Analphabetismus:Analphabeten entwickeln Strategien, um ihre Schwäche nicht zu zeigen

Die Scham ist das größte Problem: Eher wursteln sich Betroffene durch, als ihr Manko zuzugeben. Auch Marianne Huber heißt nicht so, aber sie holte sich Hilfe und spricht über ihr Problem - zumindest mit der Reporterin. Sich nicht zu kennen, macht es leichter. Schon in der Grundschule fiel Huber Lesen schwer, Hilfe bekam sie weder zu Hause noch in der Sonderschule. Mit 16 begann sie eine Ausbildung, arbeitet seitdem als Reinigungskraft. Ihren Kindern halfen Mittagsbetreuung und Nachhilfelehrer bei den Hausaufgaben.

Diese Bildungsbiografie sei typisch, sagt Renate Schiefer vom Bildungswerk des Gewerkschaftsbundes in Bayern. Lesen und Schreiben sind komplexe Leistungen. Wenn diese sich nie gefestigt haben und in einfachen Jobs nicht ständig gebraucht werden, können sie rasch verlernt werden. Aber das Problem haben nicht nur Geringqualifizierte, sagt Ursula Klimiont, die sich seit zehn Jahren im Bildungszentrum der Stadt Nürnberg um Grundbildung kümmert. "Ich habe sogar Maschinenbauer erlebt, die hochkomplizierte Dinge schaffen, aber wer nicht täglich lesen und schreiben muss, kann in zwei Jahren zum funktionalen Analphabeten werden."

Die Familien wissen selten von dieser Schwäche, eher vertrauten sich Betroffene den Kollegen an, bestätigt Schiefer. Dort setzt Mento an. In diesem Mentorenprogramm schult der Deutsche Gewerkschaftsbund Betriebsräte, Gewerkschafter und Vertrauenspersonen, damit diese betroffene Kollegen erkennen und Hilfe anbieten.

In Bayern steht das Projekt mit zwölf Mentoren noch am Anfang. "Das Thema ist so tabu wie früher Aids", sagt Schiefer. Der Fehler liege im System: "Die Schule fängt keine Ungleichheit auf, es ist keine Zeit für langsam lernende Kinder." Und in Betrieben würden vor allem Führungskräfte in Fortbildungen geschickt. Gering Qualifizierte kämen zu kurz.

Die Firmen sehen den Staat in der Pflicht: "Die Wirtschaft greift nach Möglichkeit korrigierend ein, falls es Versäumnisse gibt", sagt Bertram Brossardt, Geschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft. Aber der Freistaat könne mit einem Euro pro Jahr und Analphabeten gar keine Verbesserung erreichen, kritisiert Kathi Petersen (SPD).

Die Hilfe muss viel früher ansetzen

Das Problem beginne viel früher, denn auch in Bayern gebe es 20 Prozent Risikoschüler, die als Erwachsene Probleme haben dürften. "Es ist ein Skandal, dass es unser Schulsystem nicht schafft, diese Menschen abzuholen." Das Kultusministerium verweist auf differenzierten Unterricht und spezielle Unterstützung in den Grundschulen. Außerdem trainierten Förderlehrer an den Mittelschulen gezielt sprachliche Kompetenzen.

Marianne Huber musste sich selbst helfen. Als ihr Mann starb, konnte sie mit dem Handy nur telefonieren, jetzt schreibt sie Kurznachrichten. "Die Übung hilft", sagt sie. Mittlerweile besitzt sie sogar ein dünnes Bändchen mit Gedichten. Wovon diese handeln, kann Huber nicht sagen. "Ich vergesse das sofort, aber die Gedichte sind kurz, ich lese sie einfach immer wieder."

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