung. Der Vater brachte den Sohn ins Bett, doch der Sohn hörte nicht auf zu schreien. Nachbarn berichten von einem Knall: Danach sei es ruhig gewesen.

Polizisten im Zeugenstand schildern, wie der Mann immer wieder aggressiv wurde

Der Atemalkoholwert des Angeklagten ergab 1,64 Promille, er hatte auch Cannabis geraucht. Die Mutter rief die Polizei, holte den Sohn aus dem Bett, aber er reagierte nicht mehr und hatte nur Schnappatmung, wie sie berichtet. Während sie mit dem Jungen im Arm auf die Polizei und den Krankenwagen wartete, stand plötzlich der 22-Jährige im Türrahmen des Kinderzimmers und ritzte sich mit einem Messer den Unterarm auf. Polizisten verbanden die Verletzungen notdürftig, während Sanitäter den Säugling versorgten. Er starb zwei Tage später im Krankenhaus, an einer Hirnnekrose, verursacht durch ein Schädelhirntrauma.

Der Verteidiger des 22-Jährigen zeigt sich zu Beginn der Verhandlung befremdet über die Mordanklage, üblicherweise werde ein solcher Sachverhalt als Totschlag bewertet. Polizisten im Zeugenstand schildern, wie der Mann immer wieder aggressiv wurde, als sie ihn notversorgten. Dann rief er ihnen zu, dass es gut sei, dass er nun ins Gefängnis komme, dann könne sein Sohn ohne Gefahr leben. Laut seinen ersten Aussagen nach der Tat bestreitet er aber einige Punkte aus der Anklage: Der Junge habe sich nicht beruhigen lassen, er habe ihn deshalb stark gegen den Oberkörper und ins Bett gepresst. Ob er ihn geschlagen hat, könne er nicht mehr sagen.

Neben dem Vorwurf des Mordes ist der Angeklagte auch wegen Widerstands gegen und tätlichen Angriffs auf Polizisten angeklagt. Als sie ihn nach der Versorgung seiner Wunden im Krankenhaus die Handschellen anlegen wollten, trat er sie mit dem Fuß und dem Knie. Ein Beamter erlitt eine Nasenbeinfraktur.