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Analphabetismus in Deutschland:50 Milliarden für das Lesenlernen - jedes Jahr

  • 7,5 Millionen Bundesbürger lesen höchstens auf Grundschulniveau - man spricht von "funktionalen Analphabeten".
  • Einer aktuellen Studie zufolge wären jedes Jahr Milliarden-Investitionen nötig, damit alle Deutsche künftig lesen und schreiben können.
  • Besonders schwer ist es, erwachsene Analphabeten zu erreichen.

Von Johann Osel

Es ist in diesen Tagen oft die Rede von afghanischen Hirtenjungen, die nie eine Schule besucht haben, oder von Flüchtlingen aus Afrika, die in ihrer Heimatsprache nicht lesen und schreiben können. Bei Hunderttausenden Flüchtlingen komme "ein noch nicht statistisch bezifferbarer Anteil von Analphabeten ins Land", sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka.

Doch es gibt auch hierzulande ein Analphabeten-Problem. 7,5 Millionen Bürger lesen höchstens auf Grundschulniveau - man spricht von "funktionalen Analphabeten". Und jedes Jahr verlassen 150 000 Jugendliche das Schulsystem mit rudimentären Kenntnissen. "Auch wenn derzeit die Bewältigung des Flüchtlingszustroms verständlicherweise im Fokus steht, darf das Potenzial der hier Aufgewachsenen nicht vernachlässigt werden", sagt Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS).

Milliarden-Investitionen benötigt

Wie viel Geld muss Deutschland ausgeben, damit alle Bürger künftig lesen und schreiben können, einen Schulabschluss und eine Ausbildung haben? Das hat das FiBS, das regelmäßig im Auftrag etwa von Ministerien Gutachten erstellt, jetzt errechnet. Die Studie, die an diesem Mittwoch erscheint, liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Eine strategische Bildungsoffensive erfordert demnach zusätzliche Investitionen von 40 bis 50 Milliarden Euro. Pro Jahr.

Die Rechnung ist denkbar breit angelegt. Sie beginnt bei der frühkindlichen Bildung, geht über das ganze System und endet bei der Nachschulung von Ungelernten und Grundbildung für Erwachsene.

Allein beim Kampf gegen Analphabetismus sieht Dohmen eine Milliarden-Lücke. "Die Nachqualifizierung von funktionalen Analphabeten und Personen ohne Berufsausbildung ist die zentrale Aufgabe zur Verringerung des Fachkräftemangels. Wir können uns den Luxus eines solchen Bildungsnotstands nicht länger leisten", sagt Dohmen.

Da die öffentliche Hand dies kaum leisten könne, nennt das Institut ein neues Modell: Versicherungen, Investoren, Stiftungen oder Bürger könnten in einen riesigen Fonds einzahlen - und später Rendite gezahlt bekommen, wenn der Staat durch die Bildungserfolge zusätzliche Steuern einnimmt oder weniger Sozialausgaben hat.

Erwachsene Analphabeten zu erreichen, ist schwierig

Abseits des Schulsystems an erwachsene Analphabeten heranzukommen, also mitunter Jahrzehnte mit diesem Manko Lebende, ist schwierig. Kürzlich haben Bund und Länder eine neue Kampagne angekündigt, zudem soll mehr Geld fließen, etwa in Selbstlerner-Kurse mit Smartphones. Ziel sei es, "durch passgenaue Angebote die Hemmschwelle für Betroffene so niedrig wie möglich zu halten", hieß es.

Genau hier liegt ein Problem: 60 Prozent der Betroffenen haben Jobs, meist als Ungelernte in Industrie, Bau, Gastronomie oder Objektreinigung, zeigen Studien. Nicht lesen zu können ist in vielen Betrieben "kein verstecktes Phänomen, kein echtes Tabu", stellt ein vom Bund gefördertes Forschungsprojekt fest.

Man arrangiert sich, die Mehrheit der Kollegen hilft, liest vor, füllt Zettel aus, bei Putzkräften kennzeichnen Chefs Chemikalien farblich. Und das wirkt so gut, dass ein Großteil der Befragten gar keinen Bedarf sieht, dass Analphabeten in manchen Branchen noch lesen lernen.

© SZ vom 07.10.2015/sks

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